Firma aus Berlin kassiert Beiträge

Abzocke bei Selbstständigen: Interview zu dubiosen Gewerberegistern

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Manuel Dietrich vom Gewerbeprüfdienst über dubiose Gewerberegister

Kreis Kassel. Derzeit erhalten Selbstständige in der Region Kassel wieder behördlich aufgemachte Schreiben eines so genannten „Gewerberegistrats“. Dahinter steckt eine dubiose Firma aus Berlin, die von Firmen horrende Beträge für Einträge im Internet kassiert.

Über die Masche sprach HNA-Redakteur Peter Ketteritzsch mit Manuel Dietrich vom Gewerbeprüfdienst des Landkreises Kassel.

Herr Dietrich, die Abzocker geben sich mit Wappen und der Bezeichnung Gewerberegistrat einen behördlichen Anstrich. Tatsächlich gibt es ein amtliches Gewerberegister. Was hat es damit auf sich? 

Manuel Dietrich: Das amtliche Gewerberegister ist ein von den Kommunen geführtes Verzeichnis der nach der Gewerbeordnung anzuzeigenden Gewerbebetriebe. In ihm werden die An-, Um- und Abmeldungen von Gewerbebetrieben erfasst. Im Landkreis Kassel ist grundsätzlich das Gewerbe- beziehungsweise Ordnungsamt der Kommunen für die Registerführung zuständig.

Welche Angaben enthält das amtliche Register? 

Dietrich: Im amtlichen Gewerberegister werden Angaben zum Betriebsinhaber und zum Betrieb wie Name, Anschrift, gewerbliche Tätigkeit und die Geschäftsführung erfasst. Die Daten werden bei der Gewerbebehörde mit der Gewerbeanmeldung aufgenommen. Außer der zu entrichtenden Gebühr von 25,50 Euro für die Anmeldung und die Gebühr für die Empfangsbescheinigung in Höhe von 7,50 Euro fallen dabei keine weiteren Gebühren an.

Wer kann das Gewerberegister nutzen? 

Dietrich: Die sogenannten Grunddaten, also der Name des Gewerbetreibenden, die betriebliche Anschrift und die angezeigte Tätigkeit dürfen allgemein zugänglich gemacht werden und können von jedem Bürger bei der für den Betrieb zuständigen Kommune kostenfrei abgefragt werden. Ein bundesweites elektronisches Gewerberegister befindet sich im Aufbau.

Das ominöse „Gewerberegistrat“ hat mit seiner Abzocke-Masche immer wieder Erfolg bei Selbstständigen. Was unternimmt der Landkreis, um potentielle Opfer zu schützen? 

Dietrich: Wir informieren bei dem Bekanntwerden eines Abzockversuchs die jeweils zuständigen Kammern, wie die Industrie- und Handelskammer und die Handwerkskammer, über die aktuelle Vorgehensweise der Registratur-Unternehmen. Die Aufgabe der Kammern ist es dann, die jeweiligen Mitgliedsbetriebe zu informieren. Außerdem leisten wir gemeinsam mit den Gewerbebehörden der Kommunen kreisweit Aufklärungsarbeit und informieren die Gewerbetreibenden im Zusammenhang mit gewerberechtlichen Prüfungen.

Erreichen Sie alle Gewerbetreibenden?

Dietrich: Der Gewerbeprüfdienst ist im Rahmen seiner gesetzlichen Zuständigkeiten meist ausschließlich für erlaubnispflichtige Gewerbebetriebe wie etwa im Handwerk zuständig und kann nicht flächendeckend mit jedem Gewerbetreibenden Kontakt aufnehmen. Da wir in jüngster Vergangenheit auf mehrere dubiose Schreiben von unseren Gewerbetreibenden im Landkreis Kassel angesprochen wurden, haben wir den Weg in die Öffentlichkeit durch eine entsprechende Berichterstattung gesucht.

Was raten Sie Betroffenen: Sollen sie die Abzocker anzeigen? 

Dietrich: Die Registratur-Unternehmen bewegen sich oft am Rande der Legalität und sichern sich auch gut ab. Im Übrigen besteht Vertragsfreiheit, und diese beinhaltet auch die Freiheit, derartige Verträge eigenverantwortlich abzuschließen. Der Landkreis Kassel hat keine Ermächtigungsgrundlage, um in die gewerberechtliche Vertragsfreiheit einzugreifen. Daher rufen wir alle Gewerbetreibende im Landkreis Kassel zur Wachsamkeit auf.

Zur Person

Manuel Dietrich ist Gewerbeprüfer beim Landkreis Kassel in Hofgeismar. Der 27-Jährige lebt in Immenhausen-Holzhausen. Er ist ledig.

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