Gefährliche Hochwassersituationen im Nieste- und im Lossetal

Hochwassergefahr im Altkreis Kassel: Mehr Schutz vor Überflutungen

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Hochwasser in Niestetal: Wenn die Nieste über die Ufer tritt, müssen die Feuerwehren immer wieder ausrücken. Unser Archivbild zeigt eine überflutete Straße in Sandershausen im September 2007. Damals mussten mehrere Keller ausgepumpt werden.

Kreis Kassel. Regenreich ist der Sommer 2017. Im Nieste- und im Lossetal wäre es fast zu gefährlichen Hochwassersituationen gekommen. Doch was tun die Anrainerkommunen zum Schutz der Bevölkerung?

Knapp war es in der letzten Juli-Woche in Sandershausen. Nach dauerhaftem Starkregen war die Nieste über die Ufer getreten und hatte den Sportplatz überflutet. Auf dem Schwimmbadparkplatz zog die Feuerwehr ein geparktes Auto aus dem Wasser, im Ortskern liefen einige Keller voll.

Nur zwei Wochen später drohte sich das Szenario zu wiederholen. Doch hörten die Fluten knapp unter der kritischen Marke auf zu steigen, überflutet wurde nichts. Doch stand der Bauhof der Gemeinde bereits Gewehr bei Fuß – mit Sandsäcken und Wassertonnen waren vorsorglich Barrieren aufgebaut worden.

Klimawandel schlägt zu

Dass wegen des Klimawandels künftig häufiger solche Starkregen zu erwarten sind, glaubt auch Peter Lieder, Bauamtsleiter der Gemeinde Niestetal. Deshalb spielt für ihn das Thema Hochwasserschutz schon seit einiger Zeit eine große Rolle. „Wir haben noch viel vor, um die Situation entlang der Nieste weiter zu verbessern“, sagt Lieder. Erst vor gut drei Jahren sei der renaturierte, rund zehn Fußballfelder große Überflutungsbereich entlang der Heiligenröder Straße gegenüber dem Rathaus (Niesteaue) fertig geworden. 17 000 Kubikmeter Erde wurden bewegt, um eine bis zu 2,5 Meter tiefe Flutmulde zu schaffen. Umbaut wurde das Ganze mit einem 1,5 Meter hohen Ringwall. „Dieser Bereich kann schon gut gefährliche Hochwasserspitzen auffangen, bevor die Fluten den Ortskern erreichen“, sagt Lieder. Die beiden Sportplätze gehörten definitiv dazu. Doch genügt ihm das nicht.

Schock in Sandershausen im Jahr 1965: Am 21. Juli wurde nach schweren Unwettern in Niestetal-Sandershausen ein Wohnhaus am Haarweg komplett von den Wassermassen der überlaufenden Nieste weggerissen. Ein zweites Wohnhaus hielt stand, wurde aber schwer beschädigt.  

Fördermittel vom Land

So soll schon in naher Zukunft weiter aufwärts der Nieste direkt hinter der A7-Autobahnbrücke ein weiteres, etwa zwei Fußballfelder großes Areal renaturiert und mit einer Pufferzone für Hochwasser versehen werden. 250 000 Euro sind dafür im Haushalt 2018 vorgesehen. Das Projekt könnte auch noch größer ausfallen. „Doch hängt das ganz von Fördermitteln des Landes ab, die wir bekommen können“, sagt Lieder.

Bis zum Jahr 2019 sollen auf diese Weise weitere Flächen rechts und links der Nieste bis rauf nach Uschlag für den Hochwasserschutz geplant werden. Hier gilt es noch viel Arbeit zu leisten – es geht um die Auswahl geeigneter Flächen, um spezielle Bauwerke wie Querwälle zur Erhöhung der Wasserrückhaltewirkung und natürlich auch um das liebe Geld.

Doch stehen die Chancen gut. Das Land hat 2015 ein Gewässerschutzprogramm aufgelegt, das noch bis 2021 läuft. Anträge für hochwasserrelevante Projekte müssen bis 2019 eingereicht werden – dann sind sie bis zu 95 Prozent förderfähig. „Das wollen wir voll ausschöpfen“, sagt Lieder. „Jeder Liter Wasser, den wir aus dem Ortskern raushalten können, ist Gold wert“.

Hochwasserschutz entlang der Nieste

Sorge bereitet Lieder allerdings der Ortskern Sandershausens selbst – vor allem im Bereich der Insel. Die Nieste ist dort in enge Betonrinnen gefasst, Platz für Flutbereiche gibt es nicht. Doch arbeitet die Gemeinde dort aktuell an einem Quartierskonzept für die energetische Sanierung von Wohnhäusern. „Förderfähige Belange des Hochwasserschutzes könnten hier mit einfließen“, sagt Lieder – vom hochwasserfesten Keller bis hin zum Abbau von Ölheizungen in Kellerräumen.

Nieste: Den Hochwasserschutz erledigt die Natur

Wirklich Sorgen um Hochwasser müssen sich die rund 2000 Einwohner der Gemeinde Nieste nicht machen. Nieste ist der erste Ort, durch den die Nieste – sie hat ihre Quelle tief im Kaufunger Wald – fließt. Dort ist sie zwar schon ein größerer Bach, der bereits von vier Zuflüssen gespeist wurde – dem Endschlagbach, der Dürren Nieste, dem Wengebach und dem Schwarzbach. Doch liegt dieses Einzugsgebiet mitten im Kaufunger Wald und wurde deshalb noch nie kanalisiert, begradigt oder sonst wie wasserbaulich verändert – die Nieste ist bis Nieste bis heute ein völlig natürliches und deshalb intaktes Gewässer geblieben. Soll heißen: Den Hochwasserschutz erledigt die Natur selbst. 

Peter LiederHNA/Archiv

Wie macht sie das? Der Oberlauf der Nieste hat in erster Linie viel Platz, keine Gebäude oder Straßen engen den Bachlauf ein. Der Bach mäandert zum Teil in mehreren Strängen durch das Tal, Auwälder und Feuchtwiesen säumen die Ufer. Diese sogenannten Retentionsräume, also die Überschwemmungsbereiche, sind entsprechend groß und können sehr viel Wasser aufnehmen, falls es zu einer Hochwassersituation kommt. Vor allem die gefährlichen Hochwasserspitzen, die in den Ortslagen dann Straßen und Keller fluten können, werden auf diese Weise abgefangen. 

„Insofern sind bei uns in Nieste auch keine weiteren Maßnahmen zum Hochwasserschutz geplant“, sagt Niestes Bürgermeister Edgar Paul (SPD). Gefährlich könne es allein im Ortskern werden, dort, wo die Nieste durch ein enges Bachbett ohne Ausweichmöglichkeiten abfließen müsse. Doch tatsächlich habe es im Ort seit vielen Jahren keine gefährlichen Überflutungen mehr gegeben – „das letzte große Hochwasser war im Sommer 1965“, erinnert sich Paul. 

Probleme bereiteten aktuell eher schwere Regenfälle, die direkt über dem Ort niedergingen. „Die Wassermassen verwandeln die Straßen in Bäche, die Kanalisation ist überlastet“, sagt Paul. Bei dem Starkregen am 27. Juli habe der Wasserdruck in den Kanalrohren im Bereich der Kaufunger Straße die Gullydeckel hochgehoben. Wie bei einem Brunnen war das Wasser in Fontänen aus den Kanalschächten auf die Straße gesprudelt. 

Doch sei so etwas kaum abstellbar. „Wir können jetzt unmöglich unser Kanalnetz komplett neu bauen, nur weil möglicherweise häufiger, dafür aber lokal sehr begrenzt ein Gußregen auf Nieste niederprasseln könnte“, sagt Paul. Das könne und wolle niemand bezahlen, „weder wir als Kommune noch unserer Wasserverband Peine“.

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