Außerdem: Das sagen Schulen im Kreis Kassel dazu

Kann man Gedenken erzwingen? Pro und Kontra zu Pflichtbesuchen in KZ-Gedenkstätten

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Eingang zum KZ Sachsenhausen: Das Nazi-Regime und die Judenverfolgung sind wichtige Themen im Lehrplan der Schulen. Ein Besuch im Konzentrationslager wird empfohlen, ist bisher aber keine Pflicht. 

Kreis Kassel. Die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli (SPD) forderte kürzlich, dass es für jeden Bewohner Deutschlands Pflicht sein sollte, ein ehemaliges KZ zu besuchen.

Aktualisiert: 11.07 Uhr - Dies sagte sie im Hinblick auf Migranten und wachsende Probleme mit Antisemitismus. Den will die Politik bekämpfen und den Besuch im Konzentrationslager verpflichtend in den Schullehrplan aufnehmen. Bislang gilt das nur in Bayern. Kann ein Besuch gegen Rassismus helfen? Ein Pro und Kontra.

Pro: Geschichte, die berührt

AfD-Mann Gauland hat vergangenes Jahr einen Schlussstrich unter Deutschlands Nazi-Vergangenheit gefordert. Man müsse uns Deutschen diese zwölf Jahre nicht mehr vorhalten. Aber die NS-Zeit lässt sich nicht abhaken. Heute ist es wichtiger denn je, an die Verbrechen der Nazis zu erinnern. Wir leben in Zeiten, wo der radikale Nationalismus wieder auf dem Vormarsch ist und Rassismus salonfähig zu werden scheint – ein Blick nach Polen, Ungarn, Russland, die USA und die Türkei reicht aus, um zu verstehen, wie schnell demokratische Strukturen und unsere Freiheit in Gefahr geraten können. Wir tragen eine historische Verantwortung, und die sollten Schüler schon früh verstehen lernen. Vor allem weil immer weniger Zeitzeugen davon erzählen können, was ihnen widerfahren ist, ist es umso wichtiger, die Orte mit eigenen Augen zu sehen, wo Millionen Menschen auf grausamste Art ermordet wurden. Was es braucht, ist Empathie, und die entsteht nur dann, wenn Fakten ein Gesicht und eine Geschichte bekommen, die einen berührt. Deshalb wäre es wichtig, Besuche von Gedenkstätten in der Schule und auch für Migranten einheitlich zu einer Verpflichtung zu machen. 

Von Amira El Ahl

Kontra: Pflicht ist nicht zielführend

Den Besuch in einem KZ verpflichtend einzuführen, halte ich für wenig sinnvoll. Die Schulen sind sich ihrer Verantwortung durchaus bewusst und kommen den Empfehlungen des Lehrplans nach. Sie versuchen jedem Schüler den Besuch eines KZ zu ermöglichen. Was macht eine Pflicht dann für einen Unterschied? Nun, die Schulen dürften wahrscheinlich nicht mehr entscheiden, mit welchem Jahrgang sie fahren. Sie wären weniger flexibel in der Planung ihres Jahres. Zudem glaube ich, dass andere Gedenkstätten unter so einer Pflicht leiden würden und insgesamt weniger Besucher kämen. Außerdem stellt sich die Frage, ob ein Besuch immer vom Bereich Gesellschaftslehre ausgeführt werden muss oder ob auch ein Deutschkurs, der zum Beispiel ein Buch zum Thema behandelt, ein KZ besuchen darf. Ich bin der Meinung, dass eine Pflicht die Schulen zu sehr reguliert und damit eher Frust schafft. Lehrer werden genervter, Schüler desinteressierter und der Nutzen sinkt. Eine Pflicht für Schulen würde mehr Stress für Lehrer und Schüler erzeugen, aber an dem Problem des wachsenden Antisemitismus wenig ändern.

Von Evelyn Paul

Das sagen die Schulen im Altkreis Kassel:

Wir haben auch bei Schulen in der Region nachgefragt, ob sie regelmäßig zu diesen Gedenkstätten fahren und was sie von einer solchen Pflicht halten.

Erich-Kästner-Schule Großenritte

Es ist das Ziel der Schule, dass die Schüler sich authentisch mit dem Thema Nationalsozialismus befassen, bevor sie die Schule verlassen, erklärt Schulleiter Jörg Hapke. Dafür fahren sie jedes Jahr mit dem neunten oder zehnten Jahrgang nach Buchenwald. Zusätzlich wird eine Themenwoche in Auschwitz angeboten, bei der die Schüler nicht nur die Gedenkstätte besuchen, sondern auch mit Zeitzeugen reden und bei Aufräumarbeiten auf dem Gelände helfen.

Hapke sagt zu der Forderung: „Jeder sollte sich mit dem Thema auseinandersetzen. Authentische Begegnungsstätten sind wichtig. Ich finde es gut, dass Sensibilität gefördert wird. Aber es kann nicht alles andere ersetzen. Es muss in einen sozialen Kontext eingebettet werden.“

Söhre-Schule Lohfelden

Die Söhre-Schule besucht mit den Schülern der zehnten Klasse jedes Jahr das KZ Buchenwald. Zu der Forderung einer Verpflichtung sagt der Schulleiter Arno Scheinost: „Im Bereich der Schulen sollten alle daraufhin arbeiten, solch einen Besuch zu ermöglichen. Eine Verpflichtung ist nicht ganz unproblematisch, aber in Schulen ist es auf jeden Fall sinnvoll.“

Wilhelm-Leuschner-Schule Niestetal

Die Kulturschule fährt mit dem Jahrgang zehn nach Buchenwald und mit den Jahrgängen acht oder neun ins KZ Breitenau. Geht eine Klassenfahrt in die Region um Auschwitz, wird auch der Besuch des KZs mit eingeplant. „Wir haben es nicht aus Pflichtbewusstsein heraus gemacht, sondern als Schwerpunkt der Geschichtslehre“, sagt die Schulleiterin Ana Viehmann. „Denn auf einer emotionalen Ebene finden ganz andere Lernprozesse statt.“

Gesamtschule Kaufungen

Der Besuch im KZ Buchenwald ist für den neunten Jahrgang fest eingeplant. „Die Auseinanderssetzung mit der deutschen Geschichte ist natürlich wichtig, aber ob das immer in einem KZ sein muss, bezweifle ich“, sagt die Schulleiterin Christine Saure über die Forderung.

Georg-Christoph-Lichtenbergschule Oberzwehren

Die Geschichtsfachschaft fährt jedes Jahr mit Schülern des zwölften und dreizehnten Jahrgangs nach Auschwitz. Andere Fachbereiche können freiwillig Ausflüge zu diesem Thema planen. „Die Schüler empfinden die Besuche als lohnenswert, richtig und wichtig“, sagt Schulleiter Stefan Hermes. Seine Meinung zur Besuchspflicht: „Ich finde die Auseinandersetzung mit dem Thema absolut wichtig und wünschenswert, aber ich halte nichts von einer verordneten Gedenkkultur.“

Theodor-Heuss-Schule Altenbauna

Mit den Jahrgängen neun oder zehn besucht die Schule entweder Breitenau oder Buchenwald. „Neben den inhaltlichen Fakten bekommen die Schüler über Einzelschicksale einen emotionalen Zugang zum Thema“, sagt Jutta Lenz, Lehrerin für Gesellschaftslehre, Biologie und Religion. „Manche Schüler sind tief berührt, traurig.“ Zur Forderung der Berliner Staatssekretärin sagt sie: „Man muss sich fragen, was das Ziel oder der Sinn dieser Verpflichtung sein soll, und erreiche ich eine Sensibilisierung gegenüber Anderen, Menschlichkeit und Toleranz auf diesem Wege.“

Stilles Gedenken: Eine Schülerin der Gesamtschule Fuldatal legt eine Rose für Anne und Margot Frank nieder.

Gesamtschule Fuldatal

Meistens besucht die Schule das KZ Buchenwald mit der zehnten Klasse. Letztes Jahr war Martin Zühlsdorf, Lehrer an der Gesamtschule Fuldatal, mit seiner Klasse aber in Bergen-Belsen auf den Spuren von Anne Frank unterwegs. Sie besuchten das Hinterhaus in Amsterdam und auch die Grabstelle von Anne Frank. Zur Pflicht sagt Zühlsdorf: „Grundsätzlich halte ich das für eine gute Idee. Man kann Betroffenheit aber nicht inszenieren.“

Ahnatalschule Vellmar 

Immer vor den Herbstferien fahren die Schüler der zehnten Klasse in das KZ Buchenwald. Der Schulleiter, Gunter Freiling, sagt zu der Forderung: „Es ist mit Sicherheit ein Anliegen, was verständlich ist und was Schulen gut umsetzten können. Aber mit solchen Verpflichtungen bin ich immer eher vorsichtig.“

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