Geplante Strecke von A7 über Flughafen in Richtung Westen 

Ehemaliger Verkehrsplaner von Kassel: Idee zur Nordspange ist 80 Jahre alt 

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Fachmann in Sachen Nordtangente: Der ehemalige Amtsleiter der Kasseler Straßen- und Verkehrsbehörde Rainer Böhm kennt alle Planungen und Varianten rund um die Nordtangente seit Mitte der 1930er Jahre. „Die Nordtangente ist eine sehr gute Idee, aber nicht umsetzbar“, sagt er.

Kreis Kassel. Rainer Böhm, 80 Jahre alt, war viele Jahre lang Amtschef der Kasseler Straßen- und Verkehrsbehörde und kennt alle Planungen, die je rund um das Thema Nordspange ersonnen wurden – seit den 1930er-Jahren.

Fast alle wollen die Nordspange – die Nord-Kommunen, die Kreis-Politik, der Landkreis. Das Land Hessen weiß noch nicht so recht, allein Niedersachsen sagt nein zu einer Schnellstraße von der A7 rüber über die Fulda vorbei am Flughafen Calden und weiter in westliche Richtung. „Damit ist eine unendliche Geschichte mal wieder im Gespräch“, sagt Rainer Böhm.

DIE ANFÄNGE

„Bereits 1936 gab es eine Autobahnplanung der Reichsautobahnen-Direktion von Berlin über Halle nördlich an Kassel vorbei bis nach Dortmund“, sagt Böhm. „Das kommt der Nordtangente schon sehr nahe“. Eine weitere Autobahn sollte als Nord-Süd-Achse damals noch über den Kamm des Habichtswalds nach Würzburg geführt werden. „Das scheiterte aber am Protest der Kasseler Bürger“. Eine dritte Linie führte östlich an Kassel vorbei (heute A7) bis hinunter nach Nürnberg, eine vierte Autobahn sollte südlich von Kassel Frankfurt mit Dresden verbinden. „Kassel wäre von einem Autobahnring umgeben gewesen“. Umgesetzt wurde nur die A7, die Nordtrasse blieb in der Schublade.

Die Karte der Deutschen Reichsautobahnen Direktion aus dem Jahre 1936 sah einen vollständigen Autobahnring rund um Kassel (links unten) vor. Teile davon sollten direkt westlich an Kassel vorbei durch den Habichtswald geführt werden.  

PLANSPIELE 1960-1980

1966 machte sich die Stadt Kassel selbst Gedanken um eine sehr stadtnahe Nordtangente. Sie sollte von Wolfsanger über Ihringshausen, Warteberg, über die Holländische Straße bis Kassel-Jungfernkopf führen. Auch dieses Projekt blieb nur eine Idee.

Etwa zur gleichen Zeit kam seitens der Straßenbauverwaltung Hessen erneut eine Nordtangente als Autobahn durch Süd-Niedersachsen von Nörten-Hardenberg nach Westen über Beverungen bis nach Bad Wünnenberg in Nordrhein-Westfalen an der heutigen A44 ins Spiel. Die Strecke wurde BAB-Eckverbindung genannt. „Sogar noch im Bedarfsplan für de Bundesfernstraßen 1971-1985 war diese Eckverbindung von der A7 aus dem Raum Göttingen bis nach Marsberg enthalten“, sagt Böhm. Hessisches Gebiet sei von dieser Linie nicht berührt worden. „Der Landkreis Kassel war bestrebt, die Linienführung nach Hessen südlich von Bad Karlshafen zu verschieben, um den nördlichen Landkreis besser zu erschließen“.

Zerknickt und vergilbt: Der „Bestandsplan für untersuchte Linien“ der Straßenbauverwaltung Hessen aus dem Jahre 1969 zeigt die Nordtangente als Autobahn-Eckverbindung durch Süd-Niedersachsen von Nörten-Hardenberg (A7) bis nach Bad Wünnenberg (A44) (gestrichelte blaue Linie oben). Die orangene Linie westlich von Kassel sollte eine Autobahnverbindung Bremen-Gießen werden. Das Projekt wurde nie realisiert. Foto: Naumann

PLANSPIELE 1980-2008

Ende der 1980er Jahre hatte dann der damalige Kasseler Landrat Willi Eiermann (SPD) mit seinem Göttinger Kollegen Willi Döring (CDU) eine Vereinbarung zum Bau einer zweispurigen Straßenbrücke über die Fulda bei Speele getroffen. „Mit dieser Querung hätte sich die Möglichkeit für eine Nordtangente von der A7-Anschlussstelle Lutterberg zur A44 bei Breuna ergeben“, sagt Böhm.

Jedoch sollte das Projekt erst nach Inbetriebnahme der Ortsumgehung Ihringshausen (B3, seit 2003 fertig) weiter verfolgt werden. „Erst 2007 schlug Eiermanns Nachfolger Udo Schlitzberger (SPD) erneut diese Trasse vor“.

PLANSPIELE 2009-2016

2009 wurde im Zusammenhang mit einer Anschlussstelle zur Erschließung des Gewerbegebietes Sandershäuser Berg wieder die Idee einer Straße über Calden zur A44 diskutiert. Die Machbarkeitsstudie des damaligen Verkehrsministers Dieter Posch (FDP) sah eine Straße durch Wolfsanger, Ihringshausen und Vellmar zur B7 vor. SPD und CDU opponierten gegen diese Pläne wegen enormer Kosten und der hohen Siedlungsdichte entlang der Trasse. Nach langen Diskussionen erklärte Posch 2013 die Nordspange dann für erledigt. 2015 legte der Zweckverband Raum Kassel (ZRK) mit seinem Verkehrsentwicklungsplan Region Kassel 2030 nach, und bewertete die Nordspange – nach erneuter Prüfung zweier Varianten – ebenfalls für nicht umsetzbar. Dennoch tischte die Kreis-CDU Ende 2016 die Nordspange wieder auf. Im Kreistag Anfang März setzte sich jedoch ein SPD-Antrag durch. Demnach soll nun beim Land eine sinnvolle Anbindung des Flughafens Calden an die A44 in Kombination mit einer ortsfernen Nordtangente für Kassel eingefordert werden.

Hintergrund - Böhm: Straße mit großem Potenzial

Rainer Böhm selbst ist ein Fürsprecher der Nordtangente. Sie birgt für ihn „ein enormes strukturelles Potenzial für Nordhessen“. Aber er erkennt auch all die planerischen Probleme, die mit einer Nordtangente einhergehen – die hohe Siedlungsdichte vor Ort, noch nicht überzeugende Verkehrsmengen und die enorm hohen Baukosten. Im Fazit vergleicht Böhm die Nordtangente mit dem Weiterbau der A44 durch das Lossetal östlich von Kassel: „Die A44 wird als Verkehrsprojekt Deutsche Einheit trotz der vergangenen 100 Jahre von der ersten Planungsidee bis zur Inbetriebnahme nicht scheitern. Die Nordumfahrung Kassel wird dagegen neuer Rekordhalter werden. Denn 80 Jahre sind bereits vergangen, aber sie wird weit nach 100 Jahren scheitern“.

Zur Person

Rainer Böhm, 80 Jahre alt, wurde als Deutscher in der Tschechei geboren. Nach bewegten Jugendjahren studierte er Bauingenieurwesen an der Technischen Hochschule Karlsruhe. Anschließend arbeitete er für eine Baufirma als Statiker und Brückenbauer. 1968 wechselte er in den Öffentlichen Dienst und stieg als Leiter der Außenstelle Breuna beim damaligen Straßenbauamt Hessen Nord ein. 1969 wurde er Planungschef des Kasseler Büros und arbeitete dort viele Jahre. 1994 übernahm Böhm die Leitung des Amtes für Straßen- und Verkehrswesen in Kassel bis er 2002 in den Ruhestand wechselte. Böhm lebt heute in Vellmar.


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