Schandfleck an Hauptstraße

Ex-Rewe-Markt in Lohfelden: "Der ganze Müll soll nur provozieren"

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Wild sieht es an der Hauptstraße in Lohfelden aus: Das Ensemble aus Abfall, Dachplatten und einem Schrottauto hat der Eigentümer Hartmut Zimmer dort selbst so arrangiert – „als Provokation“, wie er sagt.

Lohfelden. Hinter dem Abfall auf dem ehemaligen Rewe-Gelände in Lohfelden (Kreis Kassel) steckt ein Streit zwischen dem Besitzer und der Gemeinde.

Wild sieht es aus auf dem Gelände des ehemaligen Rewe-Marktes in Lohfelden an der Hauptstraße 67-69. Da liegen alte Dach- und Isolierplatten herum, wild abgelagerte Altkleider und sogar ein altes Schrottauto steht mitten auf dem Parkplatz. Die ganze Trostlosigkeit ist mit einem Bauzaun umfriedet und über all dem hängt am Haus das Banner „zu vermieten“.

Bemerkenswert daran: Den Müll dort kippte nicht irgendwer dorthin, sondern der Besitzer des Grundstücks, Hartmut Zimmer, selbst. Er fühle sich von der Gemeinde im Stich gelassen, sagt Zimmer. Der ganze Abfall auf seinem Gelände diene allein der Provokation. „Die Gemeinde soll aufwachen“, so Zimmer.

Alles fing damit an, dass um 2010 im Neubaugebiet Lindenberg ein nagelneuer Tegut-Markt entstehen sollte. Schon damals machte in Lohfelden das Wort „Verdrängungswettbewerb“ die Runde. Nach der Tegut-Eröffnung 2010 schien prompt die Bestätigung zu folgen – im Dezember 2012 machte der Rewe-Markt an der Hauptstraße zu. Drei Jahre später folgte dann der Rewe-Markt an der Lange Straße.

Zumindest für Zimmer war das ein Trauma, hatte dieser Verdrängungswettbewerb doch der 50-jährigen Kooperation der Familie Zimmer mit Rewe ein jähes Ende bereitet. „Seitens der Gemeinde wurde nichts unternommen, um den Niedergang der Lebensmittelversorgung im Kern Ochshausens zu verhindern“, erklärt Zimmer.

Dabei wollte Rewe weiter in Lohfelden bleiben, aber nur mit größeren Märkten. „Ich hätte den erforderlichen Platz an der Hauptstraße nur durch Zukauf der Nachbargrundstücke Kik und Getränkemarkt haben können“, sagt Zimmer. Doch waren die Grundstückspreise zu hoch, Zimmer hätte damit einen Projekt-Verlust von 1,5 Mio. Euro eingefahren. „So etwas macht kein Unternehmer.“

Nach zähen Verhandlungen hatte Rewe dann zugesagt, die Hälfte dieser 1,5 Mio. Euro zu übernehmen. „Die restlichen 750.000 Euro hätte ich getragen.“ Doch zog Rewe plötzlich wieder zurück, „was mein Verhältnis zu Rewe stark erschüttert hat“, sagt Zimmer. Stets habe er an Rewe geglaubt, an eine neue Lebensmittel-Nahversorgung an der Hauptstraße auf eigenem Grund.

Als im März 2016 dann Bürgermeister Uwe Jäger ins Amt gewählt wurde, schien aus Sicht Zimmers endlich Unterstützung in Aussicht zu stehen. „Jäger versprach mir, mich nach besten Kräften zu unterstützen.“ Doch nichts sei passiert. So habe sich die Gemeinde eher auf die Seite von Rewe geschlagen, „statt mit mir an einer Rewe-Lösung auf meinem Grund zu arbeiten“, sagt Zimmer. „So ging es nur darum, mir das Grundstück für wenig Geld abzuschwatzen, andere Investoren hatten schon über eine Mio. Euro dafür geboten.“

In der Folge habe Jäger Zimmer dafür verantwortlich gemacht, dass es mit der Nahversorgung in Ochshausen nicht weitergehe, weil er nicht an Rewe verkaufen wolle.

„Aber ich sehe das anders“, sagt Zimmer. „Über all die Jahre habe ich Mietinteressenten, die das Objekt langfristig für andere Zwecke als Lebensmittel-Verkauf nutzen wollten, abgesagt und damit auf sehr viel Mieteinnahmen verzichtet. Nur um die Idee von einem neuen Supermarkt in Kern-Ochshausen nicht sterben zu lassen.“

So habe er schon Penny zur Unterschriftsreife gebracht. Doch lehnte Rewe als Mutterunternehmen von Penny ab. Es sollte keine Konkurrenz zum Standort Lange Straße geben, der aktuell von Rewe entwickelt wird. Auch ein Autohändler war für Zimmer denkbar, aber nur kurzfristig, um sich weiterhin die Supermarkt-Option offen zu halten. „Doch auch hier hatte die Gemeinde abgeblockt.“

So fühlt sich Zimmer bis heute von der Gemeinde im Stich gelassen. Und er sagt: „Ich werde nicht verkaufen.“ 

Das sagt Bürgermeister Uwe Jäger: 

Wenn Lohfeldens Bürgermeister Uwe Jäger (SPD) den Namen Zimmer hört, gerät er in Wallung. Zimmer ist für Jäger ein rotes Tuch, jemand, der „wegen seiner Haltung Gemeindeentwicklung blockiert“. 

„Die Situation an der Hauptstraße ist eine Katastrophe, einfach nicht hinnehmbar“, wettert Jäger. Doch könne er gegen den Müll vor Ort nichts machen, rechtlich seien ihm die Hände gebunden. Es handele sich um Privatgrund, und deshalb könne Zimmer damit machen, was er wolle – solange nur von diesem Grundstück keine Gefahr für die Bevölkerung ausgehe.

„Und das tut es nicht. Das Gelände ist umzäunt, der dort herumliegende Abfall ist unbedenklich und selbst aus dem dort stehenden Autowrack kann kein Öl mehr austreten, weil der Motor vorher ausgebaut wurde“, sagt Jäger. Zimmer, der all diesen Müll dort selbst arrangiert habe, wisse genau, was er mache. „Er will provozieren, weil er sich als Opfer sieht“, sagt Jäger. Das sei aber nicht der Fall. 

Zimmer sei ein sehr schwieriger Verhandlungspartner. „Es hat zig Gespräche hier im Rathaus mit ihm und auch mit Vertreten verschiedener Lebensmittelmärkte gegeben, um eine Lösung für den Standort an der Hauptstraße zu finden“, sagt Jäger. „Jedes Mal sind die Gespräche gescheitert, weil Zimmer nicht verkaufen will.“ 

Der Verkauf des Grundstücks an der Hauptstraße sei für die Investoren stets eine Grundvoraussetzung gewesen. Grund: „Niemand will meines Wissens mit Zimmer zusammenarbeiten, auch nicht Rewe, die immer noch Interesse an dem Standort an der Hauptstraße hat. Immerhin hält Rewe noch Mietoptionen für den dahinter liegenden Getränkemarkt bis zum Jahr 2035“, sagt Jäger. „Ein ideales Grundstück also.“ 

Von der These, das Kaufangebot von Rewe an Zimmer für sein Grundstück sei zu niedrig gewesen, hält Jäger nichts. „Das Gebäude auf dem Grundstück ist nicht erhaltenswert. Eine Discounter- oder Supermarktkette müsste nach einem Kauf noch den Abriss finanzieren. Zimmer kann dort also keine astronomischen Preise verlangen“, sagt Jäger und kommt zu dem Schluss: „An der Hauptstraße wird sich in Sachen Discounter oder Supermarkt nur noch etwas entwickeln, wenn Zimmer verkauft.“ 

Aber auch ohne Verkauf könnten dort immer noch für die Gemeinde Lohfelden interessante Projekte entstehen. „Zum Beispiel barrierefreies Wohnen für Senioren mit einer Arztpraxis und unten drin einem kleinen Bio-Markt.“ Ein Autohändler, so wie Zimmer ihn wolle, sei dagegen nicht möglich. „Der Flächennutzungsplan lässt das nicht zu“.

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