Nach Fall am Karsamstag

Keine Panik: So finden verloren gegangene Kinder Hilfe am Lohfeldener Rüssel

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Wissen, wo sie Hilfe suchen können: Finn (6) und Greta (4) Müller aus Langenselbold waren gestern auf der Durchreise und machten mit ihrer Mutter einen Zwischenstopp am Lohfeldener Rüssel. Sie kennen das Projekt Notinsel, das auch an der Raststätte eine Station hat.

Baunatal/Lohfelden/Holzkirchen. Ein Schock: Wenn Kinder die Eltern plötzlich nicht mehr finden, bricht schnell Panik aus. An der Raststätte Lohfeldener Rüssel wird ihnen geholfen. 

Die eigenen Kinder an einem Rasthof vergessen? Sarah Müller, die gestern mit ihren Kleinen am Rasthof Lohfeldener Rüssel einen Zwischenstopp gemacht hat, könnte sich wenig schlimmeres vorstellen. Mit Sohn Finn (6) und Tochter Greta (4) war sie von Langenselbold im Main-Kinzig-Kreis ins niedersächsische Celle unterwegs. Auch sie hatte von dem 47 Jahre alten Mann aus Baunatal gehört, der am Karsamstag auf dem Weg an den Gardasee in Italien seine zwei Töchter bei einem Stopp verlor.

Sein Fall hatte für großes Interesse bei Medien in ganz Deutschland gesorgt: Am Rasthof Holzkirchen-Süd hat er am frühen Morgen tanken wollen. Währenddessen gingen seine 10- und 14-jährige Tochter auf die Toilette – unbemerkt, wie er der Polizei mitteilte. Er fuhr ohne sie weiter und meldete sich erst nach 48 Anrufversuchen seitens der Polizei gegen 7.45 Uhr bei der Einsatzstelle in Rosenheim.

Der Rastplatz Holzkirchen-Süd südlich von München: Hier hat der 47-Jährige aus Baunatal seine zwei Töchter vergessen.

Währenddessen kümmerte sich das Rasthofpersonal vor Ort um die Kinder. Ein Albtraum für Eltern und Kinder. Doch wie bereitet sich ein Raststättenbetreiber auf einen solchen Fall vor?

„Wir nehmen die Kinder auf, Fragen nach ihren Namen und versuchen, ihnen ein bisschen Geborgenheit zu geben“, sagt Heidi Möller, Betriebsleiterin des SVG Autohof „Lohfeldener Rüssel“. Dann versuche man die Eltern zu erreichen. Seien die Eltern nicht auffindbar, müsse die Polizei eingeschaltet werden. In manchen Fällen komme sogar das Jugendamt in Betracht. „Zum Beispiel, wenn die Kinder aus irgendeinem Grund nicht mehr zu ihren Eltern wollen.“ Aber: „Gott sei Dank hatten wir bislang noch keinen solchen Fall, wo jemand seine Kinder vergessen hat“, betont die Betriebsleiterin.

Eine Hilfe für den Rastplatz sei das Projekt Notinsel, an dem sich der Autohof seit rund vier Jahren beteiligt. Mithilfe von Aufklebern an den Eingängen von teilnehmenden Einzelhandelsgeschäften, Banken et cetera sollen Kindern Fluchtpunkte aufgezeigt werden. Die Mitarbeiter solcher Notinseln seien besonders sensibilisiert für Kinder, die gerade in Panik sind und Hilfe brauchen – zum Beispiel, wenn sie gerade ihre Eltern nicht finden.

Finn und Greta jedenfalls wissen, wo sie das Notinselschild finden. Bevor sie mit ihrer Mutter weiterfuhren, genossen sie aber erst einmal Nudeln mit Tomatensoße und Pommes rot-weiß.

Das sagt die Polizei: Die meisten Fälle klären sich schnell auf

„Fälle bei denen Kinder beispielsweise an einer Raststätte schlichtweg vergessen werden, kommen nur sehr selten vor“, sagt Polizeisprecher Matthias Mänz. Mit Fällen, bei denen Kinder zum Beispiel auf Volksfesten, im Supermarkt oder in der Innenstadt zum großen Schreck ihrer Eltern plötzlich verloren gehen, haben seien hingegen häufiger . „Nahezu alle sind aber zum Glück innerhalb kurzer Zeit erledigt, da die kleinen „Streuner“ meistens anderen aufmerksamen Personen auffallen“, so Mänz. 

Der Grund für solche kurzzeitigen Vermisstenfälle sei beinahe ausschließlich ein Versehen. „Böse Absicht, sprich ein möglicherweise vorsätzliches Vernachlässigen der Fürsorgepflicht seitens der Eltern, kann strafrechtliche und andere Folgen haben“. So werde auch das Jugendamt in solchen Fällen grundsätzlich durch die Polizei informiert. 

„Wenn eine böswillige Vernachlässigung der Pflicht zur Sorge vorgeworfen werden kann und das Kind dadurch an der Gesundheit schädigen, dann kann eine Strafbarkeit wegen „Misshandlung von Schutzbefohlenen“ vorliegen“, sagt Mänz. Ein bloßes, versehentliches „aus den Augen verlieren“ des Kindes beim Einkaufen erfülle daher in der Regel sicherlich keinen Straftatbestand. 

Hintergrund: Ein Ort für Kinder in Not

„Notinsel“ ist ein Projekt, das die Stifung „Hänsel & Gretel“ im Jahr 2002 ins Leben gerufen hat. Es soll Kindern in Notsituationen Fluchtpunkte aufzeigen, an denen sie Hilfe und Ansprechpartner finden. Dabei sollen Einzelhandelsgeschäfte, Banken, Apotheken et cetera als Notinseln vernetzt werden. 

Das konkrete Ziel: Praktische Hilfe leisten, zum Beispiel ein Pflaster übers Knie kleben, ein Kind zum Bus begleiten oder aber auch helfen, wenn das Kinder seine Eltern verloren hat. Um Partner vor Ort zu finden, arbeitet Hänsel & Gretel mit regionalen gemeinnützigen Organisationen oder städtischen Einrichtungen zusammen. Diese werben Geschäfte in der Region an, die dann einen Notinsel-Vertrag mitsamt einer Selbstverpflichtung abschließen. Damit verpflichtet sich das Geschäft unter anderem dazu, die Sorgen der Kinder ernst zu nehmen.

Kinder unterwegs vergessen, erscheint das zunächst schockierend. Über die psychologischen Hintergründe und mögliche Folgen haben wir mit Prof. Dr. Mirjam Ebersbach, Entwicklungspsychologin an der Uni Kassel, gesprochen.

Frau Prof. Dr. Ebersbach, wie kommt es dazu, dass Eltern ihre Kinder vergessen? 

Mirjam Ebersbach: Hierbei sollten unbedingt die Umstände berücksichtigt werden. Der Vater scheint nachts gefahren zu sein, das heißt, er hat vermutlich nicht damit gerechnet, dass die Kinder das Auto verlassen, ohne ihm Bescheid zu sagen. Nicht zu unterschätzen sind auch Routinen, die unser Leben bestimmen: Wir steigen in ein Auto ein und fahren los. Da prüft man nicht unbedingt Dinge, die einem selbstverständlich erscheinen. Theoretisch könnte es sich auch um eine Strafmaßnahme handeln, die völlig unangemessen wäre. Aber Letzteres ist aus den bekannten Fakten nicht zu schließen.

Welche Auswirkungen kann das Ereignis auf die Kinder und deren Eltern haben? 

Ebersbach: Es ist davon auszugehen, dass der Vater Schuldgefühle entwickelt hat und im besten Fall auch daraus lernt und künftig umsichtiger wird. In diesem Fall scheinen die Kinder mit ihrem Handy gut ausgerüstet gewesen zu sein und wussten sich auch zu helfen. Bei jüngeren Kindern ist das Problem sicherlich gravierender. Hier ist die Mithilfe aufmerksamer Mitmenschen gefragt. Sie sollten die Kinder ansprechen und Unterstützung anbieten.

Was sollte eine Familie in so einem Falle tun, um das Ereignis zu verarbeiten? 

Ebersbach: Wichtig ist, das Gespräch mit den Kindern zu suchen und die Umstände zu besprechen, die zu dem Ereignis geführt haben, damit es sich nicht wiederholt. Es sollte auch deutlich gemacht werden, dass nicht mangelnde Elternliebe die Ursache war. 

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