Waffentests während des Zweiten Weltkriegs

Karte belegt Kanonen-Schießstand von Henschel im Steinbruch Wellerode

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Söhrewald. Waffentests im Zweiten Weltktrieg: Die Firma  Henschel hat offenbar Panzerabwehrkanonen im Steinbruch in Wellerode ausprobiert. Das belegt eine Karte.

Es muss furchtbar gekracht haben in Wellerode, als die Geschütze abgefeuert wurden. Noch heute ist davon die Rede, „dass die Tassen im Schrank geklappert haben“, wie sich Albert Werner, heute 83, erinnert.

Das Ganze ging mindestens zwei Jahre lang – von 1942 bis 1944, nicht täglich, aber immerhin mit großer Regelmäßigkeit. 

Vermutlich Hunderte Panzerabwehrkanonen vom Typ PaK 43 und PaK 43/41 mit Kaliber 8,8 Zentimeter hatte die Kasseler Waffenschmiede Henschel in diesen beiden Kriegsjahren bei Wellerode getestet und eingeschossen – im damals schon stillgelegten Basalt-Steinbruch Tiefenrod direkt an der Wattenbacher Straße in Höhe der Serpentinen. Was zuvor nur vom Hörensagen bekannt war, ist jetzt durch eine handgezeichnete Karte vom 5. Dezember 1944 der Henschel & Sohn GmbH Kassel belegt.

Bislang gab es nur mündlich überlieferte Augenzeugenberichte von den Aktivitäten der Firma Henschel im Welleroder Steinbruch Tiefenrod: Jetzt halten Albert Werner und Lothar Rolwes vom Geschichtskreis Söhrewald einen Beweis in den Händen.  

„Diese Karte ist ein Glückstreffer“, sagen Albert Werner und Lothar Rolwes, beide vom Geschichtskreis Söhrewald. Überlassen wurde ihnen das Dokument vom Kasseler Verein KulturRaum Oberzwehren. Auf ihr ist der Schießstand für die Panzerabwehrkanonen exakt eingezeichnet. Er befand sich in einer lang gezogenen, rund 15 Meter tiefen Grube keine 300 Meter vom Wanderparkplatz Brand entfernt direkt an der Wattenbacher Straße. Heute ist dort nichts mehr zu sehen – die Grube ist zugeschüttet, überall stehen Bäume.

„Die Geschütze wurden auf einen alten Stollen gerichtet“, sagt Rolwes. „Zum Auffangen der Projektile wurde dieser mit Sand gefüllt. Sandbunker standen bereit, das zeigt auch die Karte“. Die verschossenen Projektile seien dann immer wieder laut Augenzeugenberichten aus dem Stollen gegraben und wegen ihres Materials eingesammelt worden, ebenso die leer geschossenen Hülsen. Alles zusammen kam in ein Tagesschrottlager. Sogar eine Schmalspurbahn vom Schießstand mit Schutzraum bis zum Stollen war eingerichtet, um den Materialtransport zu erleichtern.

„Die ganze Anlage spricht dafür, dass dort nicht nur Prototypen der PaK 43 und 43/41 getestet, sondern dort auch andere Waffen in großer Anzahl eingeschossen wurden“. Ein Indiz dafür sei auch der damals eigens für das Abladen der Kanonen ausgebaute Welleroder Bahnhof, dort, wo sich heute das Dorfgemeinschaftshaus befindet. „Die Kanonen wurden per Zug vom Henschel-Werk in Kassel-Rothenditmold über Bettenhausen nach Wellerode transportiert“, sagt Werner, der das Treiben als Neunjähriger selbst mehrfach mitverfolgt hat. Am Bahnhof seien die PaK auf Lkw umgeladen und zum Steinbruch gefahren worden. „Wenn im Steinbruch geschossen wurde, war die Wattenbacher Straße zwischen den Serpentinen und dem Parkplatz Brand gesperrt“.

Mindestens zwei Jahre lang muss der Kanonenkrach die Welleroder begleitet haben. Von der Pak 43 baute Henschel wie auch das Eisenwerk Weserhütte in Bad Oeynhausen 2098 Stück, von der PaK 43/41 noch einmal 1403. „Sicher sind nicht alle dieser Geschütze im Steinbruch Tiefenrod abgefeuert worden – aber doch sehr viele“.

Steinbruch-Karte ist einmaliges Dokument

Die Karte der Firma Henschel & Sohn aus dem Jahr 1944, die den Steinbruch Tiefenrod zeigt, ist bislang das einzige bekannte Dokument, das die Existenz eines Kanonenschießplatzes nahe Wellerode in den Kriegsjahren belegt. Das bestätigt auch Helmut Weich, Leiter des Henschel-Museums in Kassel. 

„Über die Produktion von Rüstungsgütern der Firma Henschel gibt es nur wenig Unterlagen“, sagt Weich. Insofern sei das Fundstück einzigartig. Unmittelbar nach dem Krieg seien viele Dokumente und Zeichnungen der Firma – „im Prinzip das gesamte militärisch-technische Wissen“, wie Weich sagt – von der amerikanischen Besatzungsmacht einbehalten worden. „Tatsächlich höre ich selbst jetzt erstmals davon, dass Henschel im Steinbruch Tiefenrod seine Panzerabwehrkanonen getestet hat“, sagt Weich. Erst kürzlich war das historische Material im Keller des alten Forstamtes Wellerode an der Stellbergstraße gefunden und Mitgliedern des Vereins KulturRaum Oberzwehren zugespielt worden. Unter den Fundstücken befinden sich auch eine Handzeichnung der Gemarkung Wellerode des königlichen Katasteramtes von 1901, eine Skizze der Pachtflächen des Steinbruchs Tiefenrod aus dem Jahr 1929 sowie ein Lageplan von 1942 des Preußischen Forsteinrichtungsamtes. Heinz-Rüdiger Sauerbrei und Helmut Schaberick vom KulturRaum Oberzwehren hatten das Material Anfang August dem Geschichtskreis Söhrewald für weitere Forschungen überlassen.

Kanone zur Panzerabwehr

Die Kanonen vom Typ PaK 43 und PaK 43/41 (mit verlängertem Lauf) zählten zu den stärksten Panzerabwehrwaffen der Deutschen Wehrmacht. Die Kanonen wurden zwischen 1942 und 1945 von Henschel & Sohn in Kassel sowie vom Eisenwerk Weserhütte in Bad Oeynhausen produziert. Die Waffe wurde vor allem an der Ostfront im direkten Feuerkampf gegen Panzerfahrzeuge eingesetzt, vor allem gegen den russischen Panzer T-34. Die Waffe mit dem Kaliber 8,8 Zentimeter vermochte noch aus einer Schussentfernung von 2500 Metern Panzerplatten von 15,9 Zentimetern Dicke zu durschlagen.

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