Schlachte-Essen war berühmt

Nach 74 Jahren ist Schluss: Gaststätte Allmeroth geschlossen

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Postkarte sollte Gäste anlocken: Die bunte Darstellung des Gaststättenareals entstand um 1900. Damals gab es auf dem Gelände noch eine Kegelbahn. Repro:  Wohlgehagen

Kaufungen. Nach 74 Jahren ist Schluss: Die Gaststätte Allmeroth im Ortskern von Niederkaufungen ist seit vier Wochen geschlossen.

Mit der Schließung des Traditionslokals geht auch eine Jahrzehnte andauernde Familiengeschichte zu Ende. Seit 1940 betrieb die Familie Allmeroth die Fachwerkhaus-Gaststätte, in der viele Geburtstage, Hochzeiten und andere Familienfeste gefeiert wurden.

Tradition: 74 Jahre lang hat Familie Allmeroth die Niederkaufunger Gaststätte betrieben. Auf dem Bild (von links): Hilda Allmeroth (Lokalinhaberin von 1960 bis 1998) und ihre Tochter Inge Rasch (Inhaberin von 1998-2014). Fotos: privat/nh

„Die Gäste blieben mit der Zeit immer mehr aus, hinzu kamen gesundheitliche Beschwerden“, sagte Inge Rasch (geborene Allmeroth), die das Lokal jetzt 16 Jahre lang mit Herzblut betrieben hat. Ihre Urgroßeltern hatten die Kneipe 1940 übernommen. 20 Jahre später wurde die Gaststätte dann von deren Kindern Helmut und Hilda Allmeroth übernommen.

Ihr Mann Helmut sei ein waschechter Wirt gewesen: „Er ging an jeden Tisch, begrüßte die Gäste und machte seine Späße“, so die ehemalige Lokalbesitzerin Hilda Allmeroth (87). Besonders in Erinnerung geblieben ist der Senior-Wirtin jener Sommertag in 1969, an dem die Losse über die Ufer trat und den Gaststättensaal komplett unter Wasser setzte. „Am gleichen Tag wurde bei uns eine Hochzeit gefeiert“, erinnert sich Hilda Allmeroth an die Schwierigkeiten, die Feier fortzusetzen.

Die Gaststätte selbst war bis 1988 noch im Wohnhaus auf der gegenüber liegenden Straßenseite untergebracht. Als Wirt Helmut Allmeroth zehn Jahre später starb, übernahm seine Tochter Inge Rasch gemeinsam mit ihrem Mann Hartmut den traditionsreichen Betrieb, der ein Geheimtipp für regionaltypische Hausmannskost war: Es herrschte immer Hochbetrieb, wenn „bei „Allmeroths“ Schlachte-Essen auf der Speisekarte stand. Weckewerk und Schlachtesuppe kamen bei den Gästen besonders gut an.

Außerdem war die Gaststätte für viele Vereine und Gruppen ein wöchentlicher Treffpunkt. Der Bauernverband veranstaltete seine Bälle, die Laienspielgruppe führte Theaterstücke auf. Auch für die Skatspieler war das Lokal wie ein zweites Zuhause. Geschichte schrieben die Räume auch, als SPD-Mann Gerhard Iske 1966 im kleinen Saal der Gaststätte zum jüngsten hauptamtlichen Bürgermeister in Hessen gewählt wurde. „Mit der Schließung der Gaststätte Allmeroth geht auch ein Stück Kaufunger Geschichte zu Ende“, sagte Bürgermeister Arnim Roß (SPD).

Für Hilda Allmeroth und Inge Rasch ist die Schließung eine schmerzliche, aber notwendige Entscheidung. Übereinstimmend dankten Mutter und Tochter allen Gästen für ihre langjährige Treue. (ppw)

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