Kinder riefen schließlich Hilfe - Passanten schauten nur zu

Weil keiner half: 49-jähriger Lohfeldener brach auf der Straße zusammen und starb

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Hier ist der Mann aus Lohfelden gestorben: Auf dem Gehweg im Friedrich-Ebert-Ring, mitten in einem Wohngebiet.

Lohfelden. Ein medizinischer Notfall hat sich am Mittwoch in einem Lohfeldener Wohngebiet ereignet: Ein Mann brach zusammen und starb – wahrscheinlich weil ihm niemand half.

Die wiederbelebenden Maßnahmen der alarmierten Rettungskräfte kamen zu spät. Der Mann konnte nach einem Herz-Kreislaufstillstand und mehr als einer viertel Stunde ohne Sauerstoff nicht mehr reanimiert werden. 

Der 49-jährige Mann, der gerade zu Fuß auf dem Rückweg vom Einkaufen war, war am helllichten Tag mitten auf dem Bürgersteig des Friedrich-Ebert-Rings zusammengebrochen.

Dass der Mann so lange auf Hilfe warten musste, liegt vermutlich daran, dass mehrere Passanten, Autofahrer und womöglich auch Anwohner ihm nicht halfen. Dies teilte Polizeipressesprecher Torsten Werner mit. 

Den Notruf abgesetzt hatte ein ehrenamtlicher Mitarbeiter des ASB (Arbeiter-Samariter-Bund). Dieser wurde überhaupt erst auf die Situation aufmerksam, weil ihn vier Jungen im Alter von elf und zwölf herbeigerufen hatten. Außer den Kindern, die zufällig mit ihren Fahrrädern vorbeikamen, hatte sich anscheinend niemand um den am Boden liegenden Mann gekümmert. Das zumindest geht aus den Aussagen der Jungen hervor, die sie gegenüber der Polizei tätigten. Demnach hätten viele Erwachsene gegafft und den Kindern gar geraten, sich von dem Mann fernzuhalten. Die Kinder aber stoppten den ehrenamtlichen Mitarbeiter des ASB, der gerade auf dem Weg zu einem Krankentransport ist. Der verständigt den Notruf. Kurze Zeit später treffen die Rettungskräfte ein. 45 Minuten lang versuchen sie alles, um den Mann wiederzubeleben. Ohne Erfolg. 

Zu lange schon sind seine Organe unterversorgt. 

Das sagt der Notarzt: "Er hätte nicht sterben müssen"

Der alamierte Notarzt Daniel Ringleb glaubt, dass der Mann noch leben könnte, hätte er schneller Erste Hilfe bekommen. Ringleb, Anästhesist im Elisabeth-Krankenhaus Kassel, ist überzeugt: „Da ist ein Mann gestorben, der nicht hätte tot sein müssen. Er wäre womöglich noch am Leben, wenn er rechtzeitig Hilfe bekommen hätte. Es macht den Eindruck, dass er diese Hilfe nicht bekommen hat.“ 

Als Ringleb und seine Kollegen vom Rettungsdienst eintreffen, finden sie den Mann mit einer Platzwunde am Kopf, Schürfwunden und in seinem Erbrochenen vor. Mindestens eine viertel Stunde muss er dort schon so gelegen haben. Schon nach wenigen Minuten ohne Sauerstoff fängt das Gehirn an zu sterben, sagt Ringleb. Erwachsene Augenzeugen finden die Rettungskräfte und die Polizei am Ort des Geschehens nicht mehr vor. Nur die vier Jungen sind noch da. Gegenüber der Polizei geben sie an, dass viele Erwachsene nicht nur nichts unternommen und stattdessen nur gegafft hätten, sie hätten ihnen sogar zugerufen, dass sie sich von dem am Boden liegenden Mann fernhalten sollten, da dieser schon tot sei. 

Anästhesist Daniel Ringleb

Die tatsächliche Todesursache ist bisher noch unklar. Der Mann litt jedoch an schwerwiegenden Vorerkrankungen, die aller Wahrscheinlichkeit nach Auslöser des Zusammenbruchs waren. Und trotzdem: „Egal welche Vorerkrankung er gehabt hat, durch Erste Hilfe hätte er eine Chance bekommen, noch am Leben zu sein“, ist Ringleb überzeugt. Er geht davon aus, dass der Mann Opfer unterlassener Hilfeleistung wurde. Ringleb hat Verständnis dafür, wenn man in einem Notfall nicht sofort wisse, was medizinisch gesehen das Beste für eine betroffene Person sei, betont aber: „Das einzige, was man falsch machen kann, ist nichts zu tun.“ 

Ähnlicher Fall in Frankenberg

Im Oktober vergangenen Jahres hatte der Fall eines 82-Jährigen für Schlagzeilen gesorgt, der in einer Essener Bank zusammengebrochen und gestorben war. Andere Kunden waren über ihn hinweg gestiegen, statt ihm zu helfen. Und auch in Frankenberg hat sich im Dezember ein ähnlicher Fall ereignet. Ein älteres Ehepaar (89 und 91) war in der belebten Bahnhofstraße schwer gestürzt. Minutenlang war ihnen niemand zu Hilfe gekommen.

Das sagt die Polizei: Noch kann nicht ermittelt werden

Das Strafgesetzbuch regelt den Tatbestand der Unterlassenen Hilfeleistung in § 323c, Absatz 1 so: „Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten, insbesondere ohne erhebliche eigene Gefahr und ohne Verletzung anderer wichtiger Pflichten möglich ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.“ Der Fall des in Lohfelden gestorbenen Mannes, sagt Pressesprecher Torsten Werner, könnte genau so ein Fall sein. Da bislang aber keine konkreten Hinweise auf Unterlassene Hilfeleistung eingegangen sind, könne auch noch nicht ermittelt werden.

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