Bedingungen für Ärzte verschlechtern sich

Ärzteschwund im Landkreis Kassel geht weiter

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Der Ärzteschwund auf dem Land wächst sich zu einem handfesten Problem aus: Jetzt fordert die Kreis-SPD von der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen, ihrem Sicherstellungsauftrag stärker nachzukommen. Unser Symbolbild zeigt einen Arzt, der einer Patientin den Blutdruck misst.

Kreis Kassel. Nach Prognose der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KV) wird sich allein die Anzahl der Hausärzte von 2014 bis zum Jahr 2020 um 37 Prozent verringert haben.

Noch schlimmer sieht es in Teilen bei den Fachärzten aus. So wird im gleichen Zeitraum die Anzahl der Kinderärzte und Urologen im Landkreis Kassel um sogar 50 Prozent zurückgegangen sein.

Die Kreis-SPD will jetzt dagegen angehen. „Wir wollen, dass die KV ihrem Sicherstellungsauftrag stärker nachkommt“, sagt SPD-Fraktionsvorsitzender Dieter Lengemann. Soll heißen: Die KV soll mehr für die ambulante medizinische Versorgung auf dem Land tun. Lengemann: „Es kann nicht sein, dass Patienten inzwischen Dutzende Kilometer fahren müssen, um zu ihrem Hausarzt zu kommen“.

Der Ärztemangel auf dem Land sei eine fatale Entwicklung und inzwischen kaum noch akzeptabel. „Leider erfolgt die Reaktion der KV auf absehbare wie angekündigte Schließungen von Praxen nicht immer so vorausschauend, das akute Versorgungslücken vermieden werden können“, sagt Lengemann.

Thema im Kreistag

So will die Kreis-SPD im nächsten Kreistag am Donnerstag, 8. März, einen Antrag einbringen, der ein besseres Engagement der KV sowie eine bessere Kooperation der KV mit dem Landkreis Kassel und betroffenen Kommunen einfordert.

Ob die SPD damit erfolg haben wird, ist indessen völlig offen. Denn auch die KV steht bei der Bewältigung des Ärztemangels inzwischen komplett auf dem Schlauch. Erst jüngst forderte die KV Hessen die Bildung eines „Aktionsbündnisses für das ländliche Hessen“ unter Beteiligung von Ärzten, der Politik, der Kostenträger und vieler anderer Akteure des Gesundheitswesens.

Mit anderen Worten: Auch die KV ist mittlerweile völlig hilflos, wie sie das Problem fehlender Ärzte auf dem Land alleine lösen kann. „Wir glauben, dass wir längst über den Punkt hinaus sind, an dem eine Institution wie eine Kassenärztliche Vereinigung das Problem der Sicherung der ambulanten medizinischen Versorgung allein bewältigen kann“, sagen die KV-Vorstandsvorsitzenden Frank Dastych (Bad Arolsen) und Eckhard Starke (Offenbach).

Dafür seien die Einflussfaktoren zu vielfältig und an vielen Stellen von der KV auch nicht oder nur geringfügig beeinflussbar, um dem Ärztemangel auf dem Land Herr zu werden. So habe die KV zum Beispiel keinen Einfluss auf die Anzahl der Medizinstudenten, sie könne nicht beeinflussen, dass immer mehr Mediziner in Teilzeit arbeiten wollten oder „noch immer viele ärztliche Ressourcen in Kliniken verbrannt werden, die schon längst hätten geschlossen werden müssen“.

Die KV ist alleine hilflos

So hat auch die KV erkannt: „Dort, wo kein Metzger, kein Bäcker und keine Bank mehr ist und der Breitbandausbau hinterherhinkt, ist auch die ärztliche Versorgung ein großes Problem“, sagen Dastych und Starke. Deshalb müsse dringend ein Aktionsbündnis ins Leben gerufen werden, in dem verantwortliche Akteure über die Zusammenhänge und über mögliche Lösungswege diskutieren könnten.

Lengemann fängt den Ball gerne auf. „Kann gut sein, dass der SPD-Antrag nicht nur im Kreistag, sondern auch bei der KV auf offene Ohren stößt“, hofft der Politiker.

Hintergrund

Seit Jahren registrieren das Hessische Sozialministerium sowie die Kassenärztliche Vereinigung Hessen den Ärzteschwund auf dem Land. Als Hauptursachen werden im jüngsten Gesundheitsreport für den Landkreis Kassel genannt: 

  • Die Bedingungen für Ärzte verschlechtern sich.
  • Manchen Regionen mangelt es an Attraktivität. 
  • Praxen, die zur Übernahme angeboten werden, sind nicht attraktiv genug, weil es sich oft um Einzelpraxen handelt. Kooperationen sind schlecht möglich.
  • Das Werteverständnis hat sich gewandelt, die sogenannte Work-Life-Balance spielt für Ärzte eine größere Rolle. 
  • Die ärztliche Berufsausübung wird immer mehr von Frauen wahrgenommen. Diese wünschen sich mehr Teilzeitangebote und bessere familienbedingte Betreuungsmöglichkeiten. 
  • Wirtschaftliche Risiken sind aufgrund ständiger Änderungen der Honorarsystematik noch unkalkulierbarer geworden. 

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