Ehemaliger CDU-Landtagsabgeordnete - heute Doku auf ARD

Lohfeldener Wolfgang von Heusinger wuchs im Schloss Bellevue auf

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Freut sich auf das Fernsehprogramm heute Abend: Der 85-jährige Wolfgang von Heusinger zeigt einen Stich von Schloss Bellevue. Dort verbrachten er und sein Bruder Christian (kleines Bild) die Kindheit. In der ARD wird eine Dokumentation über das Berliner Schloss gezeigt.

Lohfelden/Berlin. Wolfgang von Heusinger (85) freut sich auf das Fernseh-Programm am heutigen Abend: Das Erste strahlt um 23.30 Uhr eine TV-Dokumentation über das Berliner Schloss Bellevue aus.

Der ehemalige CDU-Landtagsabgeordnete und Ehrenbürger der Gemeinde Lohfelden ist in dem Prachtbau an der Spree, wo jetzt der Bundespräsident residiert, geboren und bis zu seinem zehnten Lebensjahr aufgewachsen. „Natürlich war es für uns alle etwas Besonderes, dort zu wohnen, ich habe es aber nie überbewertet“, sagt der früher in Lohfelden selbstständige Landwirtschaftsmeister.

Residenz des Bundespräsidenten

Das makellos weiße Schloss Bellevue im neoklassizistischen Baustil steht am Spreeufer im nördlichen Teil des Berliner Tiergartens. Es stellt die Residenz des Bundespräsidenten. Hausherr ist zurzeit Joachim Gauck. Die zeitgenössische Dreiflügelanlage wurde 1786 als private Residenz für Ferdinand von Preußen, dem jüngsten Bruder von Friedrich dem Großen, nach den Plänen des Architekten Philipp Daniel Boumann gebaut. Über die Jahrhunderte wurde das Schloss vom Hof des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II. (1888-1918) genutzt und 1939 zum Gästehaus der Reichsregierung umfunktioniert. Das heutige Gebäude ist die rekonstruierte Version von 1959. Lediglich der vom Architekten Carl Gotthardt Langhans entworfene Ballsaal im Obergeschoss des Schlosses ist in seinem Original erhalten geblieben. (ppw)

Die ARD-Dokumentation aus einer neuen Sendereihe zur Geschichte lässt den ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog zu Wort kommen. Ebenso Egon Bahr (SPD), den Bevollmächtigten des Bundes in Berlin und späteren Architekten der Ostverträge. Auch von Heusingers Zwillingsbruder wurde für den TV-Beitrag interviewt: Christian kam 1928 zehn Minuten vor ihm zur Welt.

Der spätere Kunsthistoriker und Leiter des Herzog-Anton-Museums in Braunschweig berichtet über die Kindheit in dem als herrschaftliches Wohnhaus für eine preußische Prinzenfamilie errichteten Schloss.

Wohnung im Damenflügel 

Die Familie von Heusinger war von 1925 bis 1938 mit später sechs Kindern im Schloss Bellevue zu Hause. Vater Adolf von Heusinger, Jurist und Ministerialrat im Preußischen Finanzministerium, wurde eine Dienstwohnung im sogenannten Damenflügel zugewiesen. Das Schloss selbst diente als Volkskundemuseum. 1938 musste die Familie die Dienstwohnung im Bellevue räumen: Hitler machte aus dem Schloss ein „Gästehaus der Reichsregierung“, wo er in repräsentativem Ambiente vor allem Gäste aus dem Ausland empfing. Maruscha von Heusinger zog mit ihren Kindern nach Lohfelden, wo der Vater schon drei Jahre zuvor einen Bauernhof gekauft hatte.

1943 kehrte die Familie für sechs Monate in eine neue Dienstwohnung am Schloss Bellevue zurück. Dann kamen die verheerenden Bombennächte, und die Familie siedelte erneut nach Lohfelden um. Bei diesem Wohnort ist es geblieben.  

Erinnerungen an Berliner Kindheit

TV-Tipp:

„Das Schloss Bellevue – Ein Amtssitz mit Geschichte“ strahlt die ARD am heutigen Montag, 8. September, um 23.30 Uhr aus.

"Groschen für den Drehorgelspieler"

Wir bewohnten die linke Hälfte im ersten Stock des Damenflügels“, erzählt Wolfgang von Heusinger. Ein Nachbar sei neben hohen Ministerialbeamten auch Theatermacher Max Reinhardt gewesen, erinnert er sich. Später sei dessen Dienstwohnung als Preußischer Generalintendant von Gustav Gründgens mit Schauspielerin Marianne Hoppe bezogen worden.

Beide habe er damals vor allem wegen ihrer flotten Autos bestaunt, schwärmt von Heusinger. Eigentlich nicht erzählen wollte der Berliner Junge, dass er sich wie andere Söhne aus der Nachbarschaft mit auf die Lauer legte, wenn die schöne Marianne Hoppe durch die Milchglasscheibe ihres Badezimmers unverhüllte weibliche Formen erkennen ließ.

Vor dem Schloss Bellevue: Die Zwillinge Wolfgang und Christian 1930 auf dem Arm des Vaters Adolf von Heusinger.

Zu den Kindheitserinnerungen der Heusinger-Buben an die Vorkriegszeit in Berlin gehören auch die für die Stadt typischen Drehorgelspieler: „Einmal im Monat spielte ein Leierkastenmann unten auf dem Schlosshof, wir warfen ihm in Zeitungspapier eingewickelte Groschen aus dem Fenster zu“, sagt der 85-Jährige, der sich später selbst eine Drehorgel zulegte.

Auch die Erinnerung an einen besonders freundlichen Schutzpolizisten ist Wolfgang von Heusinger und seinem Zwillingsbruder Christian erhalten geblieben: Mit der schwarzen Pickelhaube auf dem Kopf habe der „Schupo“ jeden Morgen auf dem Schulweg an einer großen Kreuzung den Verkehr geregelt.

Richtig lausbubenhaft ging es im Schlosspark zu, wo die Zwillinge mit Resten von Berliner „Schrippen“ (Brötchen) Mäuse fingen, die sie anschließend wie Zootiere in einem Brunnen hielten und fütterten. Als die Gärtner eines Morgens Wasser in den Brunnen ließen, nahm die Mäusezucht ein jähes Ende.

Es gibt aber auch schwerer wiegende Erlebnisse: Wie den Brand des Berliner Reichstags am 27. Februar 1930, den die Kinder von ihrem Zuhause im Schloss mit ansehen mussten. „Das war sehr aufregend, auch weil viel Polizei im Tiergarten vorfuhr“, so von Heusinger heute.

Von Hans-Peter Wohlgehagen

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