Letztes Mittel ist die Inobhutnahme

Kindeswohl in Gefahr: Jugendamt des Landkreises werden immer mehr Fälle gemeldet

Kreis Kassel. Dem Jugendamt des Landkreises Kassel werden immer mehr Fälle gemeldet, bei denen das Wohl von Kindern in Familien gefährdet ist.

Die Zahl der Fälle stieg von 335 im Jahr 2015 über 429 im Jahr 2016 auf 506 im vergangenen Jahr an. Diese Zahlen nannte Fachbereichsleiterin Sabine Scherer jetzt im Gespräch mit der HNA.

Der Anstieg ist laut Scherer auch auf eine höhere Sensibilisierung in der Bevölkerung beziehungsweise bei Polizei und Krankenhauspersonal zurückzuführen. Mit dem Klinikum Kassel gebe es seit 2012 eine Kooperation, damit bei Verdachtsfällen sofort der Kontakt mit dem Jugendamt zustande kommt.

Das Jugendamt des Landkreises legt besonderen Wert auf eine kurze Reaktionszeit. „Alle Fälle werden innerhalb von zwei Stunden bearbeitet“, sagt Scherer. Und: „Alle Meldungen werden von einem Team mit mehreren Mitarbeitern gesichtet.“ Das Skala reiche von „Wir fahren sofort los“ bis zu einem Gesprächstermin erst in zwei Wochen.

Dabei kann laut Scherer auch herauskommen, dass es keinen weiteren Handlungsbedarf seitens der Behörde gibt. Von den 506 Fällen 2017 wurden 70 sofort nicht weiter verfolgt. „Wenn uns beispielsweise gemeldet wurde, dass ein Jugendlicher auf dem Balkon raucht“, erläutert die Fachbereichsleiterin einen solchen Fall.

Von den rund 430 übrigen Meldungen sei nach intensiver Prüfung ebenfalls bei einem Viertel das Ergebnis: Es liegt keine Gefährdung für das Kind vor. „Bei allen anderen Fällen müssen wir etwas tun“, sagt Scherer. Bei besonderer Gefährdung von Kindern in Familien sei das letzte Mittel des Jugendamtes die Inobhutnahme, sagt die Expertin. Dieser Schritt wird immer an das Familiengericht gemeldet und später von diesem in einem Verfahren überprüft. Das Kind kann dann in einer geeigneten Einrichtung oder in einer Pflegefamilie untergebracht werden. Zunächst versuche man aber immer, einen Zwangseingriff in eine Familie zu vermeiden.

Unter der sogenannten „Hilfe zur Erziehung“ bietet das Jugendamt in nicht so gravierenden Fällen Begleitung für Eltern und Kinder an. „Dabei ist das oberste Prinzip Freiwilligkeit“, erläutert die Leiterin. 90 bis 95 Prozent der Arbeit des Jugendamtes nehme dieser andere Bereich ein, ergänzt Manfred Schilling, Fachbereichsleiter Allgemeiner Sozialer Dienst.

Im Sozialgesetzbuch VIII sind die Leistungen, mit denen das Jugendamt unterstützend in Familien tätig wird, aufgeführt. Hier werden im Auftrag der Behörde Sozialpädagogen von freien Trägern aktiv. „Die gehen dann zwei- bis dreimal in der Woche dahin“, erläutert Schilling.

Rubriklistenbild: © Archivbild: Patrick Pleul/dpa 

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