Mehr Frauen fliehen vor Gewalt – Gratwanderung bei Finanzierung

Frauenhaus und Beratungsstelle im Landkreis zunehmend gefragt

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Engagiert für Frauen in Not: SPD-Bundestagsabgeordnete Ulrike Gottschalck (von links), Mitarbeiterin Regina Kusserow, Vorstandsmitglied Anette Milas, Mitarbeiterin Marlen boppert-Horst und Vorstandsmitglied Monika Hartmann vom Verein „Frauen helfen Frauen im Landkreis Kassel“.

Baunatal. Sein Ziel lautet, sich selbst überflüssig zu machen. Aber dem steht leider die Realität entgegen: Der Verein „Frauen helfen Frauen im Landkreis Kassel“ müsste seine Arbeit – er betreibt ein Frauenhaus und eine Beratungsstelle – eher ausweiten. Denn Frauen leiden zunehmend unter Gewalt oder werden davon bedroht Doch es mangelt dem Verein seit Jahren an Geld.

Die Beratungsstelle in Baunatal gibt es seit 2008, pro Woche ist sie 14 Stunden geöffnet. Fünf Jahre besteht der feste Anlaufpunkt – für den Vereinsvorstand ein Anlass zu Bilanz und Ausblick.

Der Verein verzeichnet einen stetigen Anstieg seit 2008, als 188 gefährdete Frauen beraten wurden. 238 waren 2012, sogar 266 im Jahr 2009. Eingerechnet sind Kontakte in den Filialen Lohfelden, Hofgeismar und Wolfhagen, die allerdings nur eine Stunde pro Woche geöffnet haben.

Und: Das Frauenhaus im südlichen Landkreis „ist total gefragt“, sagt Mitarbeiterin Marlen Boppert-Horst. Trennung und Scheidung in Verbindung mit häuslicher Gewalt, nicht selten Vergewaltigung in der Ehe, das seien die häufigsten Tatbestände, gefolgt von sexuellem Missbrauch und Stalking. „Das wird immer schlimmer“, sagt Vorstandsmitglied Monika Hartmann. Wobei ein gestiegenes Selbstbewusstsein von Frauen, gefördert vor allem durch die Medien, zum gewachsenen Mut von Frauen beitrage, vor Gewalt zu fliehen. Auch beobachte man, dass immer mehr 50- bis 60-jährige Frauen Schutz suchen. „Solange die Kinder im Haus sind, halten die noch aus,“ so erklärt das Hartmann.

14 Plätze vorhanden

14 Plätze für Mütter und Kinder hat das Frauenhaus. 54 Frauen und 43 Kinder wohnten 2012 vorübergehend dort, manche nur eine Woche, andere ein ganzes Jahr. Allerdings gab es 149 Anfragen von Frauen, 46 mussten wegen fehlenden Raums an andere Häuser weitervermittelt werden. 2013 wurden bereits 26 Frauen und 20 Kinder betreut.

Jedes Jahr muss der Verein Klinken putzen, um Frauenhaus und Beratungsstelle zu finanzieren. Sicher sind 15 000 Euro aus dem Fonds häusliche Gewalt des Landkreises Kassel, ferner zahlt das Sozialamt pro Bewohnerin des Frauenhauses Tagessätze. Leistungsverträge bestehen mit sechs von 29 Kommunen des Kreises, einige weitere zahlen sporadisch, so kamen zuletzt 35 000 Euro herein. Zudem gehen Spenden ein. Aber Geld einzuwerben, „bindet viel Zeit und Kapazitäten“, sagt Vorstandsfrau Anette Milas. Der Bedarf pro Jahr beträgt 240 000 Euro, Rücklagen des Vereins schmelzen ab.

Drittelfinanzierung durch Bund, Land und Kreis „wäre gut und fair“, sie würde zudem die Kommunen entlasten, sagt Ulrike Gottschalck. Die SPD-Bundestagsabgeordnete zählte 2008 zu den Initiatorinnen der Beratungsstelle. „Stabilität wäre wichtig“, ergänzt Hartmann.

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