Eltern fragen nach einheitlicher Regelung

Nach Sturm Friederike: Wirrwarr bei Behörden um Schulschluss im Kreis Kassel

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Unweit der Grundschule: Hier schlug ein Baum direkt auf die Lossebrücke.

Kreis Kassel. Die Verwirrung bei vielen Eltern ist groß. Nach dem Sturm Friederike fragen sie sich: Warum haben einige Schulen die Schüler noch vor dem Sturm nach Hause geschickt?

Und warum haben andere den Unterricht bis zur letzten Minute durchgezogen und zumindest einen Teil der Schüler – während der Orkan tobte – auf die Straße entlassen?

Die Unklarheit über die Situation setzt sich bis in die zuständigen Behörden fort. Glücklicherweise war am Donnerstag niemand zu Schaden gekommen.

Die Eltern

Große Sorgen haben sich viele Eltern am Donnerstag wegen der Sturmwarnungen gemacht. Während einige Schulen wie die IGS in Kaufungen und die Gesamtschule in Niestetal frühzeitig den Unterricht beendeten, mussten die Kinder an der Grundschule in Niederkaufungen teilweise bis 13.35 Uhr durchhalten. Da tobte Friederike bereits mächtig und hatte in unmittelbarer Nähe zur Schule bereits Bäume entwurzelt. So auch zwei Straßen weiter an der Windhäuser Straße, wo eine Tanne die Losse-Brücke blockierte.

Eltern hatten nach eigenen Angaben zwar die Möglichkeit, ihre Kinder früher aus der Schule abzuholen, eine offizielle Ansage seitens der Behörden gab es aber nicht. „Das Schulamt teilte mir mit, dass der Landkreis zuständig ist und auch die Schulleitung hat erst auf Nachfrage bestätigt, dass die Kinder vorzeitig den Unterricht verlassen dürfen“, erzählt eine Mutter.

Eine weitere Mutter berichtet: „Ich habe gegen 13.45 Uhr meine Tochter von der Straßenbahn in Niederkaufungen abgeholt. Dort an der Haltestelle und umliegend waren um diese Uhrzeit auch kleinere Kinder aus der Grundschule unterwegs, die den Sturmböen kaum etwas entgegenzusetzen hatten.“ Weder sie noch ihre Kinder hätten sich noch auf den Beinen halten können, wenn eine Böe ums Haus fegte. Auch ihre Tochter, die auf die Engelsburgschule in Kassel geht, wurde regulär um 13 Uhr aus dem Unterricht entlassen. Auf Nachfrage habe die Mutter die Auskunft erhalten, dass der Schulweg Elternsache wäre. „Mir als Mutter ist es unverständlich, wie es so verschiedene Vorgehensweisen geben kann und manche Schulen überhaupt nicht reagiert haben“.

Das Schulamt

Das Staatliche Schulamt in Kassel jedenfalls sieht sich nicht zuständig für die Entscheidung über schulfrei bei einer Unwetterwarnung. „Wir sind davon immer befreit“, sagt Leiterin Helga Dietrich. Es sei denn, es komme eine entsprechende Anweisung vom Kultusministerium oder dem Landkreis Kassel als Katastrophenschutz-Behörde. „So ist die Vorgehensweise“, betont Dietrich. Ohne eine solche Anweisung, die es in diesem Fall nicht gegeben hat, entscheiden laut Schulamtsleiterin immer die Schulleiter vor Ort. „Jede Schule hat ein eigenes Konzept.“ So wisse man im Schulamt ja gar nicht, wieviel Schüler jeweils etwa auf Bus und Bahn angewiesen seien und wieviel Kinder überhaupt in der Schule zu betreuen seien. Dietrich sieht die Schulen zudem bei der Vorbereitung auf den Umgang mit Unwettern selbst in der Pflicht. Es liege an jeder Schule selbst, sich vorzubereiten „und Kommunikationswege rechtzeitig zu vereinbaren“, sagt sie.

Der Landkreis Kassel

Die Entscheidung, ob die Schulen im Katastrophenfall geschlossen werden, trifft das Schulamt, sagt Kreissprecher Andreas Bernhard auf HNA-Anfrage. Dies sei Aufgabe des Schulamtes, das seine Informationen wiederum durch das Kultusministerium erhalte. Grundsätzlich sei es schwierig, Schulen zu schließen. Nicht zuletzt, weil es Betreuungsangebote gebe, die auch bei Unwetter verlässlich für die Eltern seien müssten.

Gefährlich: Auch in der Nähe von Einrichtungen, die von Kindern besucht werden, krachten Bäume zu Boden, wie hier am Kindergarten an der Stiftskirche in Kaufungen.

Nach Informationen der HNA gab es zumindest eine inoffizielle Warnung vor „Friederike“ durch den Landkreis, die auch an das Staatliche Schulamt Kassel weitergeleitet wurde. Über die neue Katastrophen-App „Katwarn“ kam wohl schon morgens zwischen 7 und 7.30 Uhr eine Warnung von der Kreisverwaltung. Besorgten Eltern, die anriefen, habe man daraufhin eingeräumt, ihre Kinder durchaus an diesem Tag einfach zu Hause zu lassen, heißt es aus den Reihen des Schulamtes.

Das Ministerium

Aus dem Hessischen Kultusministerium heißt es indes, dass die Schulleitung in eigener Verantwortung entscheidet, ob Unterricht stattfinden kann oder nicht. Wenn durch eine Sturmwarnung aber die Schülerbeförderung nicht mehr gewährleistet werden könne, dann wäre der Schulträger, also der Landkreis gefragt. „Der Landkreis kann dann eine Empfehlung abgeben, aber die Schulen müssen dem nicht folgen“, sagt der stellvertretende Pressesprecher des Kultusministeriums, Philipp Bender. Das Ministerium sehe sich eher an dritter Stelle, was solche Entscheidungen angehe. „Wir sind eher beratend tätig.“

Die Stadt Kassel

Nur bei besonderen Gefahren – etwa bei einem Feuer – sorge die Stadt Kassel beziehungsweise der Katastrophenschutz für die Räumung einer Schule, sagt Stadtsprecher Claas Michaelis. „Ansonsten liegt die Entscheidung bei den Schulleitern.“ Am vergangenen Donnerstag habe das Rathaus jedenfalls keine Schule angewiesen, den Unterricht frühzeitig zu beenden.

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