17 Monate ohne Bewährung für Tat im August

36-Jähriger für Zündeln an Tankstelle in Lohfelden verurteilt

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Spuren des Feuers: Eine Zapfsäule der SB-Tankstelle wurde damals beschädigt.

Lohfelden. Gut fünf Monate nach einer Brandstiftung an der SB-Tankstelle an der Talstraße in Lohfelden (Kreis Kassel) ist der 36 Jahre alte Täter nun verurteilt worden.

Wegen schwerer Brandstiftung und Körperverletzung wurde ein 36 Jahre alter Mann aus Äthiopien vom Amtsgericht zu einer Freiheitsstrafe von 17 Monaten ohne Bewährung verurteilt. Der Mann hatte am 10. August vergangenen Jahres gegen 1.45 Uhr auf der SB-Tankstelle an der Talstraße in Lohfelden-Crumbach einen gefüllten Müllsack entzündet und dann drei Zapfpistolen in die Flammen gelegt.

Der 52-jährige Michael Rose, der mit seiner Frau auf dem Tankstellengelände wohnt, war durch Geräusche geweckt worden. Er sah die Flammen und einen Mann weglaufen, rief die Polizei, rannte dann zu dem Feuer an den Zapfsäulen und löschte die Flammen, indem er sie mit seinen Hausschuhen austrat.

Während der Löschaktion war der Brandstifter zurückgekehrt. Rose schnappte sich den Mann und hielt ihn fest. Als der sich mit mehreren Faustschlägen gegen den Kopf des ehemaligen Kampfsportlers wehrte, brachte der drahtige Koch den Äthiopier mit gezielten Hieben zu Boden, hielt ihn fest und übergab ihn der anrückenden Polizei.

10.000 Liter Sprit in den Bodentanks

Amtsrichter Leyhe ordnete nach dem Urteil an, dass der Mann im Gefängnis bleibt, wo er seit der Tatnacht in Untersuchungshaft sitzt „Wir haben alle Glück gehabt, aber Sie besonders, sonst wären Sie jetzt tot“, sagte der Richter zum Angeklagten. Die 10.000 Liter Sprit in den Bodentanks hätten explodieren können, wenn der Zeuge nicht so beherzt, aber auch leichtsinnig eingegriffen hätte.

Der Angeklagte hatte angegeben, vor der Tat zwei Liter Wein und fünf große Biere getrunken zu haben. Er habe einen totalen Blackout und könne sich an nichts erinnern. Ein Motiv für das Zündeln, das ihm heute leid tue, habe er nicht. Den Richter überzeugte das nicht: „Sie sind Alkoholiker und in Ihrem jetzigen Zustand eine Gefahr.“

Psychiatrisches Gutachten

War’s ein Feuerchen, um den eigenen Geburtstag zu feiern? Auch der Niedensteiner Psychiater Wolfgang Kloss, der den 36-jährigen Äthiopier begutachtet hat und der am Montag vor dem Amtsgericht seine Einschätzung abgab, konnte nicht erklären, warum jemand versucht, eine Tankstelle anzuzünden.

Immerhin hatte der Mann dem Neurologen gegenüber beschrieben, wie er vom Flüchtlingsheim in Schwalmstadt-Treysa nach Lohfelden gekommen ist, wo er niemanden kannte, nämlich per Bahn. Vor Gericht konnte sich der Angeklagte angeblich nicht mehr erinnern.

Das glaubte ihm auch der Sachverständige nicht. Bei der Tat habe er durchaus zielgerichtet gehandelt, die Faustschläge gegen den Zeugen sprächen ebenfalls gegen eine Volltrunkenheit. Allerdings, so Kloss, hätten die bis zu 3,1 Promille die Steuerungsfähigkeit des Angeklagten eingeschränkt und bei dem langjährigen Trinker für einen „mittelschweren Rausch“ gesorgt.

Der Alkohol, so Richter Leyhe, ziehe sich wie ein „roter Faden“ durch die vorherigen zehn Straftaten des Angeklagten. Der hatte bis Mai 2015 eine Haftstrafe wegen versuchten Totschlags verbüßt und war auch zuvor schon wegen Körperverletzungen verurteilt worden.

Gutachter Kloss hatte den Angeklagten während des Gesprächs als „intelligent, freundlich, zugewandt und kooperativ“ erlebt. Der Alkohol befeuere aber seine Aggressivität.

Die bekam auch Tankstellen-Anwohner Michael Rose zu spüren, der unter Lebensgefahr eine vermutlich verheerende Explosion von Tausenden Litern Benzin verhinderte – und der dafür kürzlich mit der Kasseler Polizeimedaille ausgezeichnet worden war. Der 52-jährige Koch des Lohfeldener Restaurants „Zur Post“ schilderte am Montag eindrucksvoll und handfest seine tapfere Rettungsaktion.

Lebte im Flüchtlingsheim von Treysa

Der Tankstellen-Zündler aus Lohfelden kam bereits 2002 mit 17 aus Äthiopien nach Deutschland. Inzwischen spricht er ziemlich fehlerfrei Deutsch, ist anerkannter Asylbewerber und hat eine Arbeitserlaubnis.

Außer einem Vier-Monats-Job auf dem Frankfurter Flughafen im Jahr 2007 und einer nach wenigen Wochen abgebrochenen Ausbildung hat er allerdings bisher nichts Vernünftiges zustande gebracht. Zur Tatzeit lebte er als Hartz-IV-Empfänger im Flüchtlingsheim von Treysa (Schwalm-Eder-Kreis).

Für zehn Tage in Psychiatrie

Davor hatte er unter anderem in Fritzlar, Wabern, Homberg, Bad Zwesten und Spangenberg gelebt. 2011 hatte er schon einmal zehn Tage in der Psychiatrie verbracht, weil er sich beobachtet und bedroht fühlte. Regelmäßig habe er dann große Mengen Alkohol getrunken, Hasch und Marihuana geraucht, sagte er, was laut Gutachter immer wieder „halluzinatorische Episoden“ ausgelöst habe.

Immer wieder war der heute 36-Jährige mit meist gewalttätigen Aktionen mit dem Gesetz in Konflikt geraden und auch mehrfach ins Gefängnis gewandert. Allerdings hat er nach Verbüßung der Haftstrafe wegen versuchten Totschlags keine psychischen Auffälligkeiten mehr gezeigt. Auch vor Gericht wirkte der schlanke, mittelgroße Mann konzentriert, eher sanftmütig und ratlos über das eigene Tun. 

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