Offenes Atelier der Niestetaler Begegnungsstätte fördert Kreativität von Senioren – Ausstellung zeigt Arbeiten

Die Kunst belebt die Erinnerung

Vorlagen erleichtern den Einstieg: Ottilie Damm, Awo-Bewohnerin und Teilnehmerin des Senioren-Atelier in der Begegnungsstätte der Gemeinde Niestetal, hat sich für das Zeichnen von Van Goghs Sonnenblumen entschieden. Fotos: Lischper

Niestetal. „Vivaldi!“, ruft Hanna Schaub in den Raum und malt weiter mit Wachskreide auf ein DIN-A3-Blatt. Die Lautstärke der klassischen Musik ist an ältere Ohren angepasst. Die 80-Jährige ist eine von zehn Damen, die an diesem Tag am Senioren-Atelier teilnehmen.

Es ist ein Kursangebot der Begegnungsstätte im Awo-Seniorenzentrum in Heiligenrode, wird von der Gemeinde Niestetal getragen und von der Arbeiterwohlfahrt betrieben. Angeleitet werden die Hobby-Künstler seit Januar 2014 von Doris Haas. Die Psychotherapeutin und Bildende Künstlerin hat sich auf die Arbeit mit alten Menschen spezialisiert und arbeitet seit vielen Jahren auch als Kunsttherapeutin. Einmal in der Woche strömen die Senioren aus ihren Zimmern und begeisterte Niestetaler mischen die Runde auf. „Ich freue mich immer schon Mittwoch auf den nächsten Mittwoch“, sagt Hanna Schaub, die bereits seit mehreren Monaten daran teilnimmt und im Seniorenzentrum lebt.

Bildbände geben Inspiration

Gerade malt sie an einem Bild, das bereits mit vielen Farben grundiert ist. „Das Bild wurde von einer Teilnehmerin angefangen, die verstorben ist. Ich mache eine Skyline daraus.“ Schaub erzählt, sie sei schon immer gern kreativ gewesen. Im Atelier könne sie sich ganz der Kunst widmen, und was sie hier nicht schafft, das vollendet sie in ihrem Zimmer.

Ein Mann, der ihr gegenüber sitzt, ist heute zum ersten Mal da und weiß nicht so recht, womit er anfangen soll. Doris Haas legt ihm eine Wurzel hin. „Wurzeln sind nicht schön“, bemerkt Schaub, „Die würde ich mit Blüten arrangieren.“

Neben dem sozialen Charakter geht es im Atelier um die Auseinandersetzung der Teilnehmer mit sich selbst. Über die Beschäftigung mit der eigenen Kunst kommen Erinnerungen auf. Chagall oder Van Gogh, Gegenständliches oder Abtraktes – jeder Künstler wecke andere Emotionen, erzählt Haas, die mit ruhiger Stimme auf die Senioren zugeht. Wer in sich versunken ist, den stört Haas nicht.

Oft werde aus einem Bild beim Malen nach einer Vorlage ein ganz neues Bild, das viel besser zum eigenen Leben passe. Dann nimmt Haas auch einmal heimlich die Vorlage weg und lässt frei weitermalen. Komme es zu belastenden Themen, nehme sie das künstlerische Werk zum Anlass, um gemeinsam die Erinnerungen zu reflektieren.

Weil in den Monaten seit dem Start des Ateliers so viele interessante Kohlezeichnungen, Monotypien, Aquarelle und Ölpastellmalereien entstanden sind, wurde vor Kurzem eine Ausstellung in den Räumen des Seniorenzentrums eröffnet.

Das Alter der Künstler macht die Bilder erst richtig interessant: „Die Senioren gucken anders in die Welt“, sagt Haas.

Von Anna Lischper

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