Interview: Rechte im Landkreis Kassel bleiben oft unterm Radar

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Unter dem Radar, aber dennoch bedrohlich: Die Neonazi-Szene ist laut Stefan Wunsch im Landkreis Kassel eher im Untergrund tätig. Dennoch gehe von ihnen weiterhin eine Gefahr aus. Unser Symbolbild zeigt Skinheads bei einem Neonazi-Aufmarsch in Hagen.

Kreis Kassel. Wie stark ist die Neonazi-Szene im Landkreis Kassel ausgeprägt? Darüber haben wir mit Stefan Wunsch vom „Mobilen Beratungsteam gegen Rechtsextremismus und Rassismus“ gesprochen.

Kürzlich wurde der polizeibekannte Neonazi Stanley R. aus Kaufungen wegen des fahrlässigen Verstoßes gegen das Waffengesetz in Hof (Bayern) zu einer Geldstrafe verurteilt. Wir haben diesen Fall zum Anlass genommen, um mit Stefan Wunsch über die rechte Szene im Landkreis zu sprechen. Er arbeitet beim „Mobilen Beratungsteam gegen Rechtsextremismus und Rassismus – für demokratische Kultur in Hessen“ (MBT) mit Sitz in Kassel.

Herr Wunsch, inwieweit ist rechtes Gedankengut im Landkreis verbreitet?

Stefan Wunsch: Die Verbreitung reicht von Stammtischparolen bis hin zu organisierten Neonazi-Strukturen. Allerdings, und da unterscheidet sich der Landkreis Kassel auch von anderen Regionen in Hessen, gibt es hier keine klassisch auftretenden Kameradschaften wie in den 2000er-Jahren mehr. Damit ist gemeint, dass sie Demonstrationen anmelden und durchführen oder anderweitig politische Provokationen betreiben. Solche Phänomene können wir aktuell nicht erkennen.

Aber es gibt eine Szene?

Wunsch: Ja, die gibt es. Das hat auch der jüngste Fall um die Combat-18-Strukturen gezeigt. Das Themenfeld des Rechtsextremismus ist auf jeden Fall im Wandel. Es gibt bundesweite Phänomene, die auch vor dem Landkreis Kassel keinen Halt machen. Die Nutzung von Kanälen in den sozialen Medien machen es kleinen Gruppierungen – wie etwa den Identitären – leicht, ihre meist unbedeutenden Aktionen im Nachhinein medial aufzublasen.

Sind Auftreten und Ansprache der neuen Rechten subtiler geworden?

Wunsch: Das auf jeden Fall. Es gibt rechtsextreme Initiativen, die einen bürgerlich klingenden Namen haben, aber gegen Einrichtungen für Geflüchtete Stimmung machen. Das passierte und passiert in der Region online und auf der Straße.

Und wie sieht es mit Parteien aus?

Wunsch: Die dienstälteste Partei, die NPD, hat eher eine marginale Rolle. In Osthessen ist im vergangenen Jahr die Partei „Der dritte Weg“ massiv aufgetreten, mit kleineren und größeren Propaganda-Aktionen: Straßentheater, Demonstrationen und Einschüchterung des ausgemachten politischen Gegners. Also Menschen, die sich für Demokratie und gegen Rassismus eingesetzt haben, wurden massiv bedroht.

Gibt es solche bedrohlichen Strukturen hier in der Region?

Wunsch: Die Strukturen sind nach wie vor bedrohlich. Gerade diejenigen, die man in der Öffentlichkeit nicht wahrnimmt, wie eben auch das Combat-18-Netzwerk. Es gibt nach wie vor Übergriffe durch Rechtsextreme in der Region. Das meiste spielt sich aber unter dem Radar ab. Da sind Seilschaften, die bundesweit agieren, aber bis hierher reichen. Das zeigt der Fall Stanley R. Insgesamt ist das Auftreten aber mittlerweile weniger offensichtlich.

Ändert dieses Unterschwellige Ihre Arbeit?

Wunsch: Eigentlich nicht. Wir bekommen weiterhin Beratungsanfragen dahingehend, dass Menschen Sicherheit im Umgang mit Stammtischparolen und rechtsextremen Äußerungen suchen. Sei es im Freundeskreis, in der Familie oder am Arbeitsplatz.

Wie gelangt ein Mensch in die rechte Szene?

Wunsch: Das ist ein Prozess, bei dem die Menschen beginnen, sich im rechten Gedankengut wohlzufühlen. Es wird zu einer Möglichkeit, sich die Welt zu erklären. Hinzu kommt, dass die Szene immer wieder attraktive Momente für Rechte und Rechtsaffine schafft. Denn die rechte Szene ist eine Erlebniswelt. Sie bietet subkulturelle Elemente, die attraktiv sind, zum Beispiel Sportveranstaltungen, rechtsextreme Konzerte und Demos.

Der Name Stanley R. ist gefallen.

Wunsch: Er ist ein jahrzehntelang der Polizei bekannter Neonazi aus der Region. In den Berichten der parlamentarischen Untersuchungsausschüsse aus Nordrhein-Westfalen und Hessen ging es um seine Rolle im Combat-18-Netzwerk, speziell die Verbindung zwischen Neonazis aus Dortmund und Kassel. Er ist sehr einflussreich in der Szene.

Die Gedenkveranstaltung für Halit Yozgat soll seitens der Stadt Kassel heute nicht stattfinden – der Grund sind Sicherheitsbedenken. Was sagen Sie zu diesem Signal?

Wunsch: Die Veranstaltung findet statt, denn die Initiative 6. April will sie trotzdem durchführen. Meiner Meinung nach ist es ein falsches politisches Signal der Stadt, die Gedenkveranstaltung nicht durchführen zu wollen. Es handelt sich hier um eine Gedenkkundgebung für ein Opfer einer rassistischen Mordserie, die bis heute nicht aufgeklärt ist. An diesem Tag sollte die Stimme der Familie Yozgat im Vordergrund stehen.   

Strategien gegen Rechtsextremismus

Das Mobile Beratungsteam gegen Rechtsextremismus und Rassismus – für demokratische Kultur in Hessen wurde 2003 in Kassel gegründet. Es berät Menschen in Nord- und Osthessen, die sich gegen Rechtsextremismus positionieren und darin Unterstützung brauchen. Das können zum Beispiel Einzelpersonen, Verbände, Vereine, Schulen, Feuerwehren bis hin zur Lokalpolitik und auch Unternehmen sein. Das Team vermittelt Informationen zu rechtsextremen Strukturen und entwickelt mit den anfragenden Menschen Handlungsstrategien. Die Arbeit des Teams wird vom Bundesministerium für Familie, Frauen, Senioren und Jugend und vom Hessischen Innenministerium gefördert.  

„Combat 18“ und „Blood and Honour“ 

„Combat 18“ ist eine neonazistische Organisation, die in vielen europäischen Ländern agiert und als bewaffneter Arm des Neonazi-Netzwerks „Blood and Honour“ gilt. „Combat 18“ steht für „Kampftruppe Adolf Hitler“. Die Zahlen 1 und 8 stehen in der Neonazi-Szene für den ersten und den achten Buchstaben des lateinischen Alphabets und beziehen sich damit auf Hitlers Initialen „A“ und „H“. 

Das Netzwerk kämpft gegen politische Gegner unter Einsatz von Gewalt nach dem Prinzip Leaderless resistance („Führerloser Widerstand“). Mitgliederzahlen sind nicht bekannt, denn jeder, der derselben Ideologie folgt, kann sich als Mitglied bezeichnen. Das radikale Auftreten der Gruppe bringt ihr viel Bewunderung ein und findet auch in Deutschland Nachahmung durch Verwendung des Namens, Kleidung mit Aufdrucken von Gruppensymbolen oder dem Namen von „Combat 18“, Aufnäher auf Bomberjacken, Graffiti und Transparente. 

Das Netzwerk wird verantwortlich gemacht für eine große Zahl von gewalttätigen Anschlägen, Morden sowie Mordversuchen, von Briefbomben an farbige Sportler und Bombenanschlägen. Unter dem Namen „Redwatch“ veröffentlichten die britischen Neonazis Todeslisten von politischen Gegnern. Einzelne Personen oder Organisationen, die darin aufgelistet wurden, sind kurz nach Veröffentlichung Opfer eines Anschlags geworden.  

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