Kommunalpolitik fehlt der Nachwuchs

Nachwuchssorgen bei Parteien: Vier junge Politiker erklären ihre Motivation

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Den Hessischen Landtag im Blick: Auch junge Nachwuchspolitiker haben Ziele, die über die Kommunalpolitik hinausgehen. 

Kreis Kassel. Steckt die Kommunalpolitik in der Personalkrise? In einigen Kommunen im Kreis Kassel macht den Parteien die Überalterung zu schaffen. Nachwuchs gibt es nur vereinzelt.

Im Interview erzählen Jan-Thorben Kessler (SPD) aus Fuldabrück und Hannes Hasper (CDU) aus Baunatal, wie sie zur Politik gekommen sind, was ihr Amt mit sich bringt und wie ihr Umfeld reagiert.

Herr Kessler, Herr Hasper, sie sind deutlich jünger als die meisten anderen Mitglieder Ihrer Fraktion. Spielt das eine Rolle? Beschäftigen Sie sich deshalb mit Schulthemen?

Jan-Thorben Kessler: Natürlich ergab sich das auch aufgrund des Alters. Ich bin aber auch im Bau- und Umweltausschuss, das ist eine spannende Sache. Klar liegt der Altersschnitt etwas höher und man merkt, das ältere Mitglieder andere Gedanken und Vorstellungen haben, aber die Atmosphäre ist durchweg positiv.

Hannes Hasper: Da ich Geschäftsführer bin und im Bau- und Umweltausschuss sitze, beschäftige ich mich nicht nur mit Schulthemen. Auch ohne mich wären wir eine relativ junge Fraktion. Der Altersschnitt liegt zwischen Anfang 20 und Ende 60, die meisten sind noch im Berufsleben.

Gibt es eine Art Club oder inneren Kreis, dem man erst beitreten muss?

Kessler: Nein, wir sind ja nicht im Bundestag, wo man sich für gewisse Gruppen entscheiden müsste. Unterschiedliche Standpunkte gibt es immer, aber letztlich machen wir aus den gleichen Gründen Kommunalpolitik. Wir wollen etwas für unsere Gemeinde erreichen.

Warum engagieren sich so wenige junge Menschen?

Kessler: Schüler aus meiner Klasse sind politisch interessiert und gehen auch wählen. Ich glaube deshalb nicht, dass es weniger Engagement gibt, aber das Angebot ist ziemlich groß und die Freizeit durch Schule und Ausbildung eher eingeschränkt. Da ist  Kommunalpolitik etwas abschreckend. Es erfordert eine Menge Enthusiasmus. Man ist eine Person, die in der Öffentlichkeit steht, was nicht immer angenehm ist. Der Vorteil, dass man etwas erreichen kann, ist nicht immer gleich sichtbar. Das führt dazu, dass sich junge Leute eher im Fußballverein oder der Feuerwehr engagieren.

Hasper: Das Interesse ist auf jeden Fall da. Meiner Meinung nach fehlt jungen Leuten der Mut, den ersten Schritt zu machen. Viele denken, dass es viel zu kompliziert ist, dabei ist Kommunalpolitik sehr pragmatisch und strukturiert.

Es wartet also kein großes Ansehen?

Hasper: Mein Fraktionsvorsitzender sagt immer: Politik ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Ich glaube viele haben einfach nicht das Durchhaltevermögen. Das macht die Kommunalpolitik unattraktiv.

Was würden Sie jungen Menschen raten, die sich für Politik interessieren?

Kessler: Junge Leute sollten erst mal schauen, welche Partei am besten zu Ihnen passt. Nicht auf Bundesebene, sondern in ihrem Dorf oder ihrer Gemeinde. Wer Interesse hat, sollte Mitglieder aus einer Partei einfach ansprechen.

Hasper: Das sehe ich auch so. Engagiert euch, macht in der Partei mit. Scheut euch nicht Fragen zu stellen und lasst euch nicht unterkriegen.

Zeitaufwand schreckt oft ab 

Wer sich ehrenamtlich in der Kommunalpolitik engagieren möchte, muss es sich zeitlich und finanziell leisten können. Dabei ist der Zeitaufwand an sich oft nicht das Problem. Tim Volland (CDU) aus Fuldatal und Florian Pipper (SPD) aus Schauenburg kennen das Problem.

Warum sind Sie in der Kommunalpolitik aktiv? 

Florian Pipper: Ich hab mich schon immer in irgendeiner Form ehrenamtlich engagiert. Deswegen war es für mich naheliegend, politisch aktiv zu werden.

Tim Volland: Ich bin über ein Praktikum zur CDU gekommen. Mit der Partei hatte ich die meisten Schnittpunkte und bin deshalb geblieben.

Was sind Ihre Aufgaben in der Fraktion? 

Volland: Ich bin im Sozialausschuss, versuche mich aber auch gerne beim Thema Finanzen.

Pipper: Klare Zuständigkeiten gibt es bei uns nicht. Ich interessiere mich mehr für den Haupt- und Finanzausschuss. Meine Hauptthemen sind allerdings Kindergärten und Kindertagesstätten, da es ein Zukunftsthema ist und angesprochen werden muss.

Ist Ihr Freundeskreis politisch aktiv? Warum mangelt es in den Parteien an Nachwuchs? 

Volland: Mein Freundeskreis ist sehr politisch. Es ist oft die Zeit. Das ist glaube ich der Grund, warum sich so viele ältere Pensionäre und Rentner engagieren. Sie kennen sich in den Strukturen aus und sind eng mit diesen verbunden.

Pipper: Ich glaube viele junge Leute haben nicht mehr die Lust, sich zu binden. Mit einer Parteimitgliedschaft gehen ja nicht nur Rechte einher, sondern auch Pflichten. Viele stören sich daran. Außerdem kommt der Faktor Zeit dazu.

Wie sieht die Zukunft der Parteien aus? 

Volland: Ich frage mich, ob sich junge Leute auch vermehrt in anderen Initiativen einbringen. Aus meinem Freundeskreis sind zum Beispiel viele bei Amnesty International aktiv. Ich denke, dass sich in Zukunft junge Leute wieder mehr politisch engagieren. Aktuell stehen die Parteien aber vor großen Problemen.

Pipper: Ich bin was das anbelangt immer ein bisschen pessimistisch. Man sieht ja, wie es zum Beispiel in Vereinen läuft. Es kommen immer weniger Leute. Viele sind nicht bereit, bei einem Sportverein elf Euro im Monat zu bezahlen, gehen dann aber ins Fitnessstudio und bezahlen 20 Euro. Auf die Gemeinschaft wird überhaupt kein Wert mehr gelegt.

Haben Sie über das Ehrenamt hinaus Ambitionen?

Pipper: Mir geht es darum, im Ort was zu bewegen. Bürgermeister fände ich einen tollen Posten. Man ist vor Ort und in der Gemeinde. Ich lasse aber erst mal alles auf mich zukommen.

Haben Sie eine Idee, wie sich junge Leute bei Parteien einbringen können? 

Volland: Man sollte sich grundsätzlich die Arbeit der Parteien vor Ort anschauen und dann entscheiden.

Pipper: Ich finde, man kann junge Leute über offene Formate motivieren, sich an Parteien zu beteiligen. Vielleicht auch eine Art offenen Stammtisch, an dem man sich zusammensetzt und einfach mal miteinander diskutiert.

Nachwuchsprobleme bei Parteien

Immer weniger junge Menschen sind in den Gemeindeparlamenten vertreten. Interessieren sich Jugendliche nicht für Politik? 

Achim Albrecht (Universität Kassel): Die letzte Shell-Jugendstudie von 2015 fand heraus, dass 41 Prozent der Jugendlichen sich als politisch interessiert definieren. In einer anderen Studie von Yougov findet die Hälfte aller Jugendlichen, dass das politische System, zum Beispiel Wahlen, in der Schule viel zu wenig behandelt wird. Nur 38 Prozent finden den Unterricht in politischer Bildung interessant. Wenn man zudem weiß, dass zwischen 20 und 50 Prozent des Unterrichts in dem Fach Politik und Wirtschaft von Lehrern unterrichtet wird, die dafür gar nicht ausgebildet wurden und dies nicht studiert haben, überrascht das Ergebnis nicht.

Gibt es Ursachen und Gründe für die geringe Beteiligung von Jugendlichen in politischen Parteien? 

Albrecht: Weniger als früher leben Erwachsene der heutigen Elterngeneration ihren Kindern Engagement außerhalb der Familie und des Berufes persönlich vor. Zudem gibt es Engagement häufiger, wenn es sich um ein einzelnes, konkretes Thema vor Ort handelt, das schnell bearbeitbar erscheint, die Anzahl der Akteure überschaubar ist und Strukturen vorhanden sind. Schulen versäumen es Kinder und Jugendliche für politisches Engagement, für das aktive Eintreten für unsere Demokratie hinreichend mit verstehensorientiertem Wissen zu versehen. Jugendverbände sind zudem chronisch unterfinanziert und unterbesetzt.

Was können Parteien ändern, um mehr junge Menschen anzusprechen? 

Albrecht: In den Parteien gibt es leider kaum Beispiele dafür, wie junge Menschen angesprochen werden und mit ihren Wünschen und Bedürfnissen ernst genommen werden können. Das würde viel mehr projektorientierte, mit Workshopcharakter arbeitende Praxis erfordern. Im Raum Kassel ist im Bereich der Politischen Bildung das, was die Kopiloten gemeinsam mit Schülern machen, ein gutes Beispiel dafür, dass Bildung für Engagement in Sachen Politik erfolgreich sein kann. Leider ist so etwas die Ausnahme. 

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