Problem ist menschengemacht

Naturschützer im Kreis Kassel schlagen Alarm: Viele Tierarten sterben aus

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Nicht nur im Kasseler Naturschutzgebiet Dönche (Bild) geht die Artenvielfalt zurück: Der Naturschutzbund Kassel hatte dort mit Blick auf die Vogelwelt erst jüngst von einem alarmierenden Artenrückgang gesprochen. Das Phänomen ist auch im gesamten Landkreis Kassel zu beobachten – egal ob in Naturschutzgebieten oder in der freien Landschaft. „Das Problem ist menschengemacht“, sagt Axel Kruegener vom Regierungspräsidium, zuständig für die Naturschutzgebiete in Stadt und Landkreis Kassel.

Kreis Kassel. Nicht nur die Vogelvielfalt im Kasseler Naturschutzgebiet Dönche ist bedroht: Auch in der freien Landschaft haben Tiere mit immer mehr Problemen zu kämpfen.

Die jüngste Erhebung zur Vogelwelt im Naturschutzgebiet Dönche durch den Naturschutzbund (Nabu) ließ aufhorchen. Von den im Jahr 1981 gezählten 59 Vogelarten, die in der Dönche regelmäßig brüteten, sind inzwischen nur noch sechs Arten da. Zwar wurden im Jahr 2016 immer noch 53 Vogelarten gesichtet, jedoch haben 47 von ihnen die Dönche als Brutrevier verlassen.

„Das, was in der Dönche passiert, lässt sich inzwischen überall beobachten – egal ob Naturschutzgebiet oder in der freien Landschaft“, schaltet sich nun auch die Obere Naturschutzbehörde, das Regierungspräsidium (RP) Kassel, ein. Dabei sinke neben der Artenvielfalt auch die Individuendichte nicht nur bei Singvögeln frappant. „Betroffen sind auch viele Insektenarten“, sagt Axel Kruegener vom Regierungspräsidium, zuständig für die Naturschutzgebiete in Stadt und Landkreis Kassel.

Die Ursachen hierfür seien vielschichtig. „In den Naturschutzgebieten wirken vor allem der Klimawandel und hohe Stickstoff- und Schadstoffeinträge in der Luft, verursacht durch Industrie, Verkehr und die Landwirtschaft.“ In der Folge änderten sich die jeweils besonderen Lebensbedingungen innerhalb der Schutzgebiete (Klima, Bodenbeschaffenheit und Vegetation), „mit denen dann einige Arten, die geschützt werden sollen, nicht mehr zurechtkommen.“

Artensterben in der offenen Landschaft

In der offenen Landschaft setzt vor allem die intensive Landwirtschaft der Flora und Fauna zu. Häufiges Mähen von Wiesen und Wegrändern, regelmäßiger Einsatz von Pflanzenschutz- und Düngemitteln und nicht zuletzt fehlende artenreiche Kleinareale wie Tümpel, Hecken oder Feldraine trügen dazu bei. 

Kulturfolger: Krähen wurden nicht vom Menschen ausgewildert, vermehren sich in Siedlungsnähe aber besonders gut, weil der Mensch ihnen ideale Lebensbedingungen schafft – auf Kosten anderer Tierarten.  

„Dabei ist die Bedeutung solcher Lebensräume kaum zu ermessen“, sagt Kruegener. Mittlerweile sei die Umwelt durch menschliche Nutzung derart arm an Arten und Individuen geworden, dass nunmehr jeder Rückzugsraum zähle. Forschungen belegen: Allein bei den Insekten ist innerhalb der vergangenen Jahrzehnte die Menge an Individuen und Arten um 80 Prozent zurückgegangen. „Und Insekten sind einfach die Nahrungsgrundlage für viele weitere Tierarten, so auch für viele Vögel.“

Artensterben durch Fressfeinde

Ebenfalls eine immer wichtigere Rolle spielten Raubtiere, vor allem solche, die dem Menschen folgten oder die vom Menschen ins Ökosystem eingebracht wurden oder werden – Krähen, Elstern, Waschbären, Katzen und Hunde. „Das ist inzwischen ein Riesenproblem“, sagt Kruegener. Beispiel Feldlerche: „Der Bestand dieser Vogelart, die auf freiem Feld brütet, ist im Landkreis Kassel auf ein Zehntel des ursprünglichen Bestandes zusammengeschrumpft.“ 

Waschbären: Vom Menschen in die Umwelt gebrachte Fleischfresser stellen vor allem in siedlungsnahen Gebieten eine immer größere Gefahr für viele freilebende Tierarten dar.

Einer der Gründe, die zu einer weiteren Verschärfung der Problematik führen: „Waschbären und Krähen plündern die Nester aus“, sagt Kruegener. Gefährlich für Vögel seien auch streunende Katzen, die vor allen in der Nähe von Siedlungsgebieten (Dönche) den Singvogelbestand stark dezimierten. 

Nach Schätzungen leben bis zu 3000 herrenlos streunende Katzen in Kassel. Hinzu kommen statistisch rund 72.000 Katzen in Kassel und im Landkreis, die zwar ein festes Zuhause haben, jedoch ebenfalls oft freien Zugang nach draußen genießen. „Diese Zahlen sprechen für sich“, sagt Kruegener. 

„Das sind 75.000 kleine Raubtiere, die wir Menschen in die Umwelt entlassen haben, die zuvor nicht da waren.“ Auch nicht angeleinte Hunde – in Naturschutzgebieten eh untersagt – störten immer wieder die Brut- und Aufzuchtgebiete seltener Vogel- und anderer Tierarten.

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