Auswilderung in der Diskussion

Weibchen dringend gesucht: Der Luchs droht in Nordhessen zu verschwinden

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Einer von nur noch zwei Luchsen in unseren Wäldern: Dieses Foto von Luchs Yuki entstand im Mai 2017 bei Rotenburg. Weiter nördlich im Kaufunger Wald und in der Söhre lebt noch Felux. Beide Tiere sind Männchen. In den vergangenen drei Jahren sind sie keinem Weibchen mehr begegnet.  

Der Luchs in Nordhessen könnte in einigen Jahren schon wieder verschwunden sein. Der Grund: Es fehlt an den Weibchen. 

Zu dieser Erkenntnis gelangt Luchs-Forscher Markus Port vom Johann-Friedrich-Blumenbach Institut für Zoologie und Anthropologie in Göttingen. Zusammen mit seinem Team hatte er in den vergangenen Jahren in Zusammenarbeit mit dem Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie sowie dem Arbeitskreis Hessenluchs die Entwicklung des Luchsbestandes vom Reinhardswald über den Kaufunger Wald und die Söhre bis hin zum Meißner und weiter südlich bis nach Hessisch Lichtenau, Spangenberg und Rotenburg mithilfe von aufgestellten Fotofallen untersucht.

Das Ergebnis: Nach dem Wüten der Fuchsräude im Jahr 2015 durchstreifen seither statt sechs nur noch zwei Luchse die heimischen Wälder – und diese sind männlich. Der eine heißt Felux, ist den Forschern schon lange bekannt und hält sich gerne in der Söhre und im Kaufunger Wald auf. Der andere heißt Yuki und war erst 2016 aus dem Harz zugewandert. Derzeit zieht er gerne zwischen Spangenberg und Rotenburg durch die Wälder.

Seit drei Jahren kein Weibchen beobachtet 

„Seit drei Jahren aber haben wir in Nordhessen kein einziges standorttreues Weibchen mehr beobachtet“, sagt Port. Zwar gab es im Frühjahr 2017 noch zwei Sichtungen eines möglicherweise weiblichen Luchses bei Rotenburg und bei Nentershausen südlich von Sontra. Allerdings konnten die Forscher dieses Tier bislang nicht im Untersuchungsgebiet nachweisen.

„Auch bei dem im Januar 2018 bei Spangenberg fotografierten Luchs Funki dürfte es sich mit großer Wahrscheinlichkeit nur um einen Durchzügler gehandelt haben“, sagt Port. Sichtungen von Luchsen im Reinhardswald aus den Jahren 2016 und 2017 ließen sich aktuell ebenfalls nicht mehr bestätigen.

Aber es gibt noch Hoffnung: „Derzeit konzentrieren wir uns auf den südöstlichen Werra-Meißner-Kreis“, sagt Port. 30 Fotofallen seien dort Anfang Juli im Wald aufgestellt worden. „Es könnte sein, dass es dort vor allem im Grenzbereich zu Thüringen noch ein Weibchen gibt, das die Fuchsräude vor drei Jahren überstanden hat. Das wäre für den nordhessischen Luchsbestand noch das optimistischste Szenarium“.

Wenn sich aber auch diese Hoffnung als Trugschluss erweist, könnte es für den Luchs in Nordhessen tatsächlich eng werden. „Es fehlen einfach Weibchen, damit sich der Luchsbestand wieder erholen kann“, sagt Port. Allein vom Zuschauen könne den scheuen Tieren wohl nicht mehr auf die Beine geholfen werden.

Nur auf Durchzug: Luchs Funki tappte am 14. Januar 2018 bei Spangenberg in eine Fotofalle der Forscher. 

Luchse: Auswilderung als Option

Der Grund ist einfach: Luchweibchen sind im Gegensatz zu Luchsmännchen deutlich weniger zugfreudig. „Die beiden männlichen Luchse in Nordhessen sind aus dem Harz zugezogen. Es ist relativ unwahrscheinlich, dass auch Weibchen diese lange Distanz über etwa 100 Kilometer zurücklegen werden“. Mit anderen Worten: Kann also nur noch die Auswilderung von ein oder zwei Luchsweibchen den hiesigen Bestand retten?

„Wir von der Uni Göttingen können nicht einfach Luchsweibchen in Nordhessen aussetzen“, sagt Port. „Aber wir können auf den Umstand hinweisen, dass es für die Luchse hier in den nächsten Jahren ziemlich eng werden könnte.“

Im Kern müsse der Erhalt der Luchse in Nordhessen gesellschaftlich gewollt sein. Es liegt also in der Hand der Politik, der einzelnen Interessenverbände und der Behörden vor Ort, sich für das Überleben dieser seltenen Katzenart in Nordhessen stark zu machen. „Wir als Forscher können nur Empfehlungen aussprechen“, sagt Port. Es wäre aber ausgesprochen schade, wenn ich dabei zusehen müsste, wie diese schönen Wildtiere wieder aus der Region verschwinden“.

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