Am Nikolaustag: Lohfeldener kehrte vor 67 Jahren aus Kriegsgefangenschaft zurück

Zeitzeuge: Der 89-jährige Wilfried Wenzel hat seine Erlebnisse für die Familie aufgeschrieben. Foto: Oschmann

Lohfelden. Jeder 6. Dezember ist für Wilfried Wenzel wieder ein besonderer Tag – 1949, am 6. Dezember, kam der 22-Jährige abends in Kassel am Bahnhof an.

Vier Jahre nach Kriegsende stand der junge Heimkehrer etwas verloren da. „Bist du nicht der Wenzel Fritz, deine Mutter wartet schon auf dich“, sprach ihn da eine Frau an, die ihn erkannt hatte und in Lohfelden wohnte – genau dort, wohin auch Wilfried zu seiner Familie wollte.

Den 8. Mai 1945 hatte er als junger Soldat in Hirschberg im Riesengebirge erlebt. „Ich kann euch nichts mehr befehlen, jeder kann machen, was er will, sagte der Hauptmann“, erinnert sich der Senior. Zusammen mit einem Kameraden trat er den Heimweg durch die Tschechei an. Was dann kommen würde, ahnte er noch nicht. „Die Tschechen kontrollierten mich, und als gebürtiger Sudetendeutscher wurde ich als Gefangener an die russischen Truppen übergeben“, erzählt Wilfried Wenzel. In einem Treck ging es dann weiter in südlicher Richtung nach Ölmütz.

Dort seien die Soldaten und Zivilisten auf Viehwaggons verladen worden, „und dann wussten wir, es geht nach Russland“, berichtet Wenzel. Am 21. Juni erreichten die etwa 1000 Mann das Donzegebiet mit den Kohleabraumbergen. „Wir kamen ins Lager. Donnerbalken, Wassersuppe, harte Arbeit unter Tage, Schmutz, totale Erschöpfung – es waren unvorstellbare Verhältnisse“, schildert der alte Herr. „Das erste Weihnachten in Gefangenschaft erlebten wir mit Weihnachtsliedern und Heimweh.“

Mine überfahren

Im Frühjahr 1948 musste der entkräftete junge Mann Lkws im Straßenbau steuern, überfuhr eine Mine und kam schwerverletzt ins Krankenlager. Ins Leben zurück holten ihn zwei Ärztinnen, „die uns freundlich und ohne Hass begegneten, wir nannten sie Schneewittchen und Dornröschen“, erinnert er sich. Als er über den Berg war, arbeitete er mit im Krankenhaus, lernte Russisch, wurde Hilfssanitäter und musste nicht mehr zum Straßenbau zurück.

„Wir sind Zeitzeugen, und darum habe ich alles für meine Familie aufgeschrieben“, erklärt Wilfried Wenzel. Seine Frau Elisabeth, mit der er seit 58 Jahren verheiratet ist, sagt: „Die Erlebnisse sind immer präsent, sie haben sein Leben geprägt.“

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.