Neues Gutachten: Keine weiteren Bohrungen an altem Schacht erforderlich

Ehemaliges Kohle-Abaugebiet Wolfsberg in Oberkaufungen: Bis 1926 wurden hier 1,6 Millionen Tonnen Braunkohle gefördert. Nach einem Erdbruch über einem ehemaligen Bergwerksschacht im Vorgarten eines Hauses an der Niester Straße (im Bild unten links) im vergangenen Mai soll für den Wolfsberg nun eine Risikoanalyse erstellt werden. Archivfoto: Herzog, Flugschule Knabe

Kaufungen. Der 30 Meter tiefe ehemalige Braunkohle-Schacht im Vorgarten eines Reihenhauses an der Niester Straße in Oberkaufungen soll im Frühjahr mit einem speziellen Verfahren verfüllt und gesichert werden.

Eine neue Erkundungsbohrung sei nicht erforderlich, berichtete Bürgermeister Arnim Roß (SPD) jetzt vor dem Bauausschuss und der HNA. Im Mai vergangenen Jahres war die Erde über dem rund vier Meter durchmessenden Bergwerksschacht plötzlich eingebrochen. Seither kann die junge Familie den Haupteingang ihres erst 2012 erworbenen Hauses nicht mehr benutzen.

Mit dem Sachverständigen Dr. Michael Clostermann aus Nordrhein-Westfalen hatte die Gemeinde einen Experten für alte Bergwerkstollen-Pläne eingeschaltet. Der habe die Unterlagen der ehemaligen Zeche Freudental geprüft und auch den Erdbruch in Augenschein genommen, berichtete Roß. Das Ergebnis: Eine Erkundungsbohrung ist überflüssig.

Dem Rat Clostermanns folgend soll im Frühjahr der Schacht mit einem hydrostatischen Verfahren dauerhaft gesichert werden. Dabei wird ein Bohrer 30 Meter in die Tiefe geschickt, aus dessen seitlichen Öffnungen ein spezielles Material in die Hohlräume gepresst wird. Hat sich der Brei verfestigt, so verspricht der Bergbau-Experte, bestehe keine Erdbruchgefahr mehr, Vorgarten und Haus seien wieder uneingeschränkt nutzbar. Auch eine Wertminderung von Gebäude und Grundstück sei dann nicht mehr gegeben.

Die Arbeiten hat die Gemeinde laut Bürgermeister Roß inzwischen ausgeschrieben. Sie sollen beginnen, wenn es zuverlässig frostfrei sei, die Dauer wird mit zwei Wochen angegeben.

Risikoanalyse folgt

In einem weiteren Schritt wird Clostermann im Auftrag der Gemeinde eine Risikoanalyse für das Wohngebiet auf dem Wolfsberg auf der anderen Seite der Niester Straße vornehmen, kündigte der Verwaltungschef an. Dort befindet sich ein ausgedehntes Stollensystem der Zeche Freudental, in der bis 1926 rund 1,6 Millionen Tonnen Braunkohle abgebaut wurden. Die Untersuchung soll zeigen, ob es in diesem Bereich weitere Gefahrenstellen für mögliche Erdbrüche gibt. Clostermann halte dies aber für unwahrscheinlich, erläuterte Roß.

Braunkohle-Abbaugebiete setzten sich - wenn überhaupt - in der Regel flächig und nur wenig Zentimeter. Plötzliche Erdbrüche, in denen schon mal Autos oder ganze Häuser verschwinden, gebe es meist nur in Steinkohle-Abbaugebieten. Roß rechnet damit, dass das Ergebnis der Risikoanalyse in der zweiten Jahreshälfte vorgestellt werden kann.

Bleibt Familie auf Kosten sitzen?

Für das junge Ehepaar mit seinen beiden kleinen Töchtern könnte sich der Kauf des Reihenhauses im Jahr 2012 durch den Erdbruch zu einen finanziellen Fiasko auswachsen. Bisher hat die Gemeinde Kaufungen als Ersatzvornahme Untersuchungen, Sicherungen und Gutachter bezahlt, allein für das Verfüllen des alten Schachtes dürften gut 50 000 Euro hinzukommen, rechnet Hauptamtsleiter Carsten Marth vor. Und das ist nur eine grobe Schätzung.

Bürgermeister Arnim Roß: „Erstes Ziel der Gemeinde war es, an der Niester Straße für Sicherheit zu sorgen. Wir haben alles vorfinanziert, wie es dann weitergeht muss in den Gremien von Kommune und Kreis und mit der Familie beraten werden.“

In Nordrhein-Westfalen, wo ähnliche Erdsenkungen über Kohleabbaugebieten viel häufiger sind, gebe es eine Bergschadenskasse und einen Hilfsfond für Betroffene, erläuterte Marth. In Hessen gebe es Vergleichbares aber nicht.

Beim Zechenbetreiber Freudental wird es nichts zu holen geben, die Zeche ist vor gut sieben Jahren als juristische Person erloschen. Außerdem ist im Baulastenverzeichnis für den Wolfsberg jegliche Haftung für Erdsenkungen ausdrücklich ausgeschlossen.

Von Thomas Stier

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