Kleiner Rempler, großer Schaden

Immer mehr Unfallfluchten im Kreis Kassel - Was kann man als Betroffener tun?

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Beulen, Risse und Kratzer: Auch beim Ein- und Ausparken können große Schäden entstehen. Wer sich unerlaubt vom Unfallort entfernt, muss mit erheblichen Strafen rechnen. 

Kreis Kassel. Mitten in Kassel: Ein 29-Jähriger ist zu Fuß in Nordshausen unterwegs und wird von einem Auto erfasst. Er stürzt auf den Asphalt und bleibt bewusstlos liegen - der Autofahrer fährt mit quietschenden Reifen davon. Ein Einzelfall war das nicht.

Überall in Hessen registrieren Polizeibeamte eine erhebliche Zunahme von Delikten, die offiziell als „Unerlaubtes Entfernen vom Unfallort“ geführt werden. Im Klartext heißt das: Fahrerflucht. Es ist eine Straftat, für die neben Führerscheinentzug oder Fahrverbot auch hohe Geldstrafen drohen, in besonders schweren Fällen sogar Gefängnis, sagt Torsten Werner, Sprecher des Polizeipräsidiums Nordhessen.

Doch das schreckt viele Unfallverursacher nicht ab. „Es vergeht kein Tag, an dem keine Geschädigten auf den Polizeidienststellen Anzeige erstatten, weil jemand nach einem Unfall das Weite gesucht hat“, beschreibt Werner die Situation. Die Gründe, warum Verkehrsteilnehmer eine Unfallflucht verursachen, scheinen vielfältig. Es sei eine Mischung aus Irrglauben, Unwissenheit, aber auch mangelnder sozialer Verantwortung, sagt Werner. Im Landkreis Kassel steigt die Zahl der Verkehrsunfälle mit Flucht. 2015 waren es noch 910 Fälle. 2016 stieg die Zahl auf 993. „Unsere Aufklärungsquote liegt bei 40 Prozent“, sagt Werner.

Es war doch nur ein Kratzer

Auch beim Ein- und Ausparken kommt es immer wieder zu kleinen Unfällen mit Blechschäden. Natürlich passieren solche Parkrempler immer dann, wenn man eigentlich keine Zeit hat. Doch nach einem Parkunfall reicht es nicht aus, einen Zettel mit Unfallhergang und Adresse am Fahrzeug zu hinterlassen. Wer wegfährt, ohne auf den Fahrer des beschädigten Fahrzeugs zu warten oder die Polizei zu rufen, begeht Fahrerflucht und damit eine Straftat mit erheblichen Folgen.

Auch wer seine Fahrt nur kurz fortsetzt – etwa weil er auf dem Weg zur Arbeit ist oder um die Ecke wohnt und später zurückkehrt – macht sich strafbar. Man müsse sofort anhalten und auf den Besitzer warten oder die Polizei anrufen, sagt Werner. Zudem verpflichtet der Gesetzgeber den Unfallverursacher eine angemessene Zeit zu warten. „Wie lange ist allerdings nicht geregelt“, sagt Werner.

Wenn der Besitzer nicht auftaucht, sollte man zur nächsten Wache fahren oder die Polizei anrufen und den Vorfall dort melden. „Denn auch kleine Schäden kosten bei heutigen Autos mehrere hundert Euro“, sagt Werner.

Fragen und Antworten zum Thema Unfallflucht 

Viele Autofahrer sind schon mal Opfer einer Unfallflucht geworden. Wie verhält man sich, wenn man feststellt, dass sein Auto beschädigt wurde? Auf was muss man achten und welche Strafen drohen Unfallflüchtigen? Torsten Werner, Sprecher des Polizeipräsidiums Nordhessen gibt Tipps. Wir arbeiten diese in Fragen und Antworten auf.

Man kommt zu seinem Auto und findet daran eine Beule – was tut man dann?

Als erstes sollte man auf jeden Fall die Polizei rufen. Anschließend dann versuchen, Zeugen zu finden. Vielleicht haben Anwohner oder Passanten was beobachtet. Wenn man nicht gleich jemanden findet, können manchmal auch Aushänge helfen. Zuletzt sollte der Geschädigte Fotos von Auto, Unfallstelle und umstehenden Fahrzeugen machen.

Darf man danach sein Auto bewegen? 

Es empfiehlt sich zu warten, bis die Polizei da war, um eventuelle Spuren zu sichern und Lackproben zu nehmen.

Kommt die Polizei überhaupt wegen einer Beule?

Ja, denn Unfallflucht ist eine Straftat. Wenn ein Schaden entstanden ist, muss sie kommen.

Manche Besitzer finden auch einen Zettel am Auto, auf dem der Verursacher seine Nummer hinterlässt. Wie geht man damit um? 

Da ist immer Vorsicht angebracht. Denn der Geschädigte kann nicht wissen, ob die Notiz wirklich vom Verursacher stammt und ob die Daten stimmen. Es reicht nicht, einen Zettel am beschädigten Auto zu hinterlassen. Auch das stellt eine Unfallflucht dar, denn das Papier könnte wegfliegen, durchnässt werden oder anderweitig abhandenkommen. Und selbst wenn der Zettel da ist, gehen die Probleme häufig erst los. Zum Beispiel räumen viele Unfallgegner zwar ein, nach einer Berührung beim Ausparken den Zettel hinterlassen zu haben. Dass dabei ein Schaden entstanden sein soll, streiten sie dann aber ab. Selbst die Ausbesserung eines Kratzers bedeutet einen erheblichen finanziellen Aufwand für den Geschädigten. 

Was kann man dagegen tun? 

Am besten den Zettel direkt der Polizei geben, damit sie den Verursacher kontaktiert. Dann muss man sich nicht auf Diskussionen einlassen. Und die Polizei wird ohnehin mit ihm sprechen wollen – denn auch wer einen Zettel hinterlässt, begeht Unfallflucht, sagt Werner. 

Warum ist es wichtig, als Zeuge zur Verfügung zu stehen? 

Wer einen Unfall beobachtet, bei dem der Verursacher einfach weiterfährt, sollte im Sinne seiner Mitmenschen nicht nur einen Zettel mit dem Kennzeichen des Verursachers am Pkw hinterlassen, sondern am besten selbst die Polizei informieren. 

Welche Strafe droht flüchtigen Unfallverursachern? 

Neben Punkten in Flensburg, einer erheblichen Geldstrafe und Regressforderungen droht auch der Entzug der Fahrerlaubnis. In Zeiten, in denen die meisten Verkehrsteilnehmer auf ihren Führerschein angewiesen sind, ist das ein herber Verlust. 

Wer trägt die Kosten bei einem Verfahren? 

Die Kosten müssen Unfallflüchtige grundsätzlich selbst bezahlen. Diese können je nach Ermittlungsaufwand und notwendigem Gutachten stark variieren. Zuzüglich der Regressforderungen der Versicherungen bleibt nur ein Fazit: Unfallflucht lohnt sich nicht!

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