Polizei stellt Statistik vor - Anzahl der Sexualdelikte steigt

Weniger Straftaten, mehr gelöste Fälle: So kriminell ist Nordhessen

Kassel. So wenige Straftaten wie 2017 gab es in Nordhessen seit zehn Jahren nicht. Und nie war die Aufklärungsquote so hoch. Wir stellen die wichtigsten Ergebnisse der Kriminalstatistik für 2017 vor.

Einen Grund für die höhere Aufklärungsquote, die im Vergleich zum Vorjahr um 0,5 Prozentpunkte auf 61,2 Prozent gestiegen ist, sieht Polizeipräsident Konrad Stelzenbach vor allem in den technischen Mitteln: "Wenn Personen erst mal in der DNA-Datei gespeichert sind, gibt es auch mehr Treffer."  2017 wurden in Nordhessen 42.416 Straftaten begangen und damit rund 1700 weniger als im Vorjahr. Vor zehn Jahren war die Zahl noch um etwa 10.000 Straftaten höher. Mit einer Ausnahme im Jahr 2014 war seitdem ein kontinuierlicher Rückgang zu verzeichnen.

Den Kriminalitätsschwerpunkt bildet weiterhin die Stadt Kassel. Mit 43,3 Prozent passierte fast jede zweite Straftat Nordhessens im Kasseler Stadtgebiet. Doch auch hier ist der Trend rückläufig. Die Zahl der Delikte sank im Vergleich zum Vorjahr um über 1000 auf 18.382. Auch in Sachen Aufklärungsquote wurde im untersuchten Zeitraum mit 60,5 Prozent ein Höchstwert verzeichnet. Im Landkreis blieb die Aufklärungsquote bei 57,8 Prozent konstant. Doch auch hier ist die Zahl der zur Anzeige gebrachten Delikte mit 7138 um gut 300 gesunken. Die ganze Kriminalstatistik 2017 für Nordhessen können Sie als pdf-Datei herunterladen. Wir stellen die wichtigsten Erkenntnisse vor.

Sexualstraftaten

Einen deutlichen Anstieg um 151 auf 636 Fälle gab es in Nordhessen bei den Sexualstraftaten. Diese Zunahme ist durch die Einführung eines neuen Paragraphen zu erklären, der zuvor als Beleidigung klassifizierte Straftaten nun als sexuelle Belästigung einstuft (siehe Hintergrund am Ende des Artikels).

Der neue Paragraph regelt, dass viele Taten, die zuvor als sexuelle Beleidigung verfolgt wurden, inzwischen der sexuellen Belästigung zugerechnet werden. Beispiele sind aufgedrängte Küsse, Berührungen der primären oder sekundären Geschlechtsmerkmale, unerwünschte Umarmungen oder ein Klaps auf den Po.

Etwa ein Drittel (198) aller angezeigten Sexualdelikte ereignete sich in Kassel. Ebenso liegt der Anteil der Vergewaltigungen mit 41 Taten in der Stadt bei etwas über einem Drittel. In fast 80 Prozent der Fälle konnten Täter ermittelt werden. Im Landkreis gab es einen leichten Anstieg auf 103 (82). In Teilen konnte auch hier eine Verschiebung von der Beleidigung auf sexueller Grundlage zur sexuellen Belästigung festgestellt werden. Die Aufklärungsquote stieg von 87,8 auf 94,2 Prozent.

Wohnungseinbrüche

Ein deutlicher Rückgang ist mit einem Minus von 783 Fällen im Bereich der Wohnungseinbrüche zu verzeichnen (2017: 1599 / 2016: 816). Dies entspricht einem Rückgang um knapp die Hälfte im Vergleich zum Vorjahr. Im Stadtgebiet war der Rückgang mit einem Minus von 54 Prozent (339/732) sogar noch höher.

Hier trägt die Aufklärungsarbeit in der Kriminalprävention offenbar Früchte. So lag die Versuchsquote erstmals seit Jahren mit 50,5 Prozent über der Quote der vollendeten Einbrüche, d.h. es wurden mehr Einbrüche erfolglos abgebrochen als vollendet. Ebenso wurden professionelle Täter und Tätergruppen durch die Polizei aus dem Verkehr gezogen, sodass die Einbruchzahlen reduziert werden konnten. Wohnungseinbrüche sollen außerdem härter bestraft werden.

Die hohe Aufklärungsquote des vergangenen Jahres konnte beim Einbruch in Wohnungen allerdings nicht erreicht werden und lag bei 14 Prozent. Ein Grund hierfür ist, dass in der Statistik des vergangenen Jahres ein festgenommener und mittlerweile verurteilter Serientäter Wohnungseinbrüche begangen hatte, die sich als geklärte Fälle massiv in den Werten niederschlugen.

Tagsüber bricht doch niemand ins Haus ein und der Fernseher ist das erste, was der Dieb sich schnappt? Wir haben Mythen rund um Einbrecher unter die Lupe genommen.

Tötungsdelikte

Mord, Totschlag, Tötung auf Verlangen und fahrlässige Tötung – insgesamt gab es 2017 in Nordhessen weniger Tötungsdelikte als im Vorjahr. Die Statistik weist mit 37 Fällen (davon 23 Versuche) einen Rückgang um zehn auf. In fünf Fällen gab es im Dienstbezirk des Polizeipräsidiums Ermittlungsverfahren wegen Mordes (davon drei Versuche), in 23 Fällen wegen Totschlags (20 Versuche) und in acht Fällen wegen fahrlässiger Tötung. 21 der 37 Tötungsdelikte waren in der Stadt Kassel (15 Versuche), vier im Landkreis (zwei Versuche).

Einige Tötungsdelikte sind 2017 noch nicht vor Gericht verhandelt worden und fallen deshalb aus der Statistik raus. Drei Beispiele, die Kassel im vergangenen Jahr in Atem hielten.

Fall 1: Eine Sonderkommission ermittelte nach einem versuchten Mord am 10. Juli. Ein bis dahin unbekannter Täter hatte eine 27-jährige Frau vor ihrer Haustür in der Frankenberger Straße unvermittelt mit Messerstichen lebensgefährlich verletzt. Etwa zwei Wochen später ermittelten die Beamten der Soko einen 36-jährigen Tatverdächtigen, der seitdem in U-Haft sitzt.

Fall 2: Zum Mord an einem 77-jährigen Mann kam es am 16. Oktober in der Karlsbader Straße in Kassel. In diesem Fall ermittelte die „Soko Karlsbad“ intensiv und konnte schließlich den Täter, einen 64-jährigen Bekannten des Opfers, festnehmen. Er sitzt seit dem 20. Oktober in Untersuchungshaft.

Fall 3: Zu einem weiteren Tötungsdelikt kam es am 1. März in einem Mehrfamilienhaus. Dort war es wegen einer Nebenkostenabrechnungen zum Streit zwischen zwei Mietparteien gekommen, in dessen Verlauf der 68-jährige Täter ein Ehepaar durch Schüsse verletzte. Der 47 Jahre alte Geschädigte starb noch am selben Tag in Folge der lebensgefährlichen Verletzungen. Seine 30-jährige Ehefrau erlitt Schussverletzungen an Armen und Beinen. Der Täter war damals noch am Tatort festgenommen worden und saß seitdem in U-Haft. Ende Januar 2018 ist er vom Landgericht Kassel wegen Mordes, versuchten Mordes und fahrlässiger Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von elf Jahren auf Grund eingeschränkter Schuldfähigkeit verurteilt worden.

Politisch motivierte Taten

Die Zahlen zur politisch motivierten Kriminalität lagen 2017 mit 250 Straftaten deutlich unter dem Niveau des Vorjahres (314). 130 der angezeigten Taten ereigneten sich in Stadt und Landkreis Kassel. Knapp 45 Prozent konnten aufgeklärt werden. 87 (52) Delikte konnten keiner Gruppierung zugeordnet werden.

  • 86 (2016: 165) rechts motivierte Straftaten
  • 33 (2016: 59) links motivierte Straftaten
  • 15 (2016: 38) Straftaten aufgrund ausländischer Ideologie
  • 29 Straften aufgrund religiöser Ideologie (erstmals erfasst)

Von allen Straftaten sind sechs (18) als Gewaltdelikte eingestuft worden. Dies ist der geringste Wert seit Jahren. Zwei (neun) dieser Fälle sind aus dem Bereich des linken Spektrums begangen worden, zwei Taten liegen ausländische politische Ideologien und in einem Fall religiöse Ideologien zu Grunde.

Diebstähle

Die einfachen Diebstähle sind dem langjährigen Trend nochmals um über 500 und damit um gut fünf Prozent auf 9166 gesunken. Vor allem Ladendiebstähle gingen in Nordhessen (2833/3127), in Stadt (1781/1945) und Landkreis (245/280) zurück.

Beim Diebstahl unter erschwerenden Umständen reduzierte sich die Gesamtzahl der Fälle in Nordhessen nochmals um 1007 (minus 14,5 Prozent) auf 5929 Straftaten. Rund ein Viertel der Delikte konnte aufgeklärt werden. Der Diebstahl von Kraftwagen (ohne motorisierte Zweiräder) ist in den letzten vier Jahren auf etwa gleichem Niveau.

Straßenkriminalität

Die Zahl dieser ausgewählten Delikte verringerte sich im Vorjahresvergleich etwas um 156 Fälle auf 7144 (7300).

Jugendkriminalität

Nach einmaligem Anstieg 2016 ist die Zahl der Tatverdächtigen unter 21 wieder rückläufig (3691/4024).

Gewalt gegen die Polizei

2017 gab es weniger Angriffe auf Polizeibeschäftigte (203/256).

Rohheitsdelkte

In Sachen Freiheitsberaubung, Nötigung, Bedrohung und Stalking, die unter die sogenannten Rohheitsdelikte fallen, gab es im Vergleich zum Vorjahr (1400) wenig Veränderung (1442). Der Handtaschenraub blieb mit neun angezeigten Taten im gesamten Dienstbezirk auf dem gleichen Stand wie im Vorjahr, sechs davon ereigneten sich im Stadtgebiet Kassel.

Vermögens- und Fälschungsdelikte

Die Gesamtzahl der angezeigten Vermögensdelikte stieg im vergangenen Jahr um 168 Fälle auf 8533 (8365) Taten (682 Versuche) an. Am häufigsten war Betrug. Aufklärungsquote: 80 Prozent.

Ausländerkriminalität

18.137 Tatverdächtige weist die Polizei für das Jahr 2017 aus. Knapp 13.000 von ihnen waren Deutsche. Während die Zahl der deutschen Tatverdächtigen seit Jahren sinkt, ist die Zahl der ausländischen Tatverdächtigen erstmals in den vergangenen fünf Jahren rückläufig. 

Ausländer stellten im Jahr 2017 einen Anteil von 28,7 Prozent der Tatverdächtigen, während sie acht Prozent der nordhessischen Bevölkerung ausmachen. Dass sie in der Kriminalstatistik überrepräsentiert sind, liege auch daran, dass einige Straftaten von Illegalen, Durchreisenden, Touristen und Angehörigen der hier stationierten Kräfte begangen würden, so die Polizei. Außerdem müsse man die unterschiedliche Alters- und Sozialstruktur der deutschen und nichtdeutschen Bevölkerung beachten. 

Die Kriminalstatistik differenziert allerdings nicht zwischen dem Status eines Ausländers - etwa als Flüchtling. Das Polizeipräsidium Nordhessen teilt jedoch mit, dass die Zahl der Opfer durch tatverdächtige Flüchtlinge von 778 auf 709 zurückgegangen ist. 261 dieser Opfer waren Deutsche, 443 selbst Ausländer.

Hintergrund: Das gilt jetzt als Sexualstraftat

Zu den Sexualdelikten zählen neben Vergewaltigung auch die sexuelle Nötigung, der sexuelle Missbrauch, sexuelle Belästigung und exhibitionistische Handlungen. Ferner werden auch Straftaten aus den Bereichen Zuhälterei, verbotene Prostitution und Verbreitung pornografischer Schriften erfasst.

Die strafbaren Handlungen der sexuellen Nötigung und Vergewaltigung sind in § 177 StGB normiert und sehr eng gefasst. Der im November 2016 in Kraft getretene § 184i StGB soll Handlungen unter Strafe stellen, die die Schwelle der sexuellen Nötigung in § 177 StGB noch nicht überschreiten, aber trotzdem die sexuelle Selbstbestimmung des Opfers verletzen.

Der Tatbestand des § 184i Abs. 1 StGB setzt voraus, dass der Täter eine andere Person in sexuell bestimmter Weise körperlich berührt und dadurch belästigt. Da die Vorschrift Körperkontakt voraussetzt, fallen verbale Belästigungen nicht unter den Tatbestand der Norm. Verbale Belästigungen können jedoch weiterhin als sexuelle Beleidigung verfolgt werden.

Während es einfach ist, zu sagen, ob eine körperliche Berührung stattgefunden hat, ist es wesentlich schwerer zu definieren, ab wann diese „sexuell bestimmt“ ist. Nach der Begründung des Gesetzes erfolgt die körperliche Berührung „in sexuell bestimmter Weise“, wenn sie sexuell motiviert ist. Erforderlich ist also der subjektive Wille des Täters, etwas sexuell Motiviertes zu tun – und das Opfer muss sich durch die Handlung „belästigt“ fühlen. Die Handlungen nach § 184i Abs. 1 StGB können mit einer Geldstrafe oder einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren geahndet werden. In besonders schweren Fällen auch länger.

Das Polizeipräsidium Nordhessen

Das Polizeipräsidium Nordhessen mit Hauptsitz am Grünen Weg in Kassel ist das flächenmäßig größte der sieben hessischen Präsidien. Es ist zuständig für Stadt und Landkreis Kassel, den Schwalm-Eder-Kreis, den Kreis Waldeck-Frankenberg sowie den Werra-Meißner-Kreis.  Insgesamt arbeiten in den vier Polizeirevieren, 14 Polizeistationen und 22 Kommissariaten des Präsidiums rund 2000 Mitarbeiter. 

Rubriklistenbild: © dpa

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