Maximal 0,35 MBit pro Sekunde

Kein Breitband für Bauern: Im Kreis Kassel klagen Landwirte über Internet-Wüste

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Gleiches Schicksal wie die Landwirte: Wer in Siedlungen mitten auf dem Land lebt ist in Sachen Internetversorgung schon seit Jahren unterversorgt.

Kreis Kassel. Kein Breitband für Bauern: Sieben Jahre währte der Kampf, den Erich Schaumburg gegen die Telekom führte. Es ging um einen Internetanschluss, „der seinen Namen auch verdient“.

Das sagt der Landwirt aus Niestetal, der auch Vorsitzender des Kreisbauernverbandes ist.

Doch den Kampf hat er jetzt verloren – die Telekom wird keinen Finger krumm machen, um die Breitbandversorgung seines Guts Windhausen in Niestetal zu verbessern. „Das schränkt die soziale und wirtschaftliche Teilhabe auf unerträgliche Weise ein“, wettert Schaumburg. Sein einziger Erfolg: Nach ewigem Papierkrieg hat ihm die Telekom ein Sonderkündigungsrecht eingeräumt.

Schaumburg ist kein Einzelfall. Viele Landwirte im Altkreis Kassel klagen über schlechte Internetversorgung. Schaumburg kann aktuell Datenraten von maximal 0,35 MBit pro Sekunde nutzen, Standard in Ballungsräumen wie Kassel sind heute bis zu 400 MBit pro Sekunde. 

Erich Schaumburg

Den benachbarten Landwirten Althaus, Landefeld, Becker, Nixdorf, Stiens und Hildebrand geht es nicht besser. „Die haben zwar einen 8 MBit-Vertrag, kriegen aber nur maximal 2 MBit rein“, weiß Schaumburg. Überhaupt spricht er für alle Bauern und Anwohner, die außerhalb der Ortschaften auf dem Land leben und arbeiten. „Immer mehr geht in der Landwirtschaft über das Internet, von der Beschaffung von Material über neue Ackerbaumethoden bis hin zum Stellen von Anträgen“, sagt Schaumburg.

In diesem Sinne hält er auch nicht viel vom aktuellen Breitbandausbau durch die Breitband Nordhessen. „Die legen ihre Glasfaserkabel nur bis an die Kabelverzweiger in den Ortschaften – und dann ist Schluss“. Die letzte Meile zum Verbraucher sei weiterhin ein Kupferkabel, „und je länger das ist, umso schlechter werden die Übertragungsraten“. 3,2 Kilometer sind es bei ihm, „viel zu viel, als dass da noch etwas Gescheites zu erwarten ist“, sagt Schaumburg. „Wir Landwirte fallen da einfach komplett raus“.

Richtfunkantenne auf dem Dach der Scheune hilft

Und so hat sich Schaumburg aus purer Not nun selbst geholfen. Die Firma OR Network mit Sitz in Reiskirchen östlich von Gießen hat ihm eine Richtfunkantenne auf das Scheunendach gebaut, die nun das Gut Windhausen mitsamt aller dortigen Wohnhäuser mit schnellem Internet versorgt. Einen fünfstelligen Betrag hat ihn das gekostet, „dafür gibt es hier jetzt zuverlässig 16 MBit-Internet“, sagt Schaumburg. Das sei immer noch wenig, aber immerhin könne man damit arbeiten“.

Schaumburg weiß, dass keineswegs jeder Landwirt solch eine Investition stemmen kann. „Das sollen sie auch nicht, dafür ist die Bundes- und Landespolitik zuständig“, sagt Schaumburg. „Meine Zwangsinvestition belegt lediglich, wie schlecht es um die Breitbandversorgung auf dem Land bestellt ist“.

Und so nimmt er Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ganz beim Wort, die beim jüngsten Deutschen Bauerntag Ende Juni 2017 in Berlin erklärte, das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur arbeite derzeit an einer Lösung für eine flächendeckende 50 MBit-Versorgung – vor allem auch für die Landwirte.

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