Zum Einsatz des Unkrautvernichtungsmittels in der Landwirtschaft

Nabu-Experte: Glyphosat ist der falsche Weg

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Allgegenwärtiges Glyphosat: Unser Symbolbild zeigt einen Traktor, der Ende März über einem Feld zur Saatbettbereinigung Glyphosat ausbringt. Glyphosat kommt in der Regel als Nacherntebehandlung beziehungsweise vor der Aussaat zum Einsatz.

Im November 2017 hatte sich Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) im Alleingang für Glyphosat entschieden. Damit darf das Unkrautvernichtungsmittel weiter in der EU verwendet werden.

Es gilt als wahrscheinlich krebserregend und als Artenkiller in der Agrarlandschaft. Maik Sommerhage, Landwirtschaftsexperte beim Nabu Landesverband Hessen, sieht im fortgesetzten Glyphosateinsatz eine fatale Entwicklung in der Agrarwirtschaft.

Herr Sommerhage, der Kreisbauernverband Kassel hat jüngst in einem HNA-Interview den Einsatz von Glyphosat gerechtfertigt. Wie sehen Sie das?

Maik Sommerhage

Maik Sommerhage: Glyphosat ist der falsche Weg, es sollte sofort verboten werden. Das Mittel steht nicht nur im Verdacht, beim Menschen Krebs auszulösen. Glyphosat ist ein Totalherbizid, das mittlerweile seit Jahrzehnten in großen Mengen eingesetzt wird. Die Substanz tötet alle Grünpflanzen ab, sodass für Bodenlebewesen, Insekten und letztlich auch für Vögel die Lebensgrundlage nachhaltig entzogen wird.

Der Kreisbauerverband hält das für Angstmache.

Sommerhage: Nein, das ist es nicht. Die Indizien, die gegen Glyphosat sprechen, sind erdrückend. Dazu kommen weitere dramatische Entwicklungen in der Feldflur wie Insektizide oder aber der Verlust von Hecken und Feldwegen. Das größte Problem dabei ist: Wir haben keine Zeit mehr, um aus Indizien Beweise zu machen. 75 Prozent aller Fluginsekten sind bei uns in den vergangenen 27 Jahren bereits verschwunden. Wir sollten Glyphosat aussetzen, ehe es zu spät ist. Vorsorge ist jetzt wichtiger als absolute wissenschaftliche Gewissheit. Letztere können wir uns immer noch verschaffen, eine zerstörte Natur aber bleibt unwiederbringlich.

Die Kreisbauern sagen, dass Landwirtschaft einen wirksamen Pflanzenschutz braucht.

Sommerhage: Natürlich muss ein Landwirt ordentlich ernten können. Aber das ist auch ohne Glyphosat zu schaffen. Inzwischen gibt es genug alternative Agrarformen, die ohne großen Pestizideinsatz auskommen.

Wenn das so einfach ist, warum tun es die Bauern nicht?

Sommerhage: Sie können es nicht, zumindest ist es nicht so leicht. Längst befinden sich die meisten Landwirte in Abhängigkeit unserer EU-Agrarpolitik. Die Bauern werden mit hohen Subventionen bei der Stange gehalten, gleichzeitig nehmen Nahrungsmittel- und Agrarkonzerne mit ihrer Lobbyarbeit großen Einfluss auf die Ausgestaltung von EU-Richtlinien und -Vorgaben. Es sind häufig diese Strukturen, die Landwirte dazu zwingen, konventionell zu arbeiten.

Was ist so schlimm daran?

Sommerhage: Wir produzieren aktuell viel zu viel vom Falschen – und das auch noch billig und auf die falsche Weise. Die Rede ist von zu viel Fleisch, zu billiger Milch, zu viel Futtermittel und Energiepflanzen. Die Folgen sind Artensterben, Lebensraumzerstörung und Umweltprobleme wie Überdüngung und Grundwassergefährdung.

Was muss passieren, um das zu ändern?

Sommerhage: Das größte Problem ist die EU-Agrarpolitik. Sie zementiert dieses ganze System. Hier gilt es, ein entsprechendes politisches Gegengewicht zu bilden. Der Nabu arbeitet mit allen Kräften daran – auf EU-, auf Bundes-, Landes- und Regionalebene. Die Zusammenarbeit mit den Landwirten spielt dabei eine große Rolle. Denn natürlich müssen wir auch die Landwirte für diese Problematiken sensibilisieren und Lösungswege aufzeigen.

Glauben Sie, dass die Landwirte da so einfach mitmachen?

Sommerhage: Wie gesagt, ein Ausbrechen ist nicht leicht – aber auch nicht unmöglich. Tatsächlich setzen immer mehr Bauern auf ökologische Landwirtschaft und schaffen sich parallel dazu ihre eigenen regionalen Vertriebswege. Das erfordert viel Mut und einen langen Atem. Auch hier muss die Politik ansetzen, um Landwirten solche Entscheidungen leichter zu machen.

Und welche Rolle spielen die Verbraucher?

Sommerhage: Uns Verbrauchern kommt eine große Verantwortung zu. Unsere Kaufentscheidung beeinflusst maßgeblich, wie bei uns Landwirtschaft betrieben wird. Wir in Deutschland leben in einem der reichsten Länder der Erde, geben aber mit am wenigsten für gutes, gesundes und ökologisch produziertes Essen aus.

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