Bewohner des Seniorenzentrums Niestetal: Fühlen uns wohl hier

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Wollen das negative Bild zurechtrücken: Bewohnerinnen des Seniorenzentrums in Niestetal wendeten sich gegen Kritik an den Zuständen in ihrem Heim (von links): Waltraud Stübner, Hannelore Höhmann, Sigrid Ulbricht, Edeltraud Pape und Ingelore Führer. Sie fühlen sich wohl in dem Altenheim.

Niestetal. „Wenn einem was nicht passt, dann soll er es offen und ehrlich sagen", meint Emma Grimm. Die 92-Jährige ist Bewohnerin des Seniorenzentrums Niestetal.  

Grimm ist empört über die Kritik, die eine Altenheim-Mitarbeiterin vergangene Woche anonym in der HNA äußerte. Wir sitzen mit einem Dutzend Bewohnern in einem Aufenthaltsraum des vor drei Jahren eröffneten Heims. Alle teilen die Meinung der 92-Jährigen: Hintenrum reden - „das ist gemein“.

Die alten Menschen - fast alle sind Frauen - wollen deutlich machen, dass sie das Seniorenheim, in dem sie leben, gut finden. Deshalb haben sie sich bei der Zeitung gemeldet. Wir fühlen uns wohl hier, so lautet ihre gemeinsame Botschaft. Im Laufe des Gesprächs entsteht ein differenzierteres Bild.

„Wir können hier alle in Ruhe essen“, weisen sie die Kritik über den großen Zeitdruck der Beschäftigten zurück.

„Ich bin angenehm überrascht, wie schön es hier ist“, berichtet Edeltraut Pape (80), die seit einem halben Jahr in der Einrichtung lebt. Das Essen werde jeden Tag frisch gekocht, man könne auch eigene Wünsche äußern. „Es schmeckt gut“, sagt sie, und wenn es mal nicht schmecke, „dann sagen wir das dem Küchendienst.“

Wurde kritisiert: Das Seniorenzentrum in Niestetal.

„Es ist sehr liebevoll hier“, findet Emma Grimm. „Man wird getröstet, wenn man mal traurig ist.“ „Ich finde, dieses Heim ist das schönste, das es hier in der Region gibt“, pflichtet ihr Hannelore Höhmann (85) bei. Das finden alle im Raum so, Applaus brandet auf.

Die Ausstattung sei sehr gut, stellt Hildegard Veitengruber (94) fest. Doch dann kommen auch kritischere Töne. Es gebe zu wenig Personal, merkt die resolute alte Dame an. „In der Nacht nur zwei Leute für 80 Bewohner, das ist doch zu wenig.“ Wenn dann noch jemand mehrfach um Hilfe klingele, dauere es lange, bis jemand komme.

Überhaupt, die Personalsituation - da geben sie der anonymen Kritikerin recht: Die Mitarbeiter wechseln ständig, berichten sie, „zu jeder Mahlzeit kommt ein anderer“. „Nach 75 Wechseln in der Belegschaft habe ich aufgehört mitzuzählen“, sagt Hildegard Veitengruber.

Alle, die hier arbeiten, geben sich die größte Mühe, stellen die Bewohner unisono fest. Trotzdem sei das Betriebsklima nicht besonders gut. Sie üben Kritik an der Zeitarbeitsfirma, die Mitarbeiter abzog, obwohl sie bei den Bewohnern beliebt waren. „Wenn wir zufrieden sind, dann müssen die auch bleiben können“, meint Willi Knögel (79).

Er spricht auch das Problem der Motivation der Beschäftigten an. „Die Mitarbeiter, die hierherkommen, um zu arbeiten, müssen das auch wollen“, findet er. Selbstverständlich sei das heute keineswegs.

Ein schönes Sommerfest habe man gefeiert, erinnern sie sich gemeinsam. Doch als die Rede auf Weihnachten und Silvester zu sprechen kommt, gehen die Meinungen auseinander: Warum gab es an Silvester keine Kreppeln, fragt Hildegard Veitengruber. Für die 94-Jährige ist Silvester ohne Kreppeln undenkbar: „Ihr habt doch auch immer zu Hause Kreppeln gebacken?“ Natürlich, pflichten die anderen Damen bei. Aber muss es deswegen hier auch so sein?

Stellungnahme der Awo-Geschäftsleitung  

Die Awo Nordhessen als Trägerin des Seniorenzentrums Niestetal weist in einer Presseerklärung die erhobenen Vorwürfe „entschieden zurück“. Die Unzufriedenheit einer einzelnen Mitarbeiterin dürfe nicht dazu führen, die Einrichtung zu diskreditieren. Die Darstellung, „dass unsere alten Menschen nicht ausreichend Zeit zum Essen haben (...), entspricht in keinster Weise der Realität“, schreiben Awo-Geschäftsführer Michael Schmidt und Geschäftsbereichsleiter Herbert Leidenfrost in ihrer Stellungnahme. In Niestetal werde das Konzept der stationären Hausgemeinschaften mit je 13 bis 15 Bewohnern umgesetzt. Dabei würden die täglichen Speisen in den Wohnküchen von Alltagsbegleiterinnen gemeinsam mit den Bewohnern frisch zubereitet. Die Arbeitszeiten der Beschäftigten seien auf diese Bedürfnisse angepasst.

Es werde ausreichend Personal in der Niestetaler Einrichtung beschäftigt, meint die Awo. „Die von der Heimaufsicht ermittelte Personaldifferenz stellt sich in keinster Weise“, heißt es weiter. Die Ermittlung der Pflege- und Betreuungskräfte dürfe nicht, wie von der Heimaufsicht vorgenommen, auf den Prüfungstag bezogen werden. Vielmehr habe der Personalabgleich laut Rahmenvertrag monatsweise zu erfolgen. „Wir halten gemäß unserer vertraglichen Vorgaben nicht nur für den Monat Juli das entsprechende Personal im Pflege- und Betreuungsbereich vor, sondern auch in allen zurückliegenden Monaten“, so die Awo-Leitung. Je nach den Bedürfnissen Auch bei der Körperpflege gebe es keine Defizite. „Alle Bewohner werden entsprechend ihren persönlichen Bedürfnissen und Wünschen pflegerisch versorgt“, so die Awo.

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