Außergewöhnliche Frauen im Kreis Kassel 

Ursula Schafft-von Loesch: Ihr bewegtes Leben mit neun Kindern

+
Können stundenlang über ihre Mutter erzählen: Die Schwestern Johanna Schafft-Sommer (links) und Sibylle Garff haben ihre Mutter als Kämpferin und Freigeist erlebt.

Kreis Kassel. Ursula Schafft-von Loesch beschrieb ihr bewegtes Leben mit neun Kindern in zwei Büchern. Außergewöhnliche Frauen wie sie - aus dem Landkreis Kassel - stellen wir in einer Serie vor. 

Welche Kraft und welcher Mut in dieser zierlichen Frau steckten, lässt sich vielleicht am ehesten erahnen, wenn man sich die letzte Begegnung mit ihrem Mann vor Augen führt. Es sind die letzten Kriegsmonate des bitterkalten Winters 1944/45.

Ursula Schafft-von Loesch erlebt diese Zeit auf Gut Buchenhain, 80 Kilometer von Breslau entfernt, direkt an der polnischen Grenze. Die Kämpfe kommen näher, eigentlich müsste sie sich längst in Richtung Westen aufmachen, um ihre sechs Kinder und ihre Eltern zu retten. Doch sie bleibt unschlüssig zurück, in der Hoffnung „und mit dem vagen Gedanken, ich müsse noch eine Nachricht von Gerd bekommen“, schreibt sie in ihren Erinnerungen.

Große Liebe: Bis 1945 lebte Ursula Schafft-von Loesch mit ihrem Mann Gerhard von Loesch (links) und den sechs Kindern auf Gut Buchenhain an der polnischen Grenze. Er fiel im Krieg.

Und tatsächlich kommt diese Nachricht. Ihr Mann, Gerhard von Loesch, Oberstleutnant in einer Panzerdivision, ist mit einem Militärtransport unterwegs, der durch Breslau kommt. Bei eisiger Kälte fährt die damals 30-Jährige die 80 Kilometer mit dem Rad und findet dort, im Chaos auf dem Güterbahnhof den Waggon, in dem ihr Mann sitzt. Sechs Stunden liegt sie neben ihm, wissend, dass es ihre letzten gemeinsamen Stunden sind.

Dann muss sie aussteigen, irgendwo im Nirgendwo, und versuchen, zurück zu den Kindern zu gelangen. Sie schafft es und flieht mit ihnen, ihren Eltern und vier Pferden im Januar 1945 Richtung Westen. Sie verlässt Gut Buchenhain als letzte Person, so wie ihr Mann es in seinem letzten Brief verlangt hat: „Tue niemals etwas, was ein schlechtes Beispiel gibt, sei stets das Vorbild für alle und verlasse, wenn es nötig wird, zu fliehen, als letztes Lebewesen den Hof. Ich weiß, dass ich mich auf dich verlassen kann.“

Johanna Schafft-Sommer liest diese Zeilen aus dem Brief vor, und der Tochter kommen – nach all den Jahrzehnten – immer noch die Tränen. Die 69-Jährige erzählt mit ihrer älteren Schwester Sibylle Garff von ihrer Mutter, der Flucht und den Jahren danach in Nordhessen, wo die Familie eine neue Heimat findet.

Können stundenlang über ihre Mutter erzählen: Die Schwestern Johanna Schafft-Sommer (links) und Sibylle Garff haben ihre Mutter als Kämpferin und Freigeist erlebt.

In Nordhessen verschlägt es sie zuerst nach Eschwege auf Gut Boyneburgk, wo Ursula von Loesch eine Anstellung als Hofmeister bekommt. Sie verdient 100 Reichsmark, rückt mit ihren vier Pferden, die sie aus dem Osten retten konnte, Holz im Wald und kann so ihre Familie ernähren. „Trotzdem haben wir wahnsinnig gehungert“, sagt Sibylle Garff. Doch als Angestellte auf dem Gut zu arbeiten, liegt der ehemaligen Gutsbesitzerin nicht so sehr, sie zieht mit ihrer Familie weiter. „Sie hielt es nie lange irgendwo aus und ist oft umgezogen“, erzählt die 76-jährige Tochter, die auf der Flucht vier Jahre alt war.

Vielleicht auch eine Art, mit dem Verlust der Heimat umzugehen. „Sie hat nie darüber geredet, was sie alles verloren hat“, sagt Johanna Schafft-Sommer. Sie habe sehr an ihrem Gut gehangen und sei später oft nach Polen zurückgefahren. „Aber es ging ihr hauptsächlich um die Menschen dort, die sie zurückgelassen hatte.“ Sie habe oft gesagt: „Die Flucht war schrecklich, aber es hatte auch einen anderen Aspekt, ich war allen Besitz los.“ Materielle Dinge seien ihr immer egal gewesen.

Behütete Kindheit: Ursula Schafft-von Loesch wuchs als Einzelkind auf. Ihre Eltern gehörten dem preußischen Adel an.

Das Leben der Witwe verändert sich, als sie in Kassel den Menschenrechtler und Theologen Hermann Schafft trifft, der zu dieser Zeit Regierungsdirektor in Kassel ist. Er ermöglicht ihr eine Ausbildung an der Pädagogischen Hochschule in Kassel. „Ich glaube, mein Vater war sehr beeindruckt von ihr“, erzählt Johanna Schafft-Sommer. „Sie war eine schöne Frau, unabhängig, ein Freigeist.“ Ungewöhnlich für die damalige Zeit.

Kochen konnte sie nicht, dafür hat sie gerne gejagt. Zu Hause, erinnern sich die Töchter, gab es meist Marmeladenbrot und Gulasch aus der Dose. Und sie konnte es nicht ertragen, nur rumzusitzen. „Wenn man in Ruhe Schulaufgaben machen wollte, musste man sich auf dem Klo einsperren.“ Sie war streng und unruhig, erzählen die Töchter, aber eben auch voll unbändigen Energie. „Sie hat immer gearbeitet.“

Das perfekte Outfit: Schon als Kind gehörte ihre ganze Leidenschaft dem Reiten.

Als sie heiraten, ist Schafft 65 Jahre alt, sie 35. Sie bekommen drei Töchter, aber auch für die anderen Kinder wird er zum geliebten Vater. „Wir haben ihn wahnsinnig verehrt, er war die Rettung“, sagt Sibylle Garff. Ihre Jugend sei die Hölle gewesen. „Unsere Mutter war unheimlich streng.“

Hermann Schafft stirbt 1959. Ein Schicksalsschlag für die Kinder. Mit 45 Jahren ist Ursula Schafft-von Loesch zum zweiten Mal Witwe und alleinerziehende Mutter von neun Kindern. Aber, sagen ihre Töchter: „Sie hat immer an morgen gedacht und sich nicht unterkriegen lassen.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.