Häufig Alkoholiker und psychisch Kranke betroffen

"Sie gehen durch die Hölle": Dieser Mann hilft Menschen, die am Abgrund stehen

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War früher Lehrer, ist jetzt Berufsbetreuer: Johannes Disselhorst kümmert sich um Menschen in Stadt und Landkreis Kassel. Er regelt unter anderem deren finanzielle Verhältnisse und hilft, den Alltag zu bewältigen. 

Kreis Kassel. Johannes Disselhorst hat in seinem Leben schon viel gesehen – vor allem Menschen am Abgrund. Der Grund dafür ist sein Beruf. 

Der 63-Jährige ist seit 2001 Betreuer und kümmert sich um Menschen, die zum Teil nicht mehr für sich selbst und ihre Angelegenheiten sorgen können. Alkoholiker und psychisch Kranke sind häufig darunter. 

„Ich habe Menschen mehrfach in die Psychiatrie einweisen lassen müssen“, sagt Disselhorst, der früher Lehrer war. Für manche kommt seine Hilfe allerdings zu spät. „Einen habe ich tot aufgefunden.“ Die Arbeit eines Betreuers kann aber auch viel bringen: „Es gibt Leute, um die ich mich kümmere, die es wirklich schaffen. Manche werden wieder völlig selbstständig.“

Die Aufgaben eines Betreuers unterscheiden sich von Betroffenem zu Betroffenem. „Bei manchen bin ich zum Beispiel nur für die Gesundheit zuständig, bei anderen muss ich mich auch um die finanzielle Situation kümmern und gegebenenfalls dabei helfen, Schulden abzubauen.“ Was ein Betreuer bei wem zu tun hat, wird in einem Ausweis festgeschrieben. „Vermögenssorge und Aufenthaltsbestimmung“ steht zum Beispiel darin. Grundsätzlich habe ein Betreuer immer den rechtlichen Auftrag, sich um das Wohl des Betreuten zu kümmern.

„Es geht aber nicht darum, Entscheidungen abzunehmen“, erklärt Disselhorst, „sondern um Hilfe zur Selbsthilfe. Ich habe auf die Wünsche meiner Klienten zu hören und unterstütze in der Entscheidungsfindung.“

Der Sozialpädagoge betreut zurzeit 36 Menschen in Stadt und Landkreis Kassel. Damit liegt er im Durchschnitt. Zwei Drittel davon sind psychisch krank. Weil er früher als Theaterpädagoge in einer psychiatrischen Einrichtung gearbeitet hat, bekommt Disselhorst häufig Menschen mit diesem Krankheitsbild zugeteilt.

Wie viel Zeit er für den Einzelnen braucht, ist ganz unterschiedlich. Bezahlt werden dem Betreuer 44 Euro brutto pro Stunde – aber nur, wenn er studiert hat. Wer eine Berufsausbildung hat, bekommt 33,50 Euro. „Die Vergütung ist seit 13 Jahren nicht erhöht worden“, sagt Disselhorst. Wie viele Stunden der Betreuer für welchen Betroffenen abrechnen kann, ist pauschal festgelegt. Dabei kommt es zum Beispiel darauf an, ob der Betreute im Heim lebt oder nicht.

Einfach ist der Berufsalltag eines Betreuers nicht. „Die erste Zeit war sehr schwierig, ich habe viele Erlebnisse mit nach Hause genommen“, sagt Disselhorst. Man müsse sich aber klarmachen, dass der Betroffene zwar meist durch die Hölle gehe – „man selbst ist aber nicht Teil der Hölle.“ Konflikte und Streit kämen ebenfalls nicht selten vor. Grundsätzlich sei es oft schon sehr spät, wenn eine Betreuung eingerichtet wird. „Wir werden meist erst gerufen, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen, also kaum noch was zu retten ist.“ Das sei auch der Grund, warum viele Lebenswege nicht mehr ins Gute umzukehren seien.

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