Außergewöhnliche Frauen im Landkreis Kassel

Diese Hebamme aus Nieste half im 20. Jahrhundert bei über 700 Geburten

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Sie hatte ein Herz für Kinder: Hebamme Minna mit ihrem Sohn Martin.

Frauen leisten Bemerkenswertes, doch oft werden ihre Leistungen nicht gewürdigt. Wir stellen außergewöhnliche Frauen aus dem Landkreis vor, so wie Minna Degenhardt, die als Hebamme etwa 700 Kinder mit zur Welt brachte.

Sie ist noch heute bekannt als „Mutter Minna“ – Minna Degenhardt aus Nieste, die in ihrer fast 40-jährigen Hebammenkarriere half, rund 700 Kinder auf die Welt zu bringen. Auch ihre Enkelin und ihre Urenkelin, Monika und Sandra Rissel aus Nieste, nennen sie Mutter Minna. Denn für beide ist sie nicht nur Vorfahrin, sondern auch besondere Wegbleiterin.

Um zu verstehen, warum, muss man im Jahr 1969 anfangen. Genauer gesagt am Mittwoch, 27. Juli: Monika Rissel, hochschwanger, bekommt gegen fünf Uhr morgens Wehen. „Mädchen, das geht net mehr. Du kannst net ins Krankenhaus. Du musst hierbleiben“, sagt Mutter Minna, nimmt Monika bei der Hand und bringt sie ins Bett der Eltern. „Plötzlich drückte sie mir fest auf den Bauch und mir ist die Fruchtblase geplatzt“, erinnert sich die heute 70-Jährige. „Während der Geburt hat sie mir – wie auch anderen Frauen – starken Bohnenkaffee und Brot mit Ahler Wurscht gegeben. Mir war überhaupt nicht danach. Ich hab’s trotzdem gegessen und getrunken.“ Schließlich soll sie bei Kräften bleiben.

Um 20.25 Uhr, das weiß Monika Rissel noch so genau, als wäre es gestern gewesen, hält sie ihre Tochter Sandra im Arm. Daneben steht, stolz und glücklich, Großmutter Minna – jetzt Urgroßmutter. Sandra Rissel ist das letzte Kind, dem Mutter Minna auf die Welt hilft. „Hebamme war sie zu dem Zeitpunkt schon nicht mehr“, sagt Monika Rissel und grinst schelmisch, weil ihre Großmutter etwas Verbotenes machte. Den Job hatte sie nämlich rund drei Jahre zuvor an den Nagel gehängt – mit 70 Jahren. „Sie hat zwar die eigentliche Hebamme – eine Frau Berg aus Niestetal – dazugerufen, aber das Meiste hat sie selbst gemacht.“ Und: „Ich glaube, dass sie das schon von langer Hand geplant hatte.“

Schwören noch heute auf Bohnenkaffee und Wurschtebrot: Monika und Sandra Rissel aus Nieste, Mutter und Tochter sowie Enkelin und Urenkelin von Minna Degenhardt.

Das passte zu Mutter Minna. Ihren eigenen Willen durchzusetzen, stark zu sein: Sie war nur etwa 1,60 Meter groß, aber eine absolute Powerfrau, erinnern sich Monika und Sandra Rissel. Für ihren Job als Hebamme – sie fing 1927 damit an – war sie oft wochenlang in Nieste, Landwehrhagen, Sichelnstein, Dahlheim und darüber hinaus unterwegs. Ohne, dass Familie und Freunde wussten, wo sie sich gerade aufhielt. Auf ihren Sohn Martin, Monika Rissels Vater, passten dann die Eltern der alleinstehenden Frau auf. Warum sie alleinstehend war, wissen Monika und Sandra Rissel nicht. „Darüber wurde nicht gesprochen“, sagt Monika Rissel.

Wenn ihr von ihrer Großmutter auch so manches vorenthalten wurde, hat sie sie doch schon früh mit ihrer Arbeit – dem wichtigsten Teil ihres Lebens – vertraut gemacht: „Ich wollte unbedingt mit, wenn sie als Hebamme unterwegs war.“ Sie hat Mutter Minna gefragt: „Darf ich?“ Mutter Minna hat nicht lang überlegt und sie bei der Hand genommen – Rissel war vier. „Ich weiß noch, wie ich nach einer Geburt auf einem Stuhl kniend, Ellenbogen auf dem Tisch, den Kopf auf meine Hände gestützt, das neugeborene Baby beobachtet habe.“ Das große Rätsel: Wo kommt das Kind her? Minna Degenhardts Antwort „aus dem Koffer“ stellte sie nicht zufrieden. Eines Tages hat sie heimlich im mysteriösen Koffer nachgeschaut. „Das war ein Schock!“ Denn da waren nur Hebammenutensilien und ein medizinisches Buch drin. „Und keine Kinder.“ Im Buch: Text und Abbildungen von schwangeren Frauen. „Schnell habe ich das Buch wieder zurückgelegt, schließlich hätte ich großen Ärger bekommen, wenn Mutter Minna mich erwischt hätte.“ Die Frage aber blieb: „Wo kommen die Kinder her? Aus dem Koffer in den Bauch?“ Die Geschichte hat sie trotzdem lange geglaubt.

An den Koffer erinnert sich auch noch Urenkelin Sandra Risse (48). „Und an das Essen und Trinken.“ Schließlich gab Mutter Minna auch der zweijährigen Sandra Rissel eine Tasse starken Bohnenkaffee – zwar ohne Wurscht, dafür aber mit eingeweichtem Brot und Zucker. Das war ihr Frühstück. „Heute würde man das so nicht mehr machen, damals hat sich da keiner Gedanken gemacht“, sagt Rissel schmunzelnd. „Mir hat es super geschmeckt“, sagt sie. Beim Gedanken an Mutter Minna, „sind wir stolz und froh“, sagen Monika und Sandra Rissel. Für die beiden ist es nach wie vor etwas besonderes, ihre Enkelin und Urenkelin zu sein. Vor allem durch die gemeinsam erlebte Geburt.

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