Schnelles Internet

Nach Netcom-Preiserhöhung: "Haben Marktmacht nicht ausgenutzt"

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Die Netcom-Zentrale in Kassel: Weil sämtliche vom Land verbürgten Kredite für das neu gebaute Glasfasernetz in Nordhessen zurückgezahlt werden müssen, muss die Netcom nun entsprechende Preise von ihren Kunden verlangen. „Mit Ausnutzung von Marktmacht hat das aber nichts zu tun“, heißt es.

Kreis Kassel/Kaufungen. Für Ärger sorgt die jüngste Tarifanhebung unter Netcom-Neukunden für Internet-Produkte im Ausbaugebiet der Breitband Nordhessen.

Nach dem Glasfaserausbau durch die Breitband Nordhessen (Gesellschafter sind die fünf Landkreise Nordhessens, der Ausbau ist noch nicht überall abgeschlossen) ist die Netcom bislang der alleinige Anbieter – unter anderem auch im Altkreis Kassel. Zum 1. April hatte das Kasseler Unternehmen die Preise angehoben.

„So war bis Ende März noch der NetComplete-Tarif für 50 MBit pro Sekunde für 40 Euro im Monat bei einem einmaligen Einrichtungspreis von 9,99 Euro buchbar“, sagt Volker Rading aus Kaufungen (Name von der Redaktion geändert). Dieser Tarif sei sogar noch im Jahr 2017 bei der Netcom-Infoveranstaltung vor Ort angepriesen worden. „Jetzt aber muss im Ausbaugebiet der teurere Sterntaler-Tarif genommen werden“. 50 MBit pro Sekunde kosteten demnach jetzt 45 Euro pro Monat bei einem einmaligen Einrichtungspreis von jetzt 99 Euro. „Das klingt ziemlich nach Ausnutzung der eigenen Marktmacht – und das, obwohl das ganze Ausbauvorhaben öffentlich gefördert wird“.

Hohe Pachtzahlungen

„Von einer Ausnutzung von Marktmacht kann keine Rede sein“, sagt dazu Netcom-Sprecherin Jutta Schill. Die Preisanhebung diene allein der Refinanzierung des Ausbauprojektes. So müsse die Netcom als Pächter des von der Breitband Nordhessen gebauten Glasfasernetzes hohe Zahlungen leisten.

Zwar wird der Bau des Glasfasernetzes tatsächlich über ein vom Land verbürgtes Darlehen öffentlich gefördert (143 Mio. Euro). Doch muss die Breitband Nordhessen als Besitzerin des Glasfasernetzes – und damit die fünf Landkreise Nordhessens als Gesellschafter – jeden Cent zurückzahlen. Die Breitband Nordhessen vermietet also das Netz zu einem entsprechenden Preis an die Betreiberin Netcom, die mit dem Verkauf ihrer Internetprodukte diese Mietkosten wiederum hereinholen muss.

„Im Rahmen unserer Kalkulation und Preisgestaltung müssen wir also stets die Rückzahlung dieser Kredite berücksichtigen“, fasst Schill zusammen. So ließen sich denn auch die Preise in Kassel und im Ausbaugebiet Nordhessens nicht einfach so vergleichen. „Im Stadtgebiet nutzt die Netcom bereits vorhandene Infrastruktur. Die Infrastruktur für den Breitbandausbau in den fünf Landkreisen muss dagegen kostenintensiv neu aufgebaut werden. Daher wurden dort die Tarife angepasst“ (Zur Erinnerung: Etablierte große Anbieter hätten einen flächigen Ausbau in den fünf Landkreisen Kassel, Hersfeld-Rotenburg, Schwalm-Eder, Waldeck-Frankenberg und Werra-Meißner erst gar nicht in Betracht gezogen).

Preise auf neuem Niveau

Auch sei richtig, dass im Dezember 2017 – anlässlich des 20-jährigen Bestehens der Netcom Kassel – eine einmalige Vertriebsaktion gestartet worden war, um Aufmerksamkeit für das neue Glasfasernetz zu erzielen. „Die im Rahmen dieser Aktion angebotenen Preise reichen aber im Nachhinein leider nicht aus, um die Investitionen selbst langfristig zu amortisieren“, sagt Schill. „Daher war es notwendig, die Preise auf ein neues Niveau zu bringen, um den komplizierten und aufwendigen Ausbau eines Glasfasernetzes in Nordhessen überhaupt finanzieren zu können“.

Grundsätzlich sei das Glasfasernetz der Breitband Nordhessen für alle Anbieter offen. Aktuell jedoch tritt die Netcom als alleiniger Anbieter auf dem Netz der Breitband Nordhessen in Erscheinung. „Sollte es Anfragen von anderen Anbietern geben, werden diese selbstverständlich bearbeitet“, sagt Schill. Details zu möglicherweise schon jetzt laufenden Verhandlungen mit anderen Anbietern könnten allerdings aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht genannt werden.

HNA Kommentar: Moderate Preisanhebung

Boris Naumann über die Internet-Preise der Netcom:

Natürlich ist es ein Batzen Geld, wenn man statt 9,99 plötzlich 99,99 Euro Anschlussgebühren für schnelles Internet der Netcom zahlen muss. Auch die fünf Euro pro Monat mehr tun weh. Doch darf nicht vergessen werden: Ohne die Breitband Nordhessen hätten weite Teile der Region bis heute kein passables Internet. Über Jahre haben sich etablierte Anbieter hartnäckig geweigert, auf dem Land Glasfaserkabel zu verlegen – einfach deshalb, weil dort keine hohen Gewinne zu machen sind. Mit anderen Worten: Ohne das Engagement des Landes und der fünf Landkreise gäbe es dort bis heute kein brauchbares Breitbandangebot. 

Natürlich kostet das Verlegen von Glasfaserkabeln über weite Strecken viel Geld. Und natürlich muss auch die Netcom sehen, wo sie bleibt. Noch nie gab es einen Wohltätigkeitsverein unter den Telekommunikationsunternehmen. Und die Netcom zählt auch nicht dazu. Insofern wundert die jüngste Tarifanhebung nicht. Im Gegenteil, sie war sogar zu erwarten. Und dabei fällt sie noch nicht einmal über die Maßen aus – auch nicht im Vergleich mit anderen Anbietern. In jedem Fall kann mit ihr der Mehrgewinn, endlich Internet zu haben, immer noch gerechtfertigt werden. Das Ausnutzen von Marktmacht sieht wahrlich anders aus.

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