Tunnel Küchen bleibt ein Trauma

Nach Schäden durch A 44-Bau: Hessen Mobil hat Entschädigungen noch nicht abgeschlossen

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Frustration, Enttäuschung und Verunsicherung: Bis heute warten (von links) Helmut Fink und Helga Dittmeier (Bärbel Rading ist nicht im Bild) auf die Schlussbeweissicherung im Rahmen der Entschädigungsverfahren durch Hessen Mobil. Reiner Schaar (rechts), ehemaliger Ortsvorsteher, und seine Frau Karla haben die Zeit während und nach dem Tunnelvortrieb in den Jahren 2013 und 2014 unmittelbar miterlebt und kennen die Probleme und Geschichten einzelner betroffener Küchener.  

Kreis Kassel. Aktuell wird das A44-Teilstück Helsa-Kassel mit dem Tunnel Helsa geplant. Anwohner befürchten Schäden an ihren Häusern, wenn der Tunnel gebaut wird – so wie es in Küchen passiert ist. 

Schwer beschädigt, verlassen, unverkäuflich – eine verloren gegangene Heimat: Das Wohnhaus an der Straße Am Töpfer 18 wurde inzwischen von Hessen Mobil gekauft, zwei weitere Nachbarhäuser ebenso. Ein weiteres Wohnhaus kaufte die Behörde an der Straße Drei Eichen. Foto: Naumann

Wer in Küchen Hessen Mobil erwähnt, erntet mitunter böse Blicke. Kaum jemand in dem Ortsteil von Hessisch Lichtenau an der B 7 hat für die Landesbehörde ein gutes Wort übrig. So zumindest beobachten es der ehemalige Ortsvorsteher Reiner Schaar sowie der aktuelle Ortsvorsteher Andreas Rehbein.

Der Vortrieb des A 44-Tunnels Küchen in den Jahren 2013 und 2014 hat tiefe Wunden gerissen – nicht nur in Form von Absenkungen und Rissen an und in Wohnhäusern, sondern auch in Form von Frustration, Verunsicherung und Enttäuschung gegenüber dem Entschädigungsgebahren der Behörde. Es gibt Menschen, die offen darüber reden, andere sagen lieber gar nichts. Die Angst ist groß, am Ende ganz mit leeren Händen dazustehen. „Jeder macht hier sein Ding“, sagt Schaar. „Transparenz gibt es nicht“.

Zwar hatte sich Hessen Mobil vor dem Tunnelbau 102 Objekte in Küchen angesehen, um mögliche Schäden später feststellen zu können (sogenannte Beweissicherung, siehe Text unten). Doch wirkt es auf viele befremdlich, zu welchen Ergebnissen Hessen Mobil dann kommt: Es klafft, so sehen es die Leute, eine erhebliche Lücke zwischen den gezahlten Entschädigungssummen, und dem, was damit repariert werden soll. Eine Anwohnerin sagt es überspitzt: „Hessen Mobil bagatellisiert die Schäden, und drückt sich so vor der Verantwortung. Und die Geschädigten haben dagegen nichts in der Hand“.

DER FALL FINK

„Ich fühle mich über’s Ohr gehauen“, sagt Helmut Fink, der an der Straße Am Töpfer 22 wohnt und noch immer auf eine, wie er sagt, „angemessene Entschädigung“ für Schäden an seinem Haus wartet. Mehrfach seien Gutachter da gewesen, doch Einsicht in die Ergebnisse habe er nur über seinen Anwalt erwirken können. Das Abschlussgutachten liege immer noch nicht vor.

In nur 25 Metern Tiefe war der Tunnel unter seinem Haus durch den Berg getrieben worden – auch mit Sprengungen. Das Gebäude sackte ab, Risse entstanden in den Wänden, unzählige Fliesen in der Wohnung gingen zu Bruch, die Garage verschob sich.

Zwei Eigenheimbesitzern in unmittelbarer Nachbarschaft ging es genauso. Sie haben ihre Häuser inzwischen verlassen – als Entschädigung hat Hessen Mobil die Gebäude gekauft. Grund: Auf dem Immobilienmarkt sind sie nichts mehr Wert. Fink fürchtet nun das Gleiche für sein Haus – ein Makler hat ihm bereits die Unverkäuflichkeit bescheinigt.

Schon vorher hat er eine Petition an den Hessischen Landtag gerichtet. Lothar Quanz, Mitglied der SPD-Landtagsfraktion, drängte daraufhin Verkehrsminister Tarek Al-Wazir sowie Hessen Mobil auf „schnelle und unbürokratische Hilfe“. Das war 2015.

Stattdessen bekam Fink von Hessen Mobil bislang nur eine fünfstellige Summe im unteren Bereich. „Der Handwerker hat sich über den Betrag kaputtgelacht“, sagt Fink. Das Geld reiche hinten und vorne nicht aus, um alle Schäden am Haus zu beheben. So habe er das Geld zunächst nur unter Vorbehalt angenommen. 

DER FALL RADING

Gleiches tat auch Bärbel Rading (Name von der Redaktion geändert). Sie beklagt ähnliche Beschädigungen an und in ihrem Haus, wenn auch nicht in der Schwere wie bei Helmut Fink. Aber auch hier reicht das von Hessen Mobil bislang gezahlte Geld nur dazu aus, um die Fassade neu zu machen. „Von mir wird eine 60-prozentige Kostenbeteiligung erwartet, weil schon vorher Risse im Haus waren“, sagt sie. Nur seien diese alten Risse unproblematisch gewesen. Jetzt aber seien durch den Tunnelbau viele neu hinzugekommen, „sodass ich nun von Hessen Mobil dazu gezwungen werde, eine Reparatur zu bezahlen, die ich vorher nicht hätte machen müssen“.

DER FALL DITTMEIER

Kritik an Hessen Mobil übt auch Helga Dittmeier. Viermal seien von Hessen Mobil geschickte Gutachter bei ihr zu Hause gewesen, um Schäden an ihrem Fachwerkhaus festzustellen. „Am Ende werde ich wohl nichts bekommen“, sagt Dittmeier. Grund: Ihr Haus liege 300 Meter vom Tunnel entfernt, „offenbar zu viel, damit der Tunnelbau als Ursache dafür gelten kann“. Jetzt sei sie es, die alleine beweisen müsse, dass der Tunnelbau für die Schäden an ihrem Haus verantwortlich sind. Auch sie hat eine Petition an den Hessischen Landtag verfasst – als letzte Hoffnung. Der juristische Weg käme für sie einem Selbstmord gleich.

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