429 Gefahrenmeldungen im Kreis Kassel 2016

Wenn Eltern ihrem Kind schaden: Zahlen sind stark gestiegen

Kreis Kassel. War es früher schon so schlimm? Oder hat sich die Wahrnehmung verändert? Fragen, die sich die Mitarbeiter des Jugendamtes vom Landkreis Kassel stellen.

Fakt ist: Die Zahl der Gefahrenmeldungen ist gestiegen - von 79 im Jahr 2007 auf 429 im Jahr 2016. In 60 Prozent der Fälle stellt sich heraus: Die Meldung war berechtigt, hier ist das Kindeswohl gefährdet.

Das Spektrum der Meldungen sei breit, sagt Sabine Scherer, seit 2011 Leiterin des Fachbereichs Jugend – „von der auf dem Balkon rauchenden Minderjährigen bis hin zu einer Mutter mit Säugling, die von ihren Nachbarn tagelang nicht gesehen wurde, obwohl aus der Wohnung ein Poltern zu hören ist“. Meldungen kämen mittlerweile aus allen Lebensbereichen: Schule, Kindergarten, Krankenhaus, vom Zählerableser, dem Tramfahrer und von aufmerksamen Nachbarn – oftmals in Kombination mit Handyfotos.

Um die eintreffenden Meldungen zu überprüfen, wird im ersten Telefonat eine Checkliste abgearbeitet, die dem Kinderschutzfachdienst übergeben wird: Wer meldet? Um wen geht es? Was ist geschehen? Für wie akut schätzt der Anrufer die Situation ein? Die Bandbreite der Reaktionen reiche von „Wir fahren direkt mit zwei Leuten zum Ort des Geschehens“ bis „Wir laden Eltern und Kind zum Gespräch ein“, so Scherer.

Was genau zu tun ist, sei eine Bewertungsfrage. „Wir gehen nach unseren Kriterien zur Kindeswohlgefährdung vor“, sagt Scherer. Die Inobhutnahme, also die Wegnahme des Kindes von seinen Eltern, sei das „letzte Mittel“, wenn man auch nach wie vor mit dem Ruf der „Kinderklaubehörde“ zu kämpfen habe. Manfred Schilling, Fachdienstleiter des Sozialen Dienstes, merkt an: „Selbst wo wir eingreifen müssen, stimmen die Eltern häufig zu, dass etwas nicht richtig gelaufen ist.“

Eltern werden eingebunden

Bevor man das Kind in einer Einrichtung des Jugendamts aufnehme, werde zusammen mit den Eltern nach einem Ausweg gesucht. Es sei oft nicht die beste Lösung, ein Kind seinen Eltern wegzunehmen – je nach Fall werde der Familie schon geholfen, wenn ein Sozialarbeiter eingesetzt werde. Beispiel: Eine junge Mutter ist überfordert, also bekommt sie ein Jahr Familienhilfe. Wenn nötig, stehe ihr ein Sozialarbeiter täglich zur Seite und diene der Mutter als Vorbild. „So etwas habe ich noch nie gesehen“, sei eine häufige Reaktion von Sozialarbeitern, berichtet Schilling über die teils katastrophalen Zustände in den Wohnungen.

Generelle Aussagen darüber treffen, in welchen Familien es am häufigsten zu Kindeswohlgefährdungen kommt, könne man nicht. Eine Tendenz gehe hin zu Alleinerziehenden und zu Familien, die über wenig Geld verfügen. Auffällig sei die Zahl an Suchterkrankungen in eher ländlichen Kommunen des Landkreises. Ganz vorn dabei: Alkohol. „Die Indikationen sind seit Jahren gleich“, sagt Manfred Schilling. In den meisten Fällen häuften sich die Probleme in den Familien und sorgten in der Gesamtheit für eine Überforderung, der die Eltern nicht mehr gewachsen sind.

300 Kinder in der Dauerpflege

594.000 Euro hat das Jugendamt vom Kreis 2016 für Inobhutnahmen ausgegeben (Gesamtetat im Fachbereich Jugend 2015: 25 Mio.). Aktuell laufen 1100 Erziehungshilfen, etwa 300 Kinder sind in Dauerpflege, die Zahl der Kinder in Bereitschaftspflegefamilien variiert. Platz ist hier für bis zu zwei Kinder, die Familien bekommen für ihre Bereitschaft, auch kurzfristig ein Kind in Obhut zu nehmen, etwa 200 Euro im Monat und pro zugewiesenem Kind 1300 Euro/Monat. Vollzeitpflegefamilien erhalten pro Kind etwa 800 Euro im Monat. Die Unterbringung eines Kindes bei stationären Jugendhilfeeinrichtungen kostet am Tag pro Kind 140 bis 160 Euro. 

Rubriklistenbild: © dpa

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