„Drehen jeden Stein um“

SMA baut radikal um: Auslandsproduktion nicht ausgeschlossen

Fließbandproduktion: Seit einem halben Jahr laufen die Geschäfte bei SMA wieder besser. An dem groß angelegten Stellenabbau ändert dies aber wenig. Unser Foto zeigt die Produktion im Solarwerk I an der Hannoverschen Straße. Archivfoto: Koch

Niestetal/Kassel. Bei SMA ist nichts mehr so, wie es einmal war. „Wir drehen jeden Stein herum“, beschreibt Vorstandssprecher Pierre-Pascal Urbon den „tief greifenden, sehr schwierigen und äußerst schmerzlichen Prozess“, den Management und Belegschaft des Solartechnik-Herstellers durchleben.

Gemeint ist nichts Geringeres als der Abbau von bis zu 1200 der 3100 Vollzeitstellen in Niestetal und Kassel, die komplette Umstellung von Produktion und Logistik auf eine völlig neue Wechselrichter-Generation sowie die Konzentration aller Aktivitäten auf die drei Hauptstandorte: das neue Werk an der Hannoverschen Straße, das alte Betriebsgelände, den Campus, an der Sonnenallee sowie das Service-Zentrum auf dem Sandershäuser Berg. Derzeit werden alle Satelliten aufgegeben, so auch der Hagen- und der Philips-Park in Bettenhausen. Und das alles in wenigen Monaten, bei laufendem Betrieb und nicht zuletzt anziehender Nachfrage, besonders in Übersee.

Beendet ist die Arbeit damit aber keineswegs. „Wir werden auch künftig ständig an unseren Kostenstrukturen arbeiten müssen“, sagt Urbon auch unter Hinweis auf starke Konkurrenz aus Fernost und die extrem schwankungsanfälligen und kleinteiligen Märkte. In den USA, wo SMA seit Jahren produziert, läuft es derzeit blendend. Dort sind die Niestetaler nach eigenen Angaben mit einem Anteil von 24 Prozent Marktführer. Auch in Thailand, Australien, den Philippinen und sogar im stark abgeschotteten Japan kommt SMA immer besser ins Geschäft. Großes Potenzial sieht der Vorstandssprecher in Südamerika, besonders in Brasilien. Das Problem: All diese Länder verlangen hohe Zölle, bis zu 50 Prozent des Warenwerts. Da ist dann Schluss mit Wettbewerbsfähigkeit.

Daher behält sich Urbon den Aufbau von kleinen, schlanken Auslandsproduktionen vor, „wenn der Markt es erfordert“. Ziel sei es, die technologisch anspruchsvollen Kernkomponenten für weite Teile der Welt auch künftig am Stammsitz zu produzieren, die vergleichsweise einfache Endmontage aber in den jeweiligen Ländern ausführen zu lassen. „So erbringen wir den geforderten lokalen Anteil an der Wertschöpfung, ohne den ein Marktzutritt nur schwer gelingt“, sagt er. Voraussetzung allerdings sei, dass die Märkte ein gewisses Potenzial böten. Urbon: „Den richtigen Zeitpunkt für eine lokale Produktion zu finden, ist nicht einfach.“

Marktbeobachter, Analysten und Investoren glauben wieder an SMA. Die Landesbank Baden-Württemberg beispielsweise hält die angehobene Jahresprognose nach wie vor für zu konservativ, hob gestern das Kursziel der Aktie auf 30 Euro an und empfahl sie zum Kauf.

Hintergrund

Kraftwerke, Solar- und Bahntechnik

SMA ist nach eigenen Angaben ohne den abgeschotteten chinesischen Markt nach Umsatz nach wie vor Weltmarkt- und Technologieführer bei Wechselrichtern. Wechselrichter wandeln in Solarmodulen produzierten Gleich- in netztauglichen Wechselstrom. Die Niestetaler sind der weltweit einzige Hersteller, der vom Micro-Wechselrichter bis hin zu Großkraftwerkstechnik alles aus einer Hand anbietet.

Außerdem stellt SMA kombinierte Hybrid-Kraftwerke für entlegene Regionen, sogenannte Insellösungen, sowie Bahntechnik her. Die Niestetaler sind weltweit einziger Anbieter.

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