Baunataler Ladendieb legte spätes Geständnis ab – Zehn Monate Gefängnis

Kassel / Baunatal. Für sein Schlusswort brauchte der Angeklagte genau zwei Silben: „Ist gut“, nuschelte der 60-Jährige am Ende seiner Berufungsverhandlung am Dienstag vor dem Kasseler Landgericht. Zähneknirschend hatte er zuvor zugegeben, was er in erster Instanz vor dem Amtsgericht noch wortreich bestritten hatte: Dass er, wenn so etwas denn ausgelobt würde, beste Chancen hätte auf die Auszeichnung „Dummdreistester Ladendieb“.

Für zehn Monate muss der so üppig wie einschlägig vorbestrafte Familienvater aus Baunatal hinter Gitter. Denn nicht nur Lebensmittel hatte er mehrfach an Supermarktkassen vorbeizuschmuggeln versucht, sondern auch einen Fernseher. Im Februar 2010 hatte er den sperrigen Pappkarton mit dem 599 Euro teuren Gerät in einen Einkaufswagen geladen und war aus dem Laden marschiert.

Damit nicht genug: Auf frischer Tat ertappt, hatte er den Fernseher zwar zurückgelassen, war aber zwei Stunden später mit der Polizei wieder aufgetaucht: Die Kassiererin, die ihm seine Beute abgeknöpft hatte, sei die Diebin. Und das TV-Gerät gehöre ihm – er habe es Wochen vorher rechtmäßig erworben und jetzt umtauschen wollen.

„Eine völlig absurde Geschichte“, befand im Oktober das Kasseler Amtsgericht und verurteilte den Mann zu acht Monaten Gefängnis wegen versuchten Diebstahls und falscher Verdächtigung. Später kamen noch vier Monate hinzu – wegen Ladendiebstählen und Hausfriedensbruch: Kurz nach dem Fernseher-Prozess war der 60-Jährige trotz Hausverbots betrunken in den Baunataler Supermarkt zurückgekehrt, hatte herumgepöbelt und einer Verkäuferin die Zunge herausgestreckt.

Bei alledem stand er unter Bewährung. Grund genug für den Angeklagten, in der Berufungsverhandlung zunächst auf der reinen Unschuld zu beharren: „Ich hab nichts gemacht“, verkündete er. „Ich hab ganz normal eingekauft.“ Doch er besann sich, nachdem ihm Richterin Marion Gerstung-Vindelstam vorsichtig nahegelegt hatte, seine „Verteidigungseinstellung noch einmal zu überdenken“. Oberstaatsanwalt Dieter Wallbaum drückte das etwas weniger diplomatisch aus: „Warum klauen Sie wie ein Rabe? Wir sind uns sicher, dass das hier nur die Spitze des Eisbergs ist!“ Sein Vorschlag zur Güte: Der 60-Jährige gesteht und kommt mit zehn Monaten Gesamtstrafe davon. „Alles andere“, so der Anklagevertreter, „wird für Sie nur peinlich.“

Die Ermahnungen fruchteten. Nach längerer Denkpause gab der Baunataler klein bei und beschränkte die Berufung wie vorgeschlagen auf das Strafmaß. Nun benötigte er immerhin neun Silben: „Nu“, sagte er, „ich bin damit einverstanden.“ (jft)

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