Zumindest auf dem Papier

Öko-Strom in Kassel reicht erstmals für alle Haushalte: Windkraft ist die Hauptquelle

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Blick ins Heiligtum: In der Leitstelle der Städtischen Werke Kassel wird die eigene Stromproduktion der Stadtwerke wie auch der Zukauf von Strom überwacht und kontrolliert. Leitstellenmitarbeiter Markus Weidemann kennt jede Stromquelle.

Kassel/Kreis Kassel. Erstmals haben die Städtischen Werke Kassel im Jahr 2017 so viel Strom aus eigenen erneuerbaren Quellen produziert, um damit rechnerisch alle Privatkunden in Kassel mit elektrischer Energie zu versorgen.

So verkaufen die Werke inzwischen etwa 407 Gigawattstunden Strom (407.000.000 Kilowattstunden) an Kasseler Haushalte, 2017 erzeugten die Stadtwerke gut 447 Gigawattstunden Öko-Strom aus eigenen Anlagen – also 40 Gigawattsunden mehr als erforderlich. „2007 haben wir versprochen, bis zum Jahr 2020 genau 80 Prozent der Kasseler Haushalte mit Strom aus regenerativen Quellen zu versorgen. Gut zwei Jahre früher haben wir das Ziel sogar übertroffen“, sagt KVV-Geschäftsführer Michael Maxelon.

Den Löwenanteil der erzeugten Strommenge liefern mit etwa 66 Prozent die vier Stadtwerke-Windparks Söhrewald/Niestetal, Stiftswald, Rohrberg und Kreuzstein mit insgesamt 29 Windkraftanlagen. Der Windpark Kreuzstein bei Helsa ist erst seit November 2017 am Netz. Der Rest kommt aus eigener Photovoltaik, Wasserkraft, Biogas, Biomasse, Klärschlamm und Holzmüll-Verbrennung.

Maxelon stellt klar, dass es sich bei diesen Zahlen „lediglich um eine bilanzielle Rechnung handelt“. Natürlich müsse immer noch Öko-Strom auf dem Strommarkt hinzugekauft werden, um Verbrauchsspitzen wie auch Versorgungsschwankungen abfedern zu können. „Auch sind in dieser Rechnung noch nicht unsere Gewerbekunden mit eingerechnet“, sagt Maxelon. Allein diese Klientel verbraucht in Kassel noch einmal 777 Gigawattstunden Strom pro Jahr.

Die Stadtwerke beliefern Privatkunden seit 1999 mit Öko-Strom, zunächst nur aus dem Wasserkraftwerk Neue Mühle. Seit 2007 erhalten alle Tarifkunden zu 100 Prozent Öko-Strom aus norwegischer Wasserkraft. Nach dem Ausbau der Windkraft sind nun weitere Investitionen geplant.

Windenergie ist die größte Stromquelle in Kassel

Die 29 Windräder der Stadtwerke im Altkreis liefern etwa 66 Prozent der Strommenge, die alle rund 100.000 Kasseler Haushalte in einem Jahr verbrauchen. Werden die Erträge aus Fotovoltaik (0,2 Prozent), Wasserkraft (0,4), Biogas (16,3), Biomasse (6,8), Klärschlamm (0,4) und Holzmüll-Verbrennung (10,5 Prozent) hinzugerechnet, genügt das, „um damit rechnerisch alle Kasseler Haushalte ein Jahr lang mit eigenem Strom zu versorgen“, sagt Michael Maxelon, Vorstandsvorsitzender der Städtische Werke AG.

Warum können sich die Kasseler sicher sein, dass es auch tatsächlich der Strom aus den Windrädern ist, den sie verbrauchen?

Die Windräder der Stadtwerke sind über Umspannwerke (Stiftswald, Kraftwerk Kassel, Sandershausen) ohne Umwege direkt an das Kassler Stromnetz angeschlossen. Nichts von dem produzierten Windstrom wird zunächst in das überörtliche Stromnetz eingespeist. „Daher wird, wie das oft vermutet wird, von unserem Strom auch nichts ans Ausland verschenkt“, sagt Andreas Kreher, Geschäftsführer der Städtischen Werke Netz und Service. Der Grund: Die Momente, in denen mehr Windstrom produziert wird als Kassel verbraucht, sind extrem selten.

Alle Kasseler Haushalte kriegen Öko-Strom aus der eigenen Produktion – das klingt schön. Was ist aber, wenn der Wind einmal nicht weht und die Sonne nicht scheint?

"Die Aussage, alle Kasseler Haushalte werden inzwischen mit Öko-Strom aus eigener Produktion beliefert, ist eine rein rechnerische Feststellung“, sagt Kreher. Natürlich würden Schwankungen immer noch durch Zukauf von Strom ausgeglichen. Privatkunden erhielten dann Wasserkraftstrom aus Norwegen.

Und woher kommt der zusätzliche Strom für Industrie und Gewerbe?

Tatsächlich muss der Strom für die Kasseler Industrie- und Gewerbebetriebe noch zugekauft werden. Diese Kundengruppe verbraucht 777 Gigawattstunden Strom pro Jahr – also zusätzlich noch einmal fast das Doppelte, was die Kasseler Haushalte verbrauchen. Dieser Strom kommt nicht mehr ausschließlich aus erneuerbaren Quellen. Er wird zu etwa 27 Prozent in eigenen konventionellen Anlagen erzeugt (Kombi-Heizkraftwerk in Niederzwehren (Erdgas), Fernwärme-Kraftwerk in Niederzwehren (Kohle) und das Müllheizkraftwerk in Bettenhausen). Der große Rest (73 Prozent) wird auf dem Strommarkt zugekauft. Der Kunde bestimmt, ob er mit Öko- oder konventionellem Strom beliefert wird.

Und woher stammt der zugekaufte Öko-Strom?

Der zugekaufte Öko-Strom kommt aus Norwegen. Dort wird er im Wasserkraftwerk Solbergfoss am Glomma-See bei Oslo gekauft. Der Verkauf erfolgt über Herkunftsnachweise und einem TÜV-Siegel. Der konventionelle Strom wird normal auf der Strombörse erworben.

Lässt sich der Anteil des selbst erzeugten Öko-Stroms noch steigern?

Ja, durch Windkraft. Aktuell planen die Stadtwerke mit der Stadtwerke Union Nordhessen (SUN) einen weiteren Windpark bei Ziegenhagen (Windpark Steinberg mit vier bis fünf Anlagen) sowie mit der Energiegenossenschaft Reinhardswald (EGR), der SUN und der EAM einen Windpark im Reinhardswald mit 20 Windrädern.

Wird die Zeit kommen, in der Stromzukäufe nicht mehr notwendig sind?

Solch eine Entwicklung ist weder absehbar noch gewünscht. „Völlige Selbstständigkeit ist nicht unser Ziel“, sagt Maxelon. Es gehe eher darum, in Verbünden Energie zu erzeugen und zu vermarkten. Die Kopplung von Strom, Wärme und Gas spiele dabei eine Rolle. Je größer und intelligenter diese Verbünde vernetzt sind, desto besser lassen sich Schwankungen in der alternativen Stromerzeugung und Nutzung ausgleichen.

Wird das tatsächlich genügen, um den immensen Gesamt-Strombedarf mit Öko-Strom zu decken? Was gibt es noch für Konzepte?

Hier betreten die Stadtwerke Neuland. Es geht auch darum, das Potenzial von dezentraler Energieversorgung auszuschöpfen. Beispiele sind PV-Anlagen auf Dächern oder Blockheizkraftwerke, die einzelne Wohnhäuser oder ganze Quartiere mit Wärme und Strom versorgen. Ergänzend dazu kommen Neuentwicklungen bei den Speichermöglichkeiten, bei intelligenten Stromnetzen sowie beim Energiemanagement.

Mit der Zusammenführung und Analyse von gesammelten Daten lassen sich so Stromerzeugung, -speicherung und -bedarf ideal aufeinander abstimmen. Maxelon: „Es entstehen sogenannte virtuelle Kraftwerke, die helfen werden, die Schwankungen der erneuerbaren Energien zu glätten.“

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