Äcker dürfen fünf weitere Jahre gespritzt werden

Glyphosat in der Region: Kreisbauernverband rechtfertigt den Einsatz

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Allgegenwärtiges Glyphosat: Unser Symbolbild zeigt einen Traktor, der Ende März über einem Feld zur Saatbettbereinigung Glyphosat ausbringt. Glyphosat kommt in der Regel als Nacherntebehandlung beziehungsweise vor der Aussaat zum Einsatz.

Kreis Kassel. Das umstrittene Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat darf für weitere fünf Jahre in der EU eingesetzt werden. Auch Landwirte aus der Region geraten deshalb immer wieder in die Kritik.

In einem HNA-Interview mit Reinhard Schulte-Ebbert nimmt der Kreisbauenverband Stellung.

Herr Schulte-Ebbert, der Glyphosateinsatz bringt die Landwirte in die Kritik. Wie gehen Sie damit um?

Reinhard Schulte-Ebbert: Die Kritik ist nicht berechtigt. Kein Herbizid wurde mehr geprüft als Glyphosat. Ich denke, das Mittel dient als Projektionsfläche für eine Angstkampagne. Die Krebsforschungsagentur der WHO hat die Substanz als wahrscheinlich krebserregend eingestuft. Wie Alkohol auch – den übrigens mit einem deutlich höheren Krebsrisiko. Und Alkohol trinken wir sogar.

Und was ist mit dem Insekten- und Artensterben?

Schulte-Ebbert: Glyphosat ist ein Herbizid, es wirkt auf Pflanzen. Es hat keine direkte Auswirkung auf Insekten.

Das klingt so, als hätten Sie mit Glyphosat überhaupt kein Problem.

Schulte-Ebbert: Doch. Glyphosat ist – wie ein Pestizid oder Fungizid auch – ein Gift. Und deshalb muss es mit großer Sorgfalt und Verantwortung eingesetzt werden. Kein Landwirt spritzt gerne Gift, dazu ist er viel zu stark verbunden mit der Natur. Aber er muss natürlich auch etwas ernten können. Die Landwirtschaft braucht einen wirksamen Pflanzenschutz.

Muss es ausgerechnet Glyphosat sein?

Schulte-Ebbert: Sogar das in Deutschland zuständige Institut für Risikobewertung – einst von den Grünen installiert – sieht wissenschaftlich keine Gefahren, die die Zulassung von Glyphosat einschränken würden. Nicht vergessen: Würde man Glyphosat verbieten, würden stattdessen andere Mittel ins Spiel kommen – und die Diskussion ginge von vorne los.

Wie locker gehen Landwirte mit Glyphosat um?

R. Schulte-Ebbert

Schulte-Ebbert: Landwirte müssen EU-Vorgaben einhalten. Tatsächlich hat sich der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln in den vergangenen 30 Jahren in Deutschland halbiert. Wir im Verband arbeiten ständig daran, Landwirte zu informieren und für einen zielgerichteten Einsatz zu werben, um benötigte Mengen weiter zu reduzieren.

Glyphosat steht für eine auf Hochleistung getrimmte Landwirtschaft, die Aspekte des Umwelt- und Naturschutzes nicht mehr ausreichend berücksichtigt.

Schulte-Ebbert: Wie gesagt: Kein Landwirt ist interessiert daran, seine Felder zu vergiften. Aber dennoch ist er einem Markt ausgesetzt. Er muss also vernünftig Pflanzenbau darstellen können, wenn er innerhalb dieses Marktes bestehen möchte. Dabei gilt: Ist er zu teuer, fliegt er da raus. Im Bio-Sektor ist das nicht anders. Die Art und Weise unserer Agrarproduktion ist auch Ausdruck einer bestimmten Marktrealität.

Diese Marktrealität ignoriert aber Landwirtschaftsformen, die ökologisch deutlich nachhaltiger sind.

Schulte-Ebbert: Die konventionelle wie auch die biologische Landwirtschaft ist längst eingebunden in einen weltweiten Produktions- und Vermarktungskontext. Nahrungsmittel- und Agrarkonzerne spielen dabei ebenso eine Rolle wie auch die EU mit ihren Auflagen und Richtlinien. Es ist fast unmöglich, da auszubrechen – zum Beispiel in Form eines nationalen Alleingangs. Aber der einzelne Landwirt kann durchaus etwas tun.

Wie kann das aussehen?

Schulte-Ebbert: Ein Bauer kann versuchen regional seine Produkte zu vermarkten. Hier brauchen wir pfiffige Landwirte und Nischen. Dafür muss er aber Kundenkontakte und Lieferbeziehungen selbst aufbauen. Auch ist seine Produktion arbeitsintensiver und damit oft teurer, die Kunden müssen das bezahlen wollen. Im Kern ist dieser Schritt gut, weil er natürlich nachhaltiger ist. Wir als Kreisbauernverband unterstützen das.

Welche Rolle spielen die Verbraucher?

Schulte-Ebbert: Die Verbraucher spielen eine große Rolle. Ihre Kaufentscheidung sorgt letztlich dafür, wie Landwirtschaft praktiziert wird. Statt Discount-Billig-Fleisch oder Industrie-Fertigessen können wir regional Fleisch und andere Produkte kaufen. Das liegt ganz an uns.

Unterschiedliche Ergebnisse zum Krebsrisiko

Über 1000 Einzelstudien und Dokumente zu Glyphosat hat das Bundesinstitut für Risikobewertung mit Sitz in Berlin (BfR) in den vergangenen Jahren ausgewertet, um die Gefährlichkeit des Herbizids neu zu bewerten. Dabei spielte das Krebsrisiko eine große Rolle. Im Anschluss prüfte auch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) die Befunde. Das Ergebnis: Glyphosat ist nicht krebserregend. 

Die WHO-Einrichtung JMPR (eine Pestizidexpertengruppe) kam im Mai 2016 zu dem Ergebnis, dass Glyphosat nur eine sehr geringe akute Giftigkeit hat. Entsprechend sei es unwahrscheinlich, dass Rückstände in der Nahrung das Krebsrisiko für den Menschen erhöhen. 

Diesem Ergebnis war 2015 eine Veröffentlichung der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC, der WHO angeschlossenen) vorausgegangen, die das Pflanzengift als „wahrscheinlich krebserregend“ einstufte. Die BfR sowie die EFSA prüften wiederholt und befanden das Gift erneut als „wahrscheinlich nicht krebserregend“. 2017 sickerte schließlich der Verdacht durch, dass der Glyphosat-Hersteller Monsanto eigene Gefahrengutachten zu dem Pestizid manipuliert hat. Die BfR bemerkte dazu, dass bei der Bewertung die Monsanto-Papiere keine entscheidende Rolle gespielt hätten.

Der Einsatz des Pflanzengiftes ist auch in anderen teilen der Region stark umstritten, so etwa in den Landkreisen Hersfeld-Rotenburg und Waldeck-Frankenberg. Die Stadt Göttingen verzichtet bei der Pflege ihrer Grün- und Freiflächen nach Angaben des Umweltverbandes BUND bereits auf Glyphosat und andere Pestizide.

Hintergrund: Pflanzengift mit langer Geschichte

Das Herbizid (Unkrautvernichtungsmittel) Glyphosat gibt es seit 1950. In der Landwirtschaft wird es seit den 1970er-Jahren eingesetzt. Das Mittel tötet Feldunkräuter. Heute ist das Herbizid das mit Abstand am meisten verwendete Pflanzenschutzmittel. Zunächst wurde die Chemikalie vor allem vor der Aussaat verwandt, um Äcker von Unkraut zu befreien. Seit der Einführung genetisch veränderter Pflanzen (Mais, Raps), die gegen Glyphosat resistent sind, kann es auch nach der Saat eingesetzt werden. 

Laut einer Studie des Pestizid-Forschers Charles Benbrook (USA) hat sich der Einsatz von Glyphosat in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt. In Deutschland kaufen Landwirte rund 5000 Tonnen an Pflanzschutzmitteln auf Basis von Glyphosat. Bekannt geworden ist das Pflanzengift vor allem durch das Monsanto-Produkt „Roundup“.

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