Sie waren nie in Deutschland ausgestorben

Vorkommen häufiger als gedacht: Wildkatzen in und um Kasseler Wälder

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In die Fotofalle getappt: Eigentlich sollten an dieser Stelle in der Söhre Luchse fotografiert werden. Doch löste die Kamera auch – und nicht nur einmal – bei Wildkatzen aus. Unser Bild, das am 12. Juni 2017 entstand, zeigt eine Kätzin mit Jungtier.

Kreis Kassel. Die Wildkatze kommt in den Wäldern rund um Kassel offenbar viel häufiger vor, als bislang angenommen. Zu diesem Schluss kommen Forscher der Uni Göttingen.

„Bislang haben wir dort vor allem den Bestand der Luchse untersucht“, sagt Markus Port vom Institut für Zoologie und Anthropologie. „Bei der Auswertung der Bilder aus unseren Fotofallen ist jedoch aufgefallen, dass auch erstaunlich viele Wildkatzen in der Söhre und im Kaufunger Wald vorkommen.“

Bis heute gilt der Bestand der Wildkatze in Deutschland noch immer als gefährdet. „Insofern beflügelt die Vermutung, dass in den Wäldern Nordhessens offenbar eine besonders starke und stabile Wildkatzen-Population zu erwarten ist“, sagt Port.

In Kooperation mit dem hessischen Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) soll die Sache nun genauer untersucht werden. „Bereits vor etwa einem Monat haben wir insgesamt 50 Fotofallen an 25 Standorten im Wald der Söhre zwischen Eiterhagen und Melsungen extra für die Wildkatzen aufgestellt“, sagt Port. Allein in diesem rund 30 Quadratkilometer großen Waldareal vermutet der Forscher zehn bis 15 Wildkatzen. Insgesamt könnten im Kaufunger Wald sowie in der Söhre mehrere Hundert Wildkatzen leben. Die Kameras sollen bis zum Oktober aufgestellt bleiben.

Bringt eine von insgesamt 50 Fotofallen im Untersuchungsgebiet zwischen Söhrewald-Eiterhagen und Melsungen an: Wildkatzenforscherin Lynne Werner vom BUND . Foto: Uni Göttingen / nh

Bei der späteren Analyse der Bilder kommt eine Methode zum Einsatz, die die Göttinger Forscher bereits beim Luchs ausgiebig erprobt haben. „Ähnlich wie die Luchse können auch Wildkatzen anhand ihrer Fellmuster individuell voneinander unterschieden werden“, sagt Lynne Werner vom BUND, die die Untersuchung maßgeblich leitet. „Wenn wir die Tiere unterscheiden können, können wir sie zählen und so ihren Bestand schätzen.“ Anders als Lusche seien Wildkatzen in Deutschland nie völlig ausgestorben. Doch viele Jahre hätten sie in der Roten Liste für Deutschland als eine „vom Aussterben bedrohte Tierart“ geführt werden müssen.

Dass die Wildkatze ausgerechnet in den hiesigen Wäldern so häufig vorkommt, führt Port nicht zuletzt auf großflächige, zusammenhängende, intakte und vor allem abwechslungsreiche Waldgebiete in der Söhre und im Kaufunger Wald zurück. Das bestätigt auch Jan Stetter, Leiter des Forstamts Melsungen, in dessen Areal das Wildkatzen-Untersuchungsgebiet der Göttinger Forscher liegt. „Auf allen Waldflächen, die wir betreuen, haben wir auch den Naturschutz im Blick. Dadurch entstehen viele Lebensräume und Biotope, die es ohne zielgerichtete Waldpflege so nicht geben würde“, sagt Stetter. Dass sich die Wildkatze hier wohlfühle, zeige, dass Forstwirtschaft und Naturschutz Hand in Hand gehen können – zum Vorteil beider Seiten.

So werde schon seit vielen Jahren auf die Anpflanzung gleichaltriger Monokulturen verzichtet. Stattdessen werde auf Mischkulturen gesetzt, die dem Wald ein sehr abwechslungsreiches Gesicht geben. „Und genau das brauchen Wildkatzen“, sagt Port, „einen großräumigen, struktur- und artenreichen Wald mit dichtem Unterholz, der viele Verstecke für die Aufzucht der Jungkatzen bietet.“

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