Hochspannung am Affolderner See im Edertal

Video: Vogelschutz via Hubschrauber - Arbeiten an 380.000-Volt-Leitung

Kreis Kassel/Edertal. Nervenkitzel in 70 Metern Höhe: Via Hubschrauber wurden am Montag Sicht-Fähnchen für Vögel zum Vogelschutz an der Starkstrom-Überlandleitung am Affolderner See montiert.

Wenn sich Marius Fiege, 24, nach vorne beugt, um eine der 80 Vogelschutzmarkierungen ans Stahlseil zu montieren, dann hat er gähnende Leere unter sich. In 70 Metern höhe hockt er auf einem nur tablettgroßen Absatz außen am Hubschrauber. Nur ein Karabiner hält ihn fest. Über ihm brüllen die Turbinen mitsamt Rotor der 840 PS starken Agusta A109, unter ihm schaukeln die armdicken Stahlseile, durch die 380 Kilovolt (kV) Hochspannungsstrom fließen.

Er hat volles Vertrauen zu seinem Kollegen Jürgen Schütz, 54, der vorne im Cockpit den Helikopter lenkt. Schütz, eine rheinische Frohnatur, fliegt seit 20 Jahren Hubschrauber. Das, was er heute macht, macht er aber auch nicht jeden Tag. Er muss zentimetergenau an das oberste Stahlseil der Überlandleitung heranfliegen, damit sein Kollege Marius Fiege auch die Vogelschutz-Fähnchen mit seinen Händen anbringen kann.

Montagmittag, am Affolderner See, gleich unterhalb der Edersperrmauer. Die Sonne scheint, doch der Wind frischt auf, von Nordosten naht eine Schlechtwetterfront. „Los, beeilt euch“, sagt Schütz. Werden die Böen zu stark, kann er die Maschine nicht mehr ruhig genug in der Luft halten. Eine Berührung des Rotors mit einem der Hochspannungsseile wäre das Ende.

Rheinische Frohnatur: Auch Hubschrauberpilot Jürgen Schütz blieb bei seiner Zentimeterarbeit in luftiger Höhe direkt an den Hochspannungsseilen recht entspannt. 

Und unten stehen die Techniker von Tennet. Der Stromversorger will 2018 die 380-kV-Hochspannungsleitung Wahle-Mecklar bauen, die auch durch den östlichen Altkreis Kassel führen wird. Als Ausgleichsmaßnahme dafür werden nun diese 80 Vogelschutz-Fähnchen an das obere Kabel der bereits bestehenden 380-kV-Überlandleitung Borken-Twistetal nahe des Affolderner Sees angebracht.

„Das macht Sinn“, sagt Reemt Bernert von Tennet. Der Affolderner See sei Vogel-, Natur- und FFH-Schutzgebiet zugleich. „Und im Süden grenzt gleich der Nationalpark Kellerwald an“. Tatsächlich seien dort schon Vögel mit den Stahlseilen der Überlandleitung zusammengestoßen, „weil sie sie einfach nicht sehen“. Verletzungen seien die Folge. „Und das wollen wir nun mit den Schutzmarkierungen vermeiden“.

Aber warum das alles mit einem Hubschrauber? Kann da kein Techniker hochklettern? „Mit dem Helikopter ist es die eleganteste Lösung“, sagt Tennet-Sprecher Markus Lieberknecht. „Wir können so unter Vollbetrieb der Hochspannungsleitung arbeiten und auf diese Weise Netzstörungen vermeiden“. Sorge um den Monteur Marius Fiege oben im Hubschrauber müsse man sich deshalb aber nicht machen. „Der kriegt da oben keinen Stromschlag, wenn er das Seil berührt“.

Freileitungsmonteur Marius Fiege beim Einladen der Vogelschutzmarkierungen in den Hubschrauber. 

Tatsächlich diene das oberste Stahlseil nicht der Übertragung von Hochspannungsstrom. „Das Seil ist Blitzableiter und Steuerungsleitung für die einzelnen Umspannwerke, die an die Trasse Borken-Twistetal angeschlossen sind“, sagt Bernert. Dennoch müsse Fiege sehr aufpassen. „Denn dadurch, dass nur sechs Meter unter ihm starker Wechselstrom fließe, werde in die Steuerungsleitung wie auch in den Hubschrauber eine starke Spannung induziert. „Das kann dann schon zu schweren Stromschlägen führen, wenn Fiege nicht vorher ein Kabel zwischen Hubschrauber und Steuerungsleitung zum Ausgleich klemmen würde“, sagt Tennet-Projektleiter Klaus Schneeberg.

Rubriklistenbild: © Beutner

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