Interview mit Korbacher Autor über Wölfe in der Region

"Tiere, die definitiv Stress machen, muss man auch töten"

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Göttinger Luchs-Forschern gelang am 3. März 2016 der erste Nachweis eines Wolfes in der Söhre mit Hilfe einer Fotofalle (Bild). Nur sechs Tage später wurde vermutlich das gleiche Tier im Kaufunger Wald erneut fotografiert. Die Sichtungen durch Augenzeugen im April und im November 2016 wurden bislang nicht bestätigt. Vor allen im Winter beginnen junge männliche Wölfe umherzuziehen, um neue Reviere auszukundschaften.

Kreis Kassel. Der Wolf kommt wieder. Rund 60 Rudel leben bereits in Deutschland. Noch bis 1999 galt der Wolf hier als ausgestorben, das erste Paar wanderte im Jahr 2000 aus Polen ein. Auch in unserer Region wurden bereits Wölfe gesichtet.

Seither ringen Wolfsbefürworter und Wolfsgegner darum, wie damit umzugehen ist. Der gebürtige Korbacher Andreas Beerlage hat nun ein Buch mit dem Titel „Wolfsfährten“ geschrieben – „zur Versachlichung der Debatte“, wie er sagt.

Andreas Beerlage

Herr Beerlage, im Altkreis Kassel tappte zuletzt 2016 ein Wolf in zwei Fotofallen. Danach gab es noch zwei, jedoch unbestätigte Sichtungen von Wölfen. Ist der Wolf wieder auf dem Vormarsch?

Andreas Beerlage: Deutschlandweit gesehen auf jeden Fall, mit Schwerpunkten in Brandenburg, Sachsen und Niedersachsen. In Deutschland leben inzwischen wieder rund 600 Wölfe. Über Hessen wundern sich die Wolfskenner: So viel Wald, so wenig Wolf! Nach meiner Meinung ist es die hohe Verkehrsdichte, die den Wolf davon abhält, sich hier breitzumachen.

Angst vor dem Wolf herrscht auf der einen Seite, Wohlwollen auf der anderen – der Wolf polarisiert die Meinungen der Leute. Woran liegt das?

Beerlage: Ich glaube, die Spaltung hat schon mit der Sesshaftwerdung des Menschen begonnen. Der alte Eiszeit-Jäger in uns bewundert das Tier, seine Schönheit, seine Effektivität. Der Landwirt in uns hat da eher so seine Bedenken – auch wegen der Effektivität.

Was sind typische, aber völlig unbegründete Ängste?

Beerlage: Dass die Schulkinder an den Bushaltestellen aufgefressen werden und nur der Ranzen liegen bleibt, erscheint mir unbegründet. Wir müssen genau unterscheiden, wann uns Wölfe begegnen – was ständig passieren kann, wenn Jungtiere wie jetzt im Winter im Namen der Liebe durchs Land streunen. Und wann sie sich freiwillig annähern, unsere Nähe suchen. So etwas kann gefährlich werden. Das tut aber bislang nur eine winzig kleine Minderheit der Tiere.

Gibt es auch positive Verklärungen, die ein falsches Bild vom Wolf zeichnen?

Beerlage: Die kritiklosen Freunde des Wolfs sehen in dem Tier eine Art Messias auf vier Pfoten, der die vom Menschen zerstörte Natur durch seine Anwesenheit wieder heilt.

Für Ihr Buch „Wolfsfährten“ haben Sie mit Wolfsberatern, Wolfsforschern, Wolfsbeauftragten aus der Jägerschaft, Wolfszuständigen von Naturschutzverbänden und sogar mit einer Wolfs-SOKO-Polizistin gesprochen. Dabei trennen sie sehr deutlich Fakten von Vorurteilen. Was bleibt? Wäre eine Realität mit Wölfen so kompliziert wie es verschiedene Sichtweisen gibt?

Beerlage: Das erste Feedback zum Buch zeigt mir, dass es doch eine nicht krakeelnde Mehrheit gibt, die sehr wohl für Argumente zugänglich ist. In Wirklichkeit müssen die Behörden, die den Wolf schützen, ehrlich darüber reden, dass auch mal was passieren kann. Und sie müssen Nutztierhalter ordentlich entschädigen. Die zahlen im Moment in manchen Bundesländern noch drauf.

Ihr Plädoyer lautet: Normalität ist das Beste, was dem grauen Jäger passieren kann. Wie sollte diese Normalität aussehen?

Beerlage: Zum Beispiel so: Tiere, die definitiv Stress machen, muss man auch töten. Darüber sollte dann kein Gremium entscheiden, in dem nur Leute sitzen, die Wölfe lieben oder bewundern. Das trübt den Blick.

Was ist Ihre Prognose? Wird der Wolf wieder ein normales Wildtier in unseren Wäldern werden? Oder kann der Zivilisationsmensch so viel Wildnis gar nicht mehr ertragen?

Beerlage: Wenn die Behörden in den Städten kein heiliges Tier aus dem Wolf machen und fair mit den Menschen auf dem Land umgehen, wird sich die Aufregung hoffentlich legen. In drei bis fünf Jahren werden wir mehr wissen. Ich habe den Eindruck, dass die Wölfe schon jetzt viele der Lebensräume in Deutschland belegt haben, in denen sie gut zurechtkommen. Die Jahre der Wolfs-Babyboomer werden daher irgendwann vorbei sein.

Sind Sie schon einmal einem Wolf begegnet?

Beerlage: Ich bilde mir ein, mal einen vom Zug aus gesehen zu haben, auf dem Weg von Kassel nach Hamburg. Das fand ich schon aufregend.

Das Buch „Wolfsfährten – Alles über die Rückkehr der grauen Jäger“ ist im Gütersloher Verlagshaus erschienen, gebunden, 240 Seiten, ISBN: 978-3-579-08683-5, 19,99 Euro.

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