Gemeinde: Krach ist im zulässigen Rahmen

Paar verzweifelt: Krank durch Dauerlärm am Kreisel in Lohfelden

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Lärmquellen überall: Das Wohnhaus mit der Nummer 37 (weiß, direkt über dem VW-Bus) steht unmittelbar am sehr stark befahreren Kreisel, der das Neubaugebiet Lindenberg mit der Eschweger Straße verbindet. Links schließt sich der Tegut-Markt an, der schon in den frühen Morgenstunden beliefert wird. Die Bushaltestelle liegt gleich neben der Tegut-Einfahrt.

Das Ehepaar Dowiasch klagt, dass die Dauerbeschallung am Lindenberg in Lohfelden sie krank mache. Die Gemeinde sagt aber: Der Lärm ist im zulässigen Rahmen.

Gegen vier Uhr morgens ist für Sven Dowiasch die Nacht schon vorbei. Dann rattern pausenlos Lkw durch den Kreisverkehr direkt vor seinem Schlafzimmerfenster. Der Kreisel bindet das Lohfeldnener Baugebiet Lindenberg an die Eschweger Straße an. Die Lastwagen fahren vom Gewerbegebiet Papierfabrik in Kaufungen nach Kassel-Waldau - und umgekehrt.

Um fünf kommt dann noch der Anlieferverkehr zum gegenüberliegenden Tegut-Markt hinzu. Paletten krachen, Hubwagen rappeln, Motoren laufen. „Es ist kaum auszuhalten“, sagt Dowiasch.

2009 hat er mit seiner Lebensgefährtin ein Haus auf dem Grundstück Elisabeth-Selbert-Straße 37 gebaut. Die schnurgerade, gut ausgebaute Straße erschließt das Neubaugebiet Lindenberg. Nahezu jeder, der dort ein Eigenheim hat, fährt an Dowiaschs Haus vorbei - 1826 Pkw pro Tag. Dass bei solch einer Masse auch jemand dabei ist, der die Tempo-30-Zone ignoriert und mit Tempo 80 durch die Elisabeth-Selbert-Straße rast, ist sehr wahrscheinlich.

Für Dowiasch ist es aber ein weiterer Tropfen im schon fast vollen Fass. Er schimpft auf die Polizei, der das alles egal sei. Der nächste Tropfen sind die Busse der Linie 35. „Oft warten sie vor unserer Haustür mit laufendem Motor - nur um im Fahrplan zu bleiben“, sagt Dowiasch. „Wir sind umspült von Lärm.“

„Im zulässigen Rahmen“ 

Er und seine Frau sind inzwischen verzweifelt. Was sollen sie tun? Kann ein Anwalt helfen? Sie fühlen sich nicht mehr wohl in ihren vier Wänden, spüren, dass sie aggressiver werden. Doch wer ist verantwortlich? Die Polizei? Der Tegut-Markt? Die Lkw-Fahrer? Die Gemeinde?

Tatsächlich fühlen sie sich zumindest von der Gemeindeverwaltung in Lohfelden nicht mehr verstanden. „Uns war gesagt worden, die Zufahrt zum Tegut werde über die Eschweger Straße gebaut“, sagt Dowiasch. Belegen kann er das heute nicht mehr. Auch hat er nie die Einsicht in die Originalpläne genommen. Kämmereimitarbeiter Thorsten Bürgel sagt heute, schon 2003 sei die Zufahrt über die Elisabeth-Selbert-Straße geplant gewesen. Auf Kreisstraßen seien Zufahrten dieser Art gar nicht zulässig.

Neidisch guckt das Paar inzwischen auch auf die Schallschutzwand entlang der neuen Passivhaussiedlung südlich der Eschweger Straße. „Warum haben wir das nicht?“, fragt Dowiasch. „Weil die Passivhaussiedlung direkt an der Eschweger Straße liegt“, erklärt Bürgel, „die Elisabeth-Selbert-Straße aber nicht“. Bürgel: „Das Lärmschutzgutachten aus dem Jahr 2001 berücksichtigt auch die künftige Lärmentwicklung. Selbst mit Tegut und voll bebautem Lindenberg liegt alles im zulässigen Rahmen.“ Dowiasch sieht das anders: Für ihn muss eine einst prognostizierte Lärmbelastung mit der Realität nicht mehr übereinstimmen.

Die große Nähe zum Kreisverkehr, der Tegut-Markt, die Lkw, die vielen Autos - all das war dem Paar bekannt. „Wir haben damit gerechnet, dass es nicht leise sein wird. Aber dieser Krach macht krank.“

Hintergrund: Lkw-Verbot wird geprüft

Anfang August ist mit einer Reaktion des Regierungspräsidiums (RP) in Sachen Lkw-Verbot für Lohfelden zu rechnen. Aktuell wird geprüft, inwieweit eine rechtssichere Entscheidung im Sinne eines Schutzes der Bürger vor Lkw-Lärm formuliert werden kann. Ein Lkw-Verbot hatte zuvor Bürgermeister Michael Reuter (SPD) beantragt, die Daten eines Lärmgutachtens sind bereits ausgewertet. Kommt das Lkw-Verbot, würden auch die Anwohner des Kreisels Eschweger Straße/Elisabeth-Selbert-Straße auf dem Lindenberg profitieren. 

Sollte Sven Dowiasch rechtliche Schritte einleiten, „wird das kein einfacher Weg sein“, sagt Christian Franz, Fachanwalt für Verwaltungsrecht mit Kanzlei in Kassel. „Das Problem ist, dass der Betroffene um die verkehrliche Situation mit Kreisverkehr und Sondergebiet mit Tegut-Markt direkt vor seiner Haustür beim Kauf des Grundstücks wusste.“ Auch werfe die Vielfalt der Lärmquellen die Schwierigkeit auf, gegen wen eigentlich geklagt werden kann. Gleichwohl könne sich die Gemeinde nicht einfach auf einem über zehn Jahre alten Gutachten ausruhen. „In Sachen Lärm kann sich hier viel zu Ungunsten der Anwohner verändert haben“, sagt Franz.

Wichtig sei, zunächst Klarheit zu schaffen - sprich auf eigene Faust ein privates Lärmgutachten in Auftrag zu geben. Weist das Gutachten auf eine unzulässige Lärmbelastung hin, könne ein Emissionsschutzrechtliches Verfahren gegen die Gemeinde angestrengt werden. „Gewinnt der Kläger, muss die Gemeinde für aktiven Lärmschutz (z.B. Lärmschutzanlagen) oder passiven Lärmschutz (z.B. Schallschutzfenster) sorgen“, sagt Franz. Auch könne die Gemeinde dann Auflagen zum Beispiel gegenüber dem Markt-Betreiber aussprechen.

Hier ist die Straße

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