Historische Grenzgeschichten

In Niestetal ging es schon zur Zeit Karls des Großen hoch her

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Zeugnisse einer langen Geschichte: Das sogenannte Grenzsteinnest an der Hannoverschen Straße markiert bis heute die Grenzlinie zwischen Hessen und Niedersachsen. Der älteste Stein, der hier steht, stammt aus dem Jahr 1536 (zweiter von links). Er geht auf einen Grenzvertrag zwischen Landgraf Philipp I. von Hessen und Herzog Erich I. von Braunschweig zurück.

Niestetal. Niestetal war schon immer Grenzgebiet – seit Beginn der Zeitrechnung. Was heute die Grenze zu Niedersachsen ist, war bereits im Altertum Grenze, und zwar zwischen den Chatten (Hessen) im Süden und den Cheruskern im Norden.

„Diese Grenzlage macht sich bis heute bemerkbar“, sagt Barbara Elsas vom Geschichtsverein Niestetal. Allein schon die Aussprache verschiedener Worte sei dies- und jenseits dieser Linie bis heute verschieden. „Während die Leute südlich des Zollforsthauses kurz vor Landwehrhagen an der Hannoverschen Straße eher ,das’ und ,was’ sagen, werden die zwei Worte nördlich dieser Linie schon mal zu einem ,Dat’ oder ,Wat’ umgewandelt“. Auch der Ortsname Landwehrhagen verrät: „Eine Landwehr war eine durch Wall und Graben befestigte Landesgrenze“.

Geschichte auf 130 Seiten

Es sind Besonderheiten wie diese, die Barbara Elsas zusammen mit ihren Vereinskollegen Reiner Leidich und Franz Höfer in fast fünfjähriger Arbeit zu einer spannenden Historie der Grenzlage Niestetals zusammengetragen haben. Der Band trägt den Titel „Grenzregion Niestetal“ und ist inzwischen die vierte Veröffentlichung des Geschichtsvereins Niestetal. Am Mittwoch, 14. März, soll er bei einer Vortragsveranstaltung im Niestetaler Rathaus vorgestellt werden (siehe Information unten).

Die 130 Seiten starke Broschüre steckt voller Details. So ging es schon zur Zeit Karls des Großen (768-814) nördlich von Niestetal hoch her. Während die Franken im Süden eine klare Grenzlinie bevorzugten, war diese Vorstellung den nördlichen sächsischen Stämmen völlig fremd. Für sie war die Grenze eher ein gut vier Kilometer breiter Gürtel, „ein Niemandsland“, sagt Reiner Leidich, das von beiden Seiten zum Beispiel für Hutewirtschaft genutzt werden durfte.

Dieser Umstand sorgte immer wieder für Konflikte, bis 1536 Landgraf Philipp I. von Hessen und Herzog Erich I. von Braunschweig einen Grenzvertrag schlossen, der Nutzungsrechte für die Untertanen genau regelte. So wurden tatsächlich noch bis in die 1980er Jahre hinein Holzlesescheine für die örtliche Bevölkerung ausgestellt – „ein Relikt aus dieser Zeit“, sagt Elsas.

„Es gibt nur eine kurze Phase zwischen 1807 und 1813, in der es keine Grenze nördlich von Niestetal gab“, sagt Elsass. Das war zur Zeit des Königreichs Westphalen, eines Satellitenstaates Frankreichs, der politisch unter der Kontrolle Napoleons stand.

Nach Napoleon ging es mit der Grenze weiter – das Kurfürstentum Hessen und das Königreich Hannover schlossen einen neuen Grenzvertrag. „Von diesen Grenzsteinen aus dem Jahr 1838 stehen bis heute noch 28 Stück im Wald bis nach Uschlag“.

Reger Schmuggel

Vor allem in dieser Zeit zwischen 1832 und 1854 hat es regen Schmuggel zwischen dem Deutschen Zollverein (Kurhessen gehörte dazu) hin zum Königreich Hannover gegeben. Grund waren unterschiedliche Warenpreise. Geschmuggelt wurden Salz und Kaffee. „Den Schmugglerpfad gibt es heute noch. Ebenso ist Spiekershausen bei Historikern als ,Schmugglernest’ bekannt“.

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