Noch mehr Stress für die Tiere

Nahe Nieste: Jagd trotz Minusgraden sorgt für Ärger

Kreis Kassel. Jagen bei Minusgraden und Schnee? Im Grenzgebiet zwischen Hessen und Niedersachsen, nahe Nieste, wurde das jetzt getan. 

„In einer Notzeit macht man das als verantwortungsvoller Jäger nicht“, sagt ein Niester Jäger, der anonym bleiben möchte. Für die Tiere bedeute das viel Stress und das in einer Zeit, in der die Nahrungssuche besonders aufwändig sei.

Viel Energie müssten Rehe & Co. derzeit aufwenden, um an ihre Nahrung zu kommen. Schließlich stecke die im gefrorenen Boden oder sei von Schnee bedeckt, sagt er. Da könnten sie kaum noch Energie aufbringen, um vor Jägern zu flüchten.

Die offizielle Jagdzeit für Reh- und Rotwild dauere bis Ende Januar, sagt Petra Westphal, Sprecherin von Hessen Forst. Ob überhaupt gejagt werde, hänge auch damit zusammen, ob die Abschussquote in einem Revier bereits erfüllt wurde oder nicht. Auch spiele die Frage nach der Schneemenge eine Rolle.

„Die Tiere haben im Winter ein erhöhtes Ruhebedürfnis“, sagt Manfred Eckhardt, Jagdsachbearbeiter bei Hessen Forst. Allerdings: „Das Jagdrecht macht keine Einschränkung.“ In welcher Weise den Tieren Ruhe gegönnt werden muss, sei nicht geregelt. Grundsätzlich dürfe also gejagt werden. In den Jagdgesetzen in Niedersachsen finde sich der Begriff Ruhebedürfnis nicht.

Insgesamt sei der Januar „ein wichtiger Jagdmonat“, sagt Eckhardt. Die Bedingungen seien ideal. Ob zu viel Schnee für die Jagd liege, müsse im Einzelfall abgewogen werden, die entsprechenden Fachkenntnisse würden die Jäger mitbringen. Generell würden Reh- und Rotwild fressen, was durch den Schnee wachse, der Boden sei im Wald nicht gefroren. Derzeit gehe es dem Wild gut, weil die Kältephase noch nicht lange andauere. „Das Wild hat noch nicht gelitten und ist richtig fett“, sagt er. Sollte eine Notzeit ausgerufen und eine Wildfütterung angesetzt werden, „gibt es selbstverständlich auch ein Jagdverbot“, sagt Alexander Michel vom Landesjagdverband Hessen.

Der Pächter, jetzt der nahe Nieste jagte, weist darauf hin, dass die Saison bis 31. Januar laufe. Er müsse seine Abschussquote erfüllen und habe auch viele Wildschäden. Wenn die Schneelage extrem sei und sich die Tiere quälen würden, gehe er nicht auf die Jagd. In dem Gebiet habe aber kaum Schnee gelegen, sagt der Niedersachse.

Der Landesverband Hessen des Naturschutzbundes (Nabu) bezieht deutlich Stellung gegen die Jagd bei Schnee und Eis: „Im Spätwinter führt eine Beunruhigung durch Jagd zu einer vermehrten Bewegungsaktivität der Tiere. Dies steigert den Energieverbrauch, der sich entsprechend schlecht auf die Winterkonstitution der Tiere auswirkt“, sagt Mark Harthun, stellvertretender Landesgeschäftsführer. „Die Tiere verbleiben aufgrund von Störungen im Wald. Hier kommt es zu einer Zunahme von Schäl- und Verbissschäden.“ Deshalb sollte aus Sicht des Nabu ab dem 1. Januar stets eine generelle Jagdruhe gelten.

Notzeit nach wochenlangem Dauerfrost

Ist der Winter besonders hart, kann die Untere Jagdbehörde des Landkreises Kassel eine Notzeit ausrufen. „Das ist aber eine absolute Ausnahme“, sagt Landkreissprecher Harald Kühlborn.

Geregelt ist diese Notzeit in der Jagdverordnung. Die Untere Jagdbehörde kann von sich aus eine Notzeit festlegen oder einen Jagdberater – einen externen Experten – konsultieren und diese mit ihm gemeinsam bestimmen. Voraussetzung sei aber in jedem Fall, dass es über mehr als drei Wochen Dauerfrost gibt und der Schnee dadurch hart gefroren ist. Dann dürfe beim Wild zugefüttert werden, um den Bestand zu erhalten, sagt Harald Kühlborn. 

Das sagt der Tierschutzbund

Ein „einheitlicher zeitlicher Ruhekorridor“ für alle Wildtierarten müsse definiert werden, sagt Lea Schmitz, Pressereferentin des Deutschen Tierschutzbundes in Bonn. Im Winter zu Beginn eines Jahres, wenn es kaum Futter gebe und die Tiere wenig körpereigene Reserven haben, sowie in Zeiten der Jungenaufzucht zwischen Frühjahr und Sommer solle keine jagdliche Störung zugelassen werden. Generell sei eine Bejagung im Januar kritisch zu sehen, sagt Schmitz. Allein das Schalenwild benötige „die größtmögliche Ruhe für eine artgemäße Überwinterung mit niedrigen Stoffwechselraten“. Jede Störung wirke sich negativ aus, da es mehr Energie verbrauche, als es aufnehmen kann. „Die Jagdzeiten sollten daher generell auf wenige Wochen im Herbst und Frühwinter begrenzt sein.“ 

Rubriklistenbild: © dpa

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