Behörden und Unternehmen widersprechen

Verstoß gegen Netzneutralität? Kunden kritisieren Internetanbieter Netcom Kassel

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Wehrt sich gegen die Vorwürfe: die Firma Netcom Kassel. In einer Facebook-Gruppe, die knapp 300 Mitglieder zählt, wird dem Unternehmen unter anderem unterstellt, es verstoße gegen den Datenschutz.

Kreis Kassel. Bei Facebook regt sich Unmut: In der Gruppe "Interessengemeinschaft Internet Nordhessen" tauschen sich Menschen aus dem Landkreis über ihre Erfahrungen mit dem Internetanbieter Netcom Kassel aus.

Der Gründer der Gruppe ist Michael Jelinski aus Kaufungen. Gegenüber der HNA berichtet er von „großen Problemen“, die er mit der Netcom habe.

Jelinskis Vorwurf: Die Netcom blockiere den Zugriff von außen auf das heimische Netzwerk, indem sie ihren Kunden private anstelle öffentlicher IP-Adressen zuweise. Private IP-Adressen können nicht aus dem Internet angesteuert werden. Nötig ist das jedoch, wenn man von unterwegs aus auf heimische Geräte wie beispielsweise Überwachungskameras zugreifen will.

Jelinski sieht hier einen Verstoß gegen die sogenannte Netzneutralität durch die Netcom. Netzneutralität bedeutet, dass alle Daten im Internet grundsätzlich gleich behandelt werden müssen – ob YouTube-Video oder Nachrichtenseite, nichts darf langsamer im Internet übertragen werden.

Auf Anfrage der HNA hin erklärte Michael Reifenberg, Sprecher der Bundesnetzagentur, dass man in einem solchen Fall unterscheiden müsse – zwischen vertraglichen Absprachen auf der einen und dem Thema Netzneutralität auf der anderen Seite. Solange ein Internetanbieter keine öffentlichen IP-Adressen verspreche, müsse er diese auch nicht vergeben. Es gelte die Vertragsfreiheit.

Datenschutz verletzt?

Jelinski wirft der Netcom zudem vor, sie verletze den Datenschutz. So liste das Unternehmen den Internetverkehr seiner Kunden auf, indem es protokolliere, welcher Nutzer mit welcher Internetadresse kommuniziert. Also habe ein unbekannter Kreis an Personen Zugriff auf das Verhalten der Nutzer – etwa dann, wenn diese Bankgeschäfte tätigen. Dies geschehe durch das sogenannte NAT-Verfahren, durch das Nutzer auch mit privaten IP-Adressen auf das Internet zugreifen können. Die Protokollierung ermöglicht, dass Nutzer ihren Anfragen zugeordnet werden können.

Die Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit, Andrea Voßhoff, ließ auf HNA-Anfrage mitteilen: „Das NAT-Verfahren ist ein im Telekommunikationsbereich übliches Standardverfahren. Es kann grundsätzlich auch datenschutzkonform umgesetzt werden.“ Ob dies im Fall der Netcom zutreffe, könne anhand der vorliegenden Informationen jedoch nicht beurteilt werden.

Kritisiert wird in der Facebook-Gruppe auch die Preispolitik der Netcom. So etwa die zusätzlichen Kosten, die für den Zukauf einer festen IP-Adresse entstehen. Eine solche ermöglicht es Nutzern, über das Internet auf ihre Heimnetzwerke zuzugreifen. Diese liegen für einen 50 Mbit-Anschluss bei 50 Euro und für einen 100 Mbit-Anschluss bei 119 Euro. Eine feste IP bieten andere Anbieter vor allem für Geschäftskunden an. Derzeit kostet ein DSL-Paket mit fester IP bei Unitymedia für die ersten 24 Monate 29,90 Euro pro Monat, danach 46,90 Euro (50 Mbit-Anschluss).

Das sagt die Netcom Kassel

Auf HNA-Anfrage äußerte sich die Netcom zu den Vorwürfen. So seien öffentliche IP-Adressen grundsätzlich nicht mehr verfügbar. Zwar sei es möglich, als Unternehmen gebrauchte Adressen zu kaufen – allerdings sei dies „unseriös“ und könne zu „erheblichen Problemen“ führen (so könnten IPs zuvor kriminell genutzt worden sein). Die Preisunterschiede für feste Adressen ergeben sich laut Netcom aus der Marktsituation, dem Wettbewerbsumfeld sowie der „strategischen Marketingplanung“. 

Auch teilte Netcom mit, dass man sich datenschutzkonform verhalte. So müsse bei der Suche nach dem bestmöglichen Weg zu einem Internetangebot immer die jeweilige Zieladresse erfasst werden. Dabei handele es sich jedoch um eine „flüchtige" Speicherung – die Daten würden weder ausgewertet noch werde auf den Inhalt geschaut. Dies könne nur mit richterlicher Anordnung geschehen.

Hintergrund: Das sind IP-Adressen

Computer benötigen eine IP-Adresse, um sich mit dem Internet zu verbinden. Auch kann ein Computer über seine IP identifiziert werden, etwa um ihm Daten wie Videos oder Bilder zukommen lassen zu können. So ist eine IP-Adresse vergleichbar mit der Anschrift eines Briefempfängers. In der Regel erhalten Nutzer mit jedem Einwählen in das Internet eine neue Adresse – es sei denn, sie legen sich eine feste IP zu, um etwa heimische Geräte von unterwegs aus bedienen zu können. Während wiederum öffentliche IP-Adressen aus dem Internet erreicht werden können, ist das im Falle privater Adressen nicht so. Private IPs werden zum Beispiel in Intranets verwendet, also in geschlossenen, nicht öffentlich zugänglichen Netzwerken.

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