Workshop für Forstleute aus EU

Für Extremfälle: Forstleute aus EU lernten in Niestetal Umgang mit Windwurf

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Stand unter besonderer Beobachtung: Der Italiener Ivo Tessaro (55) aus Trient, Italien, übte das richtige Sägen an einer beim Sturm Friederike geworfenen Fichte. Rechts schaut Martin Hennemuth (50), ausbildender Forstwirtschaftsmeister vom Forstamt Hessisch Lichtenau, prüfend zu.

Niestetal. Das Arbeiten an Windwurf birgt große Risiken für Forstleute. In Niestetal führten hessische Einrichtungen einen einzigartigen Workshop für Forstleute aus EU-Ländern.

Unter besonderer Beobachtung steht Ivo Tessaro, während er eine umgestürzte Fichte in einem Waldstück zwischen Niestetal-Sandershausen und Spiekershausen bearbeitet. Dramatik liegt in der Luft.

Bevor Tessaro die Kettensäge anwirft, heißt es, genau hinsehen: Wie liegt der Baum, wo steht er unter Spannung, wie könnte er sich bewegen? Tessaro schätzt die Situation ein und entfernt Gräser und Äste, die ihm den Weg versperren. Ein Stahlseil wird um den Baum gelegt, als Verbindung zum Harvester (Holzerntemaschine), der im Hintergrund wartet.

„Hoch gefährliche Arbeit“

Dann schreit die Motorsäge, die der 55-Jährige aus Trient in Italien mit geübten Handgriffen durch das Holz fahren lässt. Dabei gucken ihm nicht nur 23 Forstarbeiter aus sechs EU-Ländern und mehrere Prüfer genau zu. Auch hat Martin Hennemuth, ausbildender Forstwirtschaftsmeister vom Forstamt Hessisch Lichtenau, ein Auge auf jeden Schritt.

„Die Arbeit an Windwurf ist hoch gefährlich und körperlich anstrengend. Deswegen müssen wir auf Sicherheit und Ergonomie achten“, sagt der 50-Jährige, der mit Experten aus der Region und Hessen durch einen zweitägigen Workshop für Forstarbeiter führt.

Bestehen die Prüflinge den Test am Ende, haben sie mit ECC 4 (siehe Hintergrund) die anspruchsvollste Stufe des Europäischen Motorsägenzertifikats erreicht und dürfen in allen EU-Ländern zum Beseitigen von Sturmschäden eingesetzt werden.

„Wir möchten alle Teilnehmer auf ein Level bringen“, erklärt Petra Westphal, Pressesprecherin von Hessen Forst. Gemeinsam mit dem Kuratorium für Waldarbeit und Forsttechnik (KWF) und dem Forstlichen Bildungszentrum von Hessen Forst (FBZ) solle es gelingen, bei Waldarbeitern einen einheitlichen Standard zu erreichen.

Schließlich sollen die Teilnehmer auch Forstarbeiter in ihren Ländern ausbilden, damit diese nach Stürmen das Chaos in den Wäldern beseitigen können. Wichtig dabei sei, die Übungssituation so realistisch wie möglich zu gestalten, betont Westphal. Daher üben die Teilnehmer in einem Windwurfgebiet, dass sie im Wald bei Niestetal vorfinden.

„Damit ist dieser Kurs in Europa einzigartig“, sagt Volker Gerding, Sachgebietsleiter für berufliche Bildung beim FBZ, dem die Organisation des Workshops obliegt. Andere EU-Länder schulten Forstarbeiter in simulierten Windwurfsituationen und hätten teils niedrigere Standards. Hier könnten alle Teilnehmer voneinander lernen.

Tessaro hat mit drei Italienern mehr als zehn Stunden Fahrtzeit auf sich genommen. Verletzt habe er sich bislang noch nicht bei seinem gefährlichen Job. Damit das so bleibt, übt er den Zapfenschnitt, den er kürzlich gelernt hat. Der ermöglicht es ihm, sich sicher vom Stamm zu entfernen. Tessaro sägt den Stamm nicht vollends durch, sondern lässt ein Stück stehen.

Kurzes Handzeichen an seinen Kollegen im Harvester. Stille. Dann brummt der Motor, die große Maschine fährt an und trennt den tonnenschweren Teller vom Stamm. Alle Zuschauer applaudieren – Tessano wirkt erleichtert und ein wenig stolz.

Das sagt Hessen Forst: Friederike beschäftigt bis 2019

Petra Westphal

Orkantief Friederike zog am 18. Januar 2018 von Irland über mehrere Länder bis nach Polen. Auch viele Gebiete in Deutschland blieben nicht verschont: „Die Wälder Nordhessens gehören zu den am schwerst-betroffenen Forsten in der Bundesrepublik“, sagt Petra Westphal, Sprecherin von Hessen Forst. „Im Landkreis Kassel sind rund 600 000 Festmeter Holz vom Sturm Friederike geworfen worden“, so Westphal. 

Die finanziellen Schäden und Folgekosten gingen in die Millionen aufgrund von Preisrücknahmen, höherer Aufarbeitungskosten, Nasslagerung, Qualitätsverlusten, Waldschutzrisiken und Kosten der Wiederbewaldung. Das verteile sich auf die Forstämter Hessisch Lichtenau, Wolfhagen und Reinhardshagen.

Aber auch Rotenburg und Melsungen seien betroffen gewesen. Zum Zeitplan sagt Westphal: „Wir gehen davon aus, dass die Aufräumarbeiten noch bis 2019 andauern. Zur Zeit sind im betroffenen Gebiet knapp 50 Prozent aufgearbeitet.“ 

Nach dem Sturm hätten die Forstleute eigentlich mit einer schnelleren Aufarbeitung gerechnet. Allerdings sei es insbesondere beim Abtransport des Holzes durch Harvester und Lkw zu Engpässen gekommen. „Die Fahrzeuge sind schließlich nicht nur hier unterwegs, sondern werden europaweit eingesetzt, da es auch andernorts schweren Windwurf gab“, erläutert die Sprecherin. Daher sei auch die Ausbildung der Forstleute über die Grenzen hinaus so wichtig. Denn auch sie könnten in Krisengebieten helfen.

Hintergrund: Mit der Motorsäge umgehen lernen

Kurse für das Motorsägenzertifikat ECC (European Chainsaw Certificate), vom EFESC (Europäische

Vereinigung der Berufe in Forstwirtschaft und Umwelt) eingeführt, werden in Hessen vom Forstlichen Bildungszentrum (FBZ) mit Sitz in Weilburg (Landkreis Limburg-Weilburg) angeboten. Die jeweiligen Stufen beinhalten Folgendes: ECC 1: Technische Grundlagen, Motorsägen-Wartung, Einschneidetechniken; ECC 2: Grundlagen der Schwachholzaufarbeitung; ECC 3: Fällen und Aufarbeiten von mittelstarkem und starkem Holz; ECC 4: geworfenes und gebrochenes Holz, Windwurfaufarbeitung. Will ein Lehrer im Forstwesen die ECC-Prüfung selbst durchführen, muss er an den jeweiligen Workshops teilnehmen, ist aber nicht verpflichtet, die Prüfung abzulegen. 

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