Kongress in Baunatal beschäftigt sich mit dem Thema

So kommt es zum Ärztemangel auf dem Land

+
Der Baunataler Orthopäde Dr. Peter Kentsch lädt zur ersten „Baunataler Konferenz“ ein. „Die medizinische Versorgung im ländlichen Raum ist eine der zentralen Herausforderungen für die künftige Entwicklung“, sagt der Mediziner.

Kreis Kassel. Überall auf dem Land in Hessen fehlen Ärzte, auch im Landkreis Kassel – und es werden immer mehr. Was muss getan werden, um die medizinische Versorgung dort auch in Zukunft zu sichern?

So lautet die zentrale Frage der ersten „Baunataler Konferenz“, die am Donnerstag, 4. Mai, in der Stadthalle vom Regionalmanagement Nordhessen, der Stadt Baunatal und dem Baunataler Orthopäden Dr. Peter Kentsch (Medizinisches Versorgungszentrum Baunatal) organisiert wird. Zu der Konferenz werden aus der gesamten Region Nordhessen fast 100 Vertreter aus dem Gesundheitsbereich, der Politik und Verwaltung erwartet.

Unser Gesundheitssystem zu den besten der Welt, unter anderem deshalb, weil auf 1000 Einwohner statistisch vier Ärzte kommen. Dennoch droht Ärztemangel. Warum?

Zwar ist die Anzahl der Ärzte seit 1990 um 120 000 gestiegen (2015: 370 000 Ärzte). Doch ist gleichzeitig auch die Anzahl der Patienten größer geworden. So stieg die Menge der ambulanten Arztbesuche von 2004 bis 2014 um 150 Millionen an. Inzwischen geht jeder Patient im Schnitt zehn Mal pro Jahr zum Arzt. Vor zehn Jahren gab es nur sieben Besuche pro Jahr.

Bedingt durch den demografischen Wandel (Überalterung der Gesellschaft) wird sich der Anteil der über 60-jährigen Patienten in Krankenhäusern in den kommenden 15 Jahren von 50 auf 60 Prozent erhöhen. Und ältere Menschen gehen deutlich häufiger zum Arzt in die Praxis als jüngere.

Es gibt also mehr Ärzte, aber gleichzeitig auch mehr Nachfrage von Patienten?

Das ist richtig. Wobei der Ärzteanstieg mit Vorsicht zu genießen ist. Denn: Die Ärzte arbeiten inzwischen weniger. So betrug die Durchschnittsarbeitszeit eines Krankenhausarztes 1991 noch 37,6 Wochenstunden, 2013 waren es nur noch 29,8 Stunden. Ein niedergelassener Arzt arbeitete 2011 42,6 Wochenstunden, 2014 waren es nur noch 40,2.

Zudem arbeiten immer mehr Ärzte in Teilzeit, viele legen Wert auf eine optimale Work-Live-Balance. Anders gesagt: Ärzte wollen nicht mehr rund um die Uhr zur Verfügung stehen. Nicht zuletzt ergreifen immer mehr Frauen den Arztberuf, die dann aber auch Job und Familie unter einen Hut kriegen wollen. Die Folge ist auch hier: Es wird weniger Zeit im OP oder in der Praxis verbracht. 2015 waren bereits 59 Prozent des ärztlichen Nachwuchses weiblich.

All diesen Veränderungen haben zur Folge, dass bereits 2025 rund 20 000 Allgemeinmediziner fehlen werden.

Wenn unter dem Strich also doch Ärzte fehlen, warum wirkt sich das auf dem Land so besonders stark aus?

Grund: Auf dem Land mangelt es oft an Attraktivität und Infrastruktur. Auch leben in ländlichen Regionen deutlich weniger Privatpatienten. Sie sind es aber, die spürbar mehr Geld in die Kassen der Ärzte spülen.

Schon jetzt wird politisch diskutiert, ob für junge Ärzten finanzielle Anreize geschaffen werden sollen, damit sie auf dem Land eine Praxis eröffnen – angefangen von kostenlosen Praxisräumen über Umsatzgarantien bis hin zu günstigen Krediten für die Anschaffung von Medizintechnik (Sachverständigenrat 2014). Auch wird im Rahmen der Medizinstudium-Reform 2020 für Quereinsteiger wie Sanitäter oder medizinische Assistenten die Möglichkeit eines Studiums diskutiert, wenn sie sich anschließend für eine Niederlassung auf dem Land entscheiden.

Es heißt, junge Ärzte scheuen inzwischen das Risiko eine eigene Praxis aufzumachen. Woran liegt das?

Inzwischen verbringt ein Praxisarzt 35 Prozent seiner Arbeitszeit am Schreibtisch und nicht mit dem Patienten – eine Folge wachsender Bürokratie, die zunehmend junge Ärzte abschreckt.

Hinzu kommt das Honorarsystem der Kassenärztlichen Vereinigung, das sich nicht nur ständig ändert und deshalb wenig Planungssicherheit bietet. Auch werden lediglich diagnoseabhängige Pauschalen gezahlt, und das unabhängig davon, wie oft dann der Patient wegen einer Erkrankung in der Praxis erscheint.

Gleichzeitig steigen die Medizinkosten laufend. Allein die aktuelle Diskussion um einen möglichen Wegfall der privaten Krankenversicherungen zugunsten einer Bürgerversicherung verunsichert viele Ärzte. Dabei sind es gerade die „Privaten“, mit denen sich Geld verdienen lässt, um Investitionen in Medizintechnik amortisieren zu können.

Wie kann das Problem Ärztemangel gelöst werden?

Möglichkeiten gibt viele – neben den bereits genannten Strategien hier zwei weitere Beispiele: Die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte könnte enorme Erleicherungen beim Datenaustausch und damit weniger Bürokratie erbringen. Die bessere Verzahnung von ambulanter und stationärer Versorgung könnte hohe Synergien freisetzen, die letztlich dazu führen, dass auch weniger Ärzte die gleiche Arbeit machen müssen.

Hintergrund: Ärztemangel im Landkreis Kassel

Auch das hessische Sozialministerium sowie die Kassenärztliche Vereinigung Hessen registrieren seit Jahren den Ärzteschwund vor allem im ländlichen Raum (siehe Tabelle). Als Hauptursachen werden im jüngsten Gesundheitsreport für den Landkreis Kassel genannt: 

  • Die Rahmenbedingungen für Ärzte verschlechtern sich zunehmend. 
  • Manchen Regionen mangelt es an Attraktivität. 
  • Praxen, die zur Übernahme angeboten werden, sind nicht attraktiv genug, weil es sich oft um Einzelpraxen oder kleinere Praxen handelt. Nicht selten sind auch Kooperationen schlecht möglich.
  •  Das Werteverständnis hat sich gewandelt, die sogenannte Work-Life-Balance spielt für Ärzte eine größere Rolle. 
  • Die ärztliche Berufsausübung wird immer mehr von Frauen wahrgenommen. Diese wünschen sich mehr Teilzeitangebote und bessere familienbedingte Betreuungsmöglichkeiten. 
  • Wirtschaftliche Risiken sind aufgrund ständiger Änderungen der Honorarsystematik noch unkalkulierbarer geworden.


Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.