Um in zehn Minuten am Unfallort zu sein, wurde Rettungsdienst aufgestockt

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DRK-Wache in Vellmar: Drei Mehrzweckfahrzeuge stehen für Einsätze bereit, hier mit den Rettungsassistenten Benjamin Spengler (von links), Marcus Soldan, Carsten Riemann, Natascha Klinge, Jonathan Baumert (Freiwilliges soziales Jahr) und Dennis Krug. Foto: Schräer

Kreis Kassel. Ein funktionierender Rettungsdienst entscheidet über Leben und Tod. Dauert es im Landkreis Kassel zu lange bis der Rettungswagen im Notfall eintrifft? Das besagt zumindest eine Recherche von hr-Info.

Nach Informationen des Senders konnten im Jahr 2012 im Landkreis nur in 80 Prozent der Fälle die Zehn-Minuten-Hilfsfristen bei Notfalleinsätzen eingehalten werden - und damit in zehn Prozent weniger als gesetzlich vorgeschrieben.

„Die Zahlen sind veraltet“, sagt Holger Gerhold-Toepsch, Geschäftsführer des DRK-Rettungsdienst Kassel gGmbH, die in Vellmar eine Rettungswache unterhält. Aber auch 2013 wurden trotz Verbesserungen die Vorgaben nicht erfüllt, die Zehn-Minuten-Hilfsfrist nur bei 84 Prozent der Einsätze eingehalten. In den Jahren 2009 und 2011 lag diese Zahl nur bei 82 Prozent. Immerhin: In rund 95 Prozent der Einsätze wurde die 15-Minuten-Frist eingehalten.

Hatten gestern in Lohfelden Dienst: Rettungsassistentin Heyke Klaaßen (links) und Rettungssanitäter Marvin Jakobi vom ASB am Herzstück eines jeden der 31 beim ASB Nordhessen eingesetzten Fahrzeugen, der EKD-Defibrillator. Foto: Wohlgehagen

Diese Sicht sei zu einseitig, sagt Jürgen Barchfeld, Abteilungsleiter Rettungsdienst für Stadt und Landkreis Kassel bei der Kasseler Berufsfeuerwehr. Die ermittelt den Bedarf an Rettungskräften und legt fest, wo wieviele vorgehalten werden müssen. Für die Umsetzung seien dann die Partner zuständig, die Personal einstellen und Fahrzeuge anschaffen müssen. Im Altkreis Kassel sind dies der Arbeitersamariter-Bund (ASB) und das Deutsche Rote Kreuz (DRK).

Das Problem ist laut Barchfeld, dass man immer nur reagieren könne. „Wir laufen den Veränderungen vielfach hinterher.“ Der Bedarf für 2013 wurde aus den Einsatzzahlen von 2011 und Anfang 2012 ermittelt. Mit dem Ergebnis: 2013 wurde erheblich aufgestockt, weil Einsätze durch zusätzliche Leistungen der Kliniken und Veränderungen bei der Kassenärztlichen Vereinigung zunahmen.

Die so genannten Vorhaltestunde, also die Besetzung von Mehrzweckfahrzeugen (MZF) und Norarztfahrzeugen (NEF) - letztere kommen für den Altkreis ausschließlich aus Kassel - , seien um 50 000 auf 300 000 Stunden erhöht worden. Dadurch gab es laut Barchfeld 60 zusätzliche Stellen in Stadt und Landkreis.

Allein 30 Stellen schaffte der ASB Regionalverband Nordhessen und hat jetzt 200 im Rettungsdienst, sagt dessen Geschäftsführer Michael Görner - der ASB betreibt vier von fünf Rettungswachen im Altkreis. Und er schaffte vier zusätzliche Fahrzeuge an, Stückpreis einschließlich Ausbau 170 000 Euro. In der Rettungswache des DRK in Vellmar wurde das Personal von neun auf 24 Mitarbeiter aufgestockt. Statt ehemals einem Fahrzeug sind dort jetzt drei Fahrzeuge, hiervon zwei rund um die Uhr stationiert.

Mit diesen Maßnahmen „sollten wir in diesem Jahr die Vorgaben annähernd hinbekommen und in 90 Prozent der Fälle binnen zehn Minuten am Einsatzort sein“, sagt Rettungsdienstleiter Jürgen Barchfeld.

Von Nina Nickoll und Michael Schräer 

Hintergrund: Rettungswachen im Altkreis

Die gesetzliche Vorgabe lautet, dass in 90 Prozent der Notfalleinsätze der Unfallort in zehn Minuten und in 95 Prozent der Unfallort in 15 Minuten erreicht werden muss. Die Stadt Kassel ist Träger des Rettungsdienstes in Stadt und Landkreis. Ausführende Behörde ist die Feuerwehr Kassel, Abteilung Rettungsdienst.

Die Rettungsdienst-Standorte: Baunatal (zwei Mehrzweckfahrzeuge/MZF), Lohfelden (drei MZF), Kaufungen (zwei MZF), Schauenburg (ein MZF/alle vom ASB) sowie Vellmar (drei MZF/DRK).

Verkehrsteilnehmer blockieren Helfer

Die Zehn-Minuten-Hilfsfrist ist ein wichtiger Indikator, ob der Rettungsdienst gut oder schlecht geplant ist. So müssen die Rettungswachen so verteilt und mit Personal und Fahrzeugen ausgestattet sein, um die gesetzliche Vorgabe zu erfüllen.

Doch welche Hindernisse Rettungsassistenten und -sanitätern sowie Notärzten auf dem Weg zum Unfall tatsächlich im Weg stehen, das sei nicht planbar, sagt Jürgen Barchfeld, bei der Kasseler Berufsfeuerwehr für den Rettungsdienst in Stadt und Landkreis Kassel zuständig.

So ist allein die Fahrstrecke von der Rettungswache Vellmar zum Beispiel nach Wilhelmshausen lang. Kommen Verkehrsteilnehmer hinzu, die immer häufiger nicht rechtzeitig den Weg freimachen oder an Kreuzungen keine Vorfahrt gewähren, wird es schwieriger, die zehn Minuten zu halten. Oft sind laut Barchfeld auch Hausnummern nicht richtig ausgeleuchtet.

Bewährt habe sich aber der gemeinsame Rettungsbereich für Stadt und Kreis Kassel mit der Leitstelle bei der Berufsfeuerwehr. Barchfeld: „Einmalig in Hessen.“ (nni/mic)

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