NSU Ro 80 von Siegfried Lütgemeier

Oldtimerfan im Wankelfieber: Einziger Motor im Landkreis Kassel

+
Durstiger Motor: Siegfried Lütgemeier muss regelmäßig den Ölstand seines Ro 80 kontrollieren. Denn der fast 40 Jahre alte Wankelmotor gönnt sich auf 1000 Kilometern rund 1,5 Liter Öl. Doch das nimmt der Beamte gerne in Kauf.

Kreis Kassel / Immenhausen. Rund 150.000 Autos sind derzeit im Landkreis Kassel zugelassen. Doch nur ein einziges Auto fährt noch mit einem Wankelmotor: der NSU Ro 80 von Siegfried Lütgemeier aus Immenhausen. Wir haben den Autoliebhaber und sein Schätzchen besucht.

Wenn Siegfried Lütgemeier in seinen Ro 80 steigt, huscht ein Grinsen über sein Gesicht. „Das ist einfach ein Traumauto“, sagt der 59-Jährige. Das turbinenartige Geräusch, wenn er den Zündschlüssel dreht, die Laufruhe des Motors und die Durchzugskraft im höheren Drehzahlbereich: Die außergewöhnliche Antriebstechnik des kultigen Oldtimers von den NSU-Motorenwerken hat es dem Beamten aus Immenhausen angetan. „Der Wankelmotor ist einfach der Hammer“, schwärmt er.

Klingt wie eine Turbine: Unter der Motorhaube summt ein 115 PS starker Wandelmotor.

Für Autos interessiert sich der gebürtige Kasseläner schon seit Kindertagen. Sein erstes Auto war ein DKW F 102, Vorläufer des Audi 60. Zu seinem ersten Ro 80 kam er vor 20 Jahren eher zufällig. „Ich war auf der Oldtimermesse Technorama und habe mich in den Wagen Hals über Kopf verliebt“, erinnert sich Lütgemeier. Wenig später stieß er auf ein Zeitungsinserat. Er rief den Halter an – und schlug sofort zu. „Die HNA trägt also eine Mitschuld, dass ich im Wankelfieber bin.“

Ein paar Jahre später traf er auf dem Parkplatz vor der Sababurg im Reinhardswald einen anderen Ro-80-Fahrer. „Er hatte ein Modell in Kupfermetallic. Das wollte ich unbedingt haben.“ Zumal das Auto erst 1977 vom Band lief und laut Lütgemeier einer der letzten zwölf hergestellten Ro 80 ist. Zwar wollte der Besitzer anfangs „viel zu viel Geld“, doch etwas später klingelte unverhofft sein Telefon – und Lütgemeier kaufte die Limousine für 6000 D-Mark inklusive Ersatzteillager.

Reparaturanfällig sei der Ro 80 – Ro steht für Rotationskolbenmotor, die Zahl 80 für die NSU-Entwicklungsnummer – jedoch nicht. 50 000 Kilometer hat Lütgemeier mit seinem Schätzchen zurückgelegt, insgesamt stehen 217 000 Kilometer auf dem Tacho. „Probleme hat er bislang keine gemacht.“

Als der deutsche Maschinenbauer Felix Wankel (1902-1988) den nach ihm benannten Motor Anfang der 50er-Jahre vorstellte, war die Presse aus dem Häuschen. Dank des dreiecksförmigen Kolbens, der in einem ovalen Gehäuse rotiert, waren Hubbewegungen, Kurbelwelle und Ventile plötzlich überflüssig. Die Bild-Zeitung schrieb gar von einem „Wundermotor“. Durchgesetzt hat sich die Technologie allerdings nicht.

Ein technisches Highlight des Ro 80 ist auch die Gangschaltung. Kupplungspedal? Fehlanzeige. Möchte Lütgemeier einen Gang höher schalten, muss er nur den Schalthebel berühren und schon wird ausgekuppelt und geschaltet. „Das ist noch richtiges Autofahren“, schwärmt der Oldtimerfan, der auch Mitglied im Ro-80-Club International ist, dem mit 700 Mitgliedern größten Fanclub der windschnittigen Limousine.

Ein Nachteil des Wankelmotors sei der kräftige Öldurst. „Er gönnt sich 1,5 Liter auf 1000 Kilometer“, berichtet Lütgemeier. Auch der durchschnittliche Spritverbrauch ist mit elf bis 19 Litern vergleichsweise hoch. Doch das nimmt der Beamte gerne in Kauf: „Mein Ro 80 ist unverkäuflich“.

Technische Daten: NSU Ro 80 

• Produktionszeit: 1967 - 1977
• Produktionszahl: 37 406 Stück
• davon noch zugelassen: 679 Stück (Stand: 2015)
• Leistung: 115 PS (85 KW)
• Motor: Wankelmotor
• Getriebe: Drei-Gang-Zahnrad-Wechselgetriebe
• Höchstgeschwindigkeit: 180 Kilometer pro Stunde
• Beschleunigung von Null auf Tempo 100: 14,2 Sekunden
• Spritverbrauch: 15 Liter auf 100 Kilometer • Leergewicht: 1280 Kilogramm
• Neupreis: 14.150 DM (1967)

Hintergrund: Kultauto mit Kreiskolbenmotor

Unter Oldtimerfans genießt der NSU Ro 80 inzwischen Kultstatus. Produziert wurde die Limousine von 1967 bis 1977 von den NSU-Motorenwerken in Neckarsulm (Baden-Württemberg). Aus NSU wurde später Audi. Vorgestellt wurde der Ro 80 auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA) 1967. Wegen des damals modernen Antriebs, dem Wankelmotor, der keilförmigen Karosserie und der für die damalige Zeit auffälligen Lackierung wurde der Ro 80 als Revoluzzer der IAA und „Auto des Jahres“ gefeiert. Nach der Markteinführung geriet das Auto jedoch rasch in die Negativschlagzeilen. Grund war der Motor. Den Ingenieuren waren bei dem nach Felix Wankel benannten Kreiskolbenmotor Konstruktionsfehler unterlaufen, sodass die ersten Modelle vermehrt Motorschäden erlitten. Zudem entpuppte sich der Wankel als Ölfresser. Auf 800 Kilometer verbraucht er durchschnittlich einen Liter – in Zeiten der Ölkrise war das natürlich zu viel. Die Ro-80-Produktion wurde deshalb nach 37 400 verkauften Modellen eingestellt. Lediglich Mazda hielt an der Motoren-Technologie fest. Seitdem 2012 das letzte Mazda-Sportcoupé RX-8 vom Band lief, wird aber kein Serienauto mehr mit Wankelmotor hergestellt.

Drei Fragen an José Alonso von der Kfz-Innung Kassel

Kein Auf und Ab: In einem Wankelmotor wird die Verbrennungsenergie ohne den Umweg einer Hubbewegung direkt in eine Drehbewegung umgesetzt. Durchgesetzt hat sich die Technik aber nicht. Wir haben mit José Alonso, dem Leiter des Fahrzeug-Technischen-Zentrums der Kfz-Innung Kassel, über die Vor- und Nachteile des Wankelmotors gesprochen.

Herr Alonso, was sind die Vorteile eines Wankelmotors im Vergleich zu einem Diesel- und Ottomotor? 

José Alonso: Die Vorteile des Wankelmotors sind aufgrund seiner Bauweise die Laufruhe, keinerlei Vibrationen und das Potenzial für hohe Drehzahlen. Außerdem besitzt er Steuerschlitze statt Ventile, das sorgt für geringere Reibungsverluste und erspart die Steuerung über Kette, Zahnriemen oder Steuerräder. Zudem kann der ohnehin kleinere Motor unter gleichen Voraussetzungen mit dem gleichen Hubraum mehr Leistung entfalten als ein Benziner oder Diesel.

Durchgesetzt hat er sich aber nicht. Warum? 

Alonso: Der spezifische Kraftstoffverbrauch ist prinzipiell höher als bei einem vergleichbaren Hubkolbenmotor. Vor allem verbrauchen Wankelmotoren durch die rundum sehr aufwendigen Dichtstreifen viel Motoröl. Das ist den heutigen Umweltvorgaben natürlich nicht dienlich.

Mazda und Audi setzen bei Prototypen künftiger Hybrid-Modelle wieder vereinzelt auf den Wankelmotor. Hat er eine Zukunft? 

Alonso: Theoretisch ja. Nämlich überall dort, wo geringes Gewicht, geringer Platzbedarf oder Vibrationsfreiheit wichtiger sind als ein höherer Verbrauch. Also wäre ein Wankelmotor in einem Elektrofahrzeug mit schweren Batterien im Vergleich zum Hubkolbenmotor von Vorteil. Die heutige Motorentwicklung kann einen Hubkolbenmotor jedoch so herstellen, dass die Vorteile im Nutzungs- und Wartungsaufwand größer sind als die eines Wankelmotors. Grundsätzlich gilt aber: Eine Daseinsberechtigung haben alle Motorarten – man muss nur die jeweiligen Vorteile richtig einsetzen.

 

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.