Entdeckung im Schnee

Blut, ausgerissene Haare und Pfotenspuren: Wolf im Habichtswald?

Blut, Haare und ganz oben rechts am Bildrand noch eben erkennbar das Trittsiegel eines hundeähnlichen Wesens: So sah die mutmaßliche Wolfsspur im Habichtswald am ehemaligen Truppenübungsplatz aus. Foto: Krokowski/nh

Kreis Kassel/Habichtswald. Der Blutfleck im Schnee war auffällig groß. Drum herum lagen die ausgerissenen Haare eines Rehs. Und mitten drin im Blutfleck die Abdrücke von Pfoten.

Mit dieser Entdeckung kehrten vor gut zwei Wochen Jutta und Michael Krokowski von einem Winterspaziergang am alten Truppenübungsplatz oben im Habichtswald bei Ehlen nach Kassel zurück. Michael Krokowski, 59, hat seit 40 Jahren einen Jagdschein und ist sich ziemlich sicher, dass er da die Spuren eines Wolfes gesehen hat. „Die Spuren folgten zunächst der alten Panzerstraße und dann eine Böschung hinauf in den Wald hinein“, sagt Jutta Krokowski.

An der Stelle mit dem Blutfleck habe es seltsam gerochen, die beiden Dackel der Eheleute hätten ungewöhnlich heftig angeschlagen. „Es fand sich aber kein toter Wildkörper, und auch nicht die Schleifspur eines erbeuteten Wildtieres im Schnee, was typisch ist für einen Wolf“, sagt Krokowski. Zudem habe einige Tage zuvor ein Bekannter noch von einer Wolfssichtung bei Zierenberg berichtet. Auch eine Wanderin glaubte, dort im November einen Wolf gesehen zu haben.

Sind wieder Wölfe rund um Kassel unterwegs? Im Habichtswald hat ein Ehepaar aus Kassel Spuren im Schnee entdeckt. Sie könnten von einem Wolf stammen. Doch ist der Unsicherheitsfaktor sehr hoch. Archivfoto: Stratenschulte

Was ist also dran an den vermeintlichen Wolfsspuren im Habichtswald? „Wahrscheinlich nichts“, sagt Susanne Jokisch, Wolfsexpertin beim Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie. Auf den Fotos fehle schlicht ein Größenvergleich. So sei es fast unmöglich, anhand eines einzigen Trittsiegels einen Hund von einem Wolf zu unterscheiden, sagt Jokisch. Um einen Wolf sicher zu identifizieren, sollte seine Spur auf ein bis zwei Kilometern Länge genau verfolgt werden. „Ein Wolf läuft im geschnürten Trab, was besonders energiesparend ist“, sagt Jokisch. Die meisten Haushunde hätten diesen Gang längst verlernt. Auch sei die fehlende Schleifspur des Beutetieres im Schnee kein Hinweis auf einen Wolf. „Auch Wölfe schleifen ihre Beute weg, das machen nicht nur Hunde“.

Dennoch freut sich Jokisch über die Aufmerksamkeit und das Interesse der Wanderer aus Kassel. Als Wolfsexpertin des Landes Hessen nimmt sie alle Wolfssichtungen auf, die ihr zutragen werden.

Doch fällt ihre Einschätzung zu den Fotos aus dem Habichtswald negativ aus. „Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit hat hier ein Hund ein Wildtier gerissen“, sagt Jokisch, einfach deshalb, weil statistisch „etwa 1000 Mal mehr Hunde durch die Wälder streiften als Wölfe“. Jokisch: „Sie können sich nicht vorstellen, wie viele normale Haushunde durch unsere Wälder ziehen und Tiere töten.“

2016 letzte Wolfssichtung

Doch seien Wolfspuren und Wolfssichtungen damit nicht gänzlich auszuschließen. Immer wieder zögen einzelne Tiere durch Nordhessen, um sich neue Reviere zu suchen. Die Tiere kommen oft aus Polen, inzwischen aber auch aus den Bundesländern Brandenburg und Sachsen. Allein in der Niederlausitz leben mittlerweile rund 20 Rudel – in ganz Deutschland sind es etwa 160 Tiere.

So gab es auch schon rund um Kassel einige Sichtungen. Als bewiesen gilt, dass zwischen 2006 und 2011 ein Wolf im Reinhardswald lebte, und dass im März 2016 ein Wolf durch die Söhre und den Kaufunger Wald gezogen ist.

Seither fehlen jedoch weitere wirklich beweisbare Hinweise. Selbst ein Spürhund der Uni Göttingen, der im vergangenen Winter für die Suche nach Luchsen in der Söhre sowie im Kaufunger Wald eingesetzt worden war, fand keine Wolfsspuren.

Inzwischen stellt sich sogar die Frage, ob die Wälder rund um Kassel für Wölfe überhaupt geeignet sind. Der Wolfsexperte Andreas Beerlage (Korbach) geht nicht davon aus: „Im Landkreis Kassel gibt es zu viel Autoverkehr.“

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