Vereine sind überlastet

Aufnahmestopp im Tierheim: Kommunen im Kreis Kassel müssen für Fundtiere sorgen

Machen Tierschutzverein sorgen: Unkastrierte Freigänger, Streuner und wild lebende Katzen im Kreis. Foto: Julian Stratenschulte /dpa

Kreis Kassel. Was tun, wenn seit Tagen eine Katze durch den Garten streunt, zusehends abgemagerter aussieht, niemand weiß, wem sie gehört und nirgendwo Vermisst-Anzeigen hängen?

Seit dem das Tierheim Wau-Mau-Insel in Kassel keine Tiere aus dem Landkreis mehr aufnimmt, erfordert das mehr Engagement von Vereinen und Kommunen.

Der Rat von Tierheim-Chef Karsten Plücker: „Setzen sie die in einen Katzenkorb und bringen Sie zu den Kommunen“. Fundtiere zu betreuen sei originäre Aufgaben der Verwaltungen. Die wiederum seien in der Findungsphase, erklärt Söhrewalds Bürgermeister Michael Steisel, der auch Vorsitzender der Bürgermeisterkreisversammlung ist.

Die Preisvorstellungen des Tierheims und die der Städte und Gemeinden seien bei den vorangegangenen Verhandlungen weit auseinander gegangen. Auch die Fallzahlen in den Kommunen hätten das vielen hergegeben. „Bei uns in Söhrewald haben wird – Klopf auf Holz – in den vergangenen zwei, drei Jahren gar kein Fundtier bekommen.“ So müsse jetzt jede Verwaltung für sich selbst schauen.

Im Altkreis Hofgeismar suchten die Kommunen zum Beispiel gemeinsam eine Lösung, erklärt deren Sprecher Jörg-Otto Quentin. Allerdings gibt es noch keine konkreten Pläne. Eine Möglichkeit vor Ort: die Apollo Hundeschule und Tierpension in Liebenau. Dort sind bereits Tiere untergebracht, die auf Vermittlung warten. Allerdings aus dem Kreis Höxter. 

Inhaber Uwe Bräuer bestätigt, dass es Anfragen von verschiedenen Kommunen im Landkreis gegeben habe, Fundtiere unterzubringen. Er habe diesen auch Angebote unterbreitet. Die Resonanz sei bisher jedoch verhalten gewesen. Ganz fix und für ganz wenig Geld, ginge das aber nicht. „Die Kommunen stellen sich das mitunter etwas einfach vor, man muss da ja auch die Kapazitäten schaffen und aufrecht erhalten“, sagt Bräuer. Auch er weist auf ein Problem hin, dass drei verschiedene Tierschutzorganisationen im Kreis nennen: Katzen. „Bei Fundhunden finden sich oft die Halter, bei den Katzen ist das viel schwieriger“, sagt Bräuer.

Auch Tierschutzvereine wie Cat-Care Tierhilfe Kassel, Hand und Pfote Lohfelden und die Guxhagener Katzenhilfe, die auch Katzen aus Baunatal aufnimmt, benennen die Kontrolle und gute Unterbringung der Katzenpopulation im Kreis als Problem. Die Vereine sind auf Spenden und ihre ehrenamtlichen Mitglieder angewiesen und momentan total ausge- und teilweise auch überlastet. „Wir können aktuell gar keine Abgabetiere aufnehmen, sondern nur Notfälle“, erklärt zum Beispiel die Katzenhilfe Guxhagen. 

Ein Handeln der Kommunen sei dringend nötig – auch wenn das politische Entscheidungsträger möglicherweise anders sähen, sind sich die Vereine einig. Neben der Optimallösung wie einem eigenen Tierheim, werden auch Möglichkeiten wie Katzenschutzordnungen genannt, die Katzenhalter verpflichten, die Tiere zu kastrieren und zu registrieren. Außerdem: „An einer vernünftigen, langfristigen Lösung und Zusammenarbeit mit den Kommunen sind wir natürlich immer noch interessiert“, sagt Tierheimchef Plücker. 

Das sagt Cat-Care Kassel

Birgit Lötzerich, Vorstandsmitglied der CAT-CARE Tierhilfe Kassel beschreibt die Situation der Tierschutzverein im Kreis: „Täglich erreichen uns durchschnittlich fünf Hilfegesuche bezüglich medizinischer Versorgung, Kastration und Aufnahme von zahmen Fundtieren, Streunern oder ganzen Würfen. Durchschnittlich drei dieser Anfragen kommen aus dem Landkreis Kassel.

Wir können nur einen Bruchteil aufnehmen, da die Zahl der Meldungen die Kapazitäten eines rein ehrenamtlichen, also in der Freizeit arbeitenden, und sich ausschließlich aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden finanzierenden Vereins bei weitem übersteigt. Wie auch andere regionale Vereine haben wir mehrere tausend Katzen in den letzten zwei Jahrzehnten kastriert und damit die Vermehrung vielerorts verlangsamt.

Vermutlich ist den Gemeinden aus diesem Grund gar nicht bewusst, wie dramatisch die Lage ohne kontinuierliches Eingreifen der Ehrenamtler wäre. Trotz der steten Bemühungen steigt die Zahl der frei lebenden Katzen weiter, weil immer mehr Halter die Kastrationskosten scheuen und ihre Katzen unkastriert ins Freie lassen, ohne sich um deren Nachwuchs zu kümmern.

Eine Kastrationspflicht ist daher dringend erforderlich, um die Anzahl der Katzennotfälle zu regulieren, und die Registrierungspflicht ließe uns Fundtiere ihren Haltern zurückführen, statt sie aufnehmen und finanzieren zu müssen.

Ein Tierheim im Kreis ist mehr als notwendig, da die Gemeinden gesetzlich zur Aufnahme von Fundtieren verpflichtet sind. Sie kommen dieser Pflicht aber schon seit vielen Jahren nicht nach, indem sie kurzerhand alle nicht gekennzeichneten Fundkatzen zu herrenlosen Katzen erklären, auch wenn die Tiere nachweislich zahm sind und somit in menschlicher Obhut gelebt haben müssen!“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.